Das Massaker von My Lai aus vietnamesischer Sicht | Asien | DW | 15.03.2018
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Kriegsverbrechen

Das Massaker von My Lai aus vietnamesischer Sicht

Vor 50 Jahren ermordeten US-Soldaten mehr als 500 Zivilisten im vietnamesischen Dorf My Lai. In der von der Partei kontrollierten Erinnerungskultur des Landes spielt das Massaker dennoch nur eine untergeordnete Rolle.

Einige Wendepunkte und Bilder des Vietnamkriegs sind tief eingebrannt in das kollektive Gedächtnis der USA und des Westens: die Tet-Offensive, das von Napalm verbrannte nackte Mädchen Kim Phuc, die Evakuierung US-amerikanischer Verbündeter vom Dach eines Apartmenthauses in Saigon in den letzten Tagen des Krieges. Zu diesen Erinnerungen gehört auch das Massaker von My Lai.

Am 16. März 1968 rückten GIs eines US-amerikanischen Spezialkommandos in das Dorf My Lai ein. Ihr Auftrag: Vietcong aufspüren und töten. Doch statt Vietcong fanden die Soldaten nur Alte, Frauen und Kinder. Frustration, Rachegelüste - ein Platoon des Spezialkommandos unter der Führung von Lieutenant William Calley hatte am Tag zuvor einen Kameraden in einem Hinterhalt verloren - und das Versagen der Offiziere, die die Einsatzregeln bewusst missachteten, mündeten schließlich in ein mehrstündiges Massaker mit Massenerschießungen, Verstümmelungen und Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen. Bis zum Mittag waren 504 Zivilisten tot. Einzig ein Hubschrauberpilot, Warrant Officer Hugh Thompson, und seine Crew stellten sich dem Morden entgegen. Sie retteten elf Vietnamesen das Leben.

Das Versagen der USA

Das US-Militär versuchte, das Massaker von My Lai zu vertuschen. Doch der Journalist Seymour Hersh bekam ein Jahr nach dem Morden einen Tipp. Es gelang ihm, beteiligte Soldaten zu interviewen und so schließlich das ganze Ausmaß der Kriegsverbrechen aufzudecken.

Vietnam - Historische Aufnahme: Napalmangriff (picture-alliance/AP Photo/N. Ut)

Kinder flüchten vor einem Napalm-Bombardement der südvietnamesischen Luftwaffe. Das Foto der schwer verbrannten Kim Phuc (Mitte) von Nick Ut zählt zu den bekanntesten des Vietnamkriegs

Während der juristischen Aufarbeitung unternahm das Pentagon alles, um Beweise verschwinden zu lassen und den Prozess zu verschleppen. Wenige Täter wurden belangt. Als einer der wenigen wurde William Calley wegen 22-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, die er allerdings im Hausarrest absitzen durfte. Nach nur vier Jahren begnadigte ihn Präsident Nixon. My Lai wurde in den Augen der Kriegsgegner so zum Symbol dafür, dass die USA den falschen Krieg aus den falschen Gründen mit den falschen Mitteln führten.

Bedeutung in Vietnam

Im Gegensatz dazu nimmt My Lai in der Erinnerungskultur Vietnams keine so herausragende Stellung ein, wie der Historiker und Vietnamspezialist Martin Großheim im Gespräch mit der Deutschen Welle sagt. "In Museen und Erinnerungsstätten ist das Ereignis zwar überall präsent, aber insgesamt nimmt das Ereignis keinen so prominenten Platz ein wie im Westen. Das zeigt sich auch daran, dass die Erinnerung an den 50. Jahrestag nur auf Ebene der Provinz und ohne Beteiligung hochrangiger Vertreter von Regierung oder Partei geplant ist." Auch die landesweiten Medien hätten das Thema zwei Tage vor dem Stichtag noch nicht aufgegriffen.

Seymour Hersh (picture-alliance/AP Photo)

Seymour Hersh erhielt für die Reportage über My Lai den Pulitzer-Preis

 

Eine Erklärung dafür ist, dass das Massaker - das im Übrigen kein Einzelfall war - aus vietnamesischer Sicht nur ein weiteres Beispiel für die von den USA begangenen Kriegsverbrechen ist; Napalm oder Agent Orange sind als Stichworte zu nennen. In den USA erschütterte My Lai demgegenüber das US-amerikanische Selbstverständnis der moralischen Überlegenheit, wie neben anderen der Historiker Bernd Greiner vom Hamburger Institut für Sozialforschung in seinem Buch "Krieg ohne Fronten" dargelegt hat.

Zentral gesteuerte Erinnerungskultur

Das Massaker hat auch deshalb weniger Gewicht als beispielsweise die Tet-Offensive, weil die Erinnerungskultur Vietnams von der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) gesteuert wird, wie Großheim erklärt. "Der Anteil der Propaganda ist sehr groß. Insgesamt wird in Vietnam in Geschichtsbüchern, Gedenkstätten, Museen etc. eine Meistererzählung propagiert, in der die Kommunistische Partei Vietnams die Rolle als wichtigster Akteur und einziger legitimer Wahrer der Interessen des vietnamesischen Volkes spielt. Ereignisse, die nicht in dieses einseitige Geschichtsbild passen, werden nicht thematisiert oder aber beschönigend dargestellt."

My Lai ist in diesem Zusammenhang von untergeordneter Bedeutung, da es nicht direkt zur Legitimation der KPV beiträgt, sondern "nur" die Brutalität der Amerikaner unterstreicht. Allenfalls eignet sich das Massaker, um zu verdeutlichen, dass Vietnam einen "gerechten Krieg" geführt hat. Der "gerechte Krieg" ist ein "Kernelement eines staatlichen Erinnerungsprojekts zur Legitimierung des kommunistischen Einparteienstaats", wie Großheim in einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Studie zur Geschichtspolitik Vietnams zeigen konnte.

Die unterschiedliche Gewichtung zeigt sich besonders deutlich im Vergleich mit den ebenfalls in dieses Jahr fallenden Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Tet-Offensive. Der Offensive wurde und wird landesweit mit Veranstaltungen und Feierlichkeiten gedacht, wie Großheim vor Ort beobachtet hat. "Vorrangiges Ziel des Gedenkens ist es, die Tet-Offensive als eine weise und richtige Entscheidung der Partei sowie als erfolgreichen militärischen Angriff und Volksaufstand zu präsentieren." Absolutes Tabuthema sind in diesem Zusammenhang die Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung während der Kämpfe um die zentralvietnamesische Stadt Hue. Die damaligen Morde an der Zivilbevölkerung tauchten nur sporadisch in Blogs auf, hat Großheim beobachtet.

Annäherung an den ehemaligen Feind

Ein weiterer Aspekt, der die vietnamesische Wahrnehmung My Lais verändert hat, sind die insgesamt verbesserten Beziehungen zu den USA. Großheim sagt: "Natürlich wird My Lai nach wie vor eng mit den USA assoziiert, doch haben in den letzten Jahrzehnten viele Aktivitäten amerikanischer NGOs bzw. amerikanischer Veteranen stattgefunden, die einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung geleistet haben." In diesem Zusammenhang ist auch die geplante Errichtung eines Friedensparks in der Provinzhauptstadt Quang Ngai, rund 30 Autominuten von der Gedenkstätte My Son  entfernt, zu sehen, der unter dem Zeichen der Völkerverständigung und Aussöhnung stehen soll (My Lai gehört zu dem Dorf My Son).

Die Annäherung an die USA ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der wachsenden Spannungen mit der Volksrepublik China einzuordnen. China ist für viele Vietnamesen traditionell die eigentliche Bedrohung. Hier erhofft sich die Bevölkerung und bis zu einem gewissen Grad auch die Partei die Unterstützung der USA, die als Gegengewicht zum dominanten China genutzt werden können. Die USA wissen, dass die Aufarbeitung des Vietnamkriegs für die außenpolitische Annäherung der ehemaligen Kriegsgegner eine zentrale Rolle spielt. Das dafür gewachsene Verständnis belegt der Besuch von US-Seeleuten des Flugzeugträgers USS Carl Vinson Anfang März 2018 in einem Zentrum für Opfer des Entlaubungsmittels Agent Orange im zentralvietnamesischen Danang.

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