Das Martyrium der mexikanischen Rückkehrer | Welt | DW | 05.02.2018
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Massenabschiebungen

Das Martyrium der mexikanischen Rückkehrer

Von wegen Willkommenskultur: In Mexiko erfahren Rückkehrer aus den USA kaum Unterstützung. Angesichts der bevorstehenden Massenabschiebungen aus den Vereinigten Staaten nimmt der Druck auf die mexikanische Regierung zu.

Von der illegalen Fabrikarbeiterin in den USA zur Start-up-Gründerin in Mexiko-City. Auf den ersten Blick ist der Werdegang der 42-jährigen Ana Laura López in Mexiko-City eine Erfolgsgeschichte.

Jede Woche empfängt sie Rückkehrer aus dem Norden in dem von ihr neu gegründeten Café in unmittelbarer Nähe des Flughafens Benito Juárez. Sie leitet die Selbsthilfeorganisation für Abgeschobene "Deportados unidos en la lucha" (Abgeschobene vereint im Kampf). Und sie betreibt mit anderen Rückkehrern die Druckerei "Deportados Brand", in der begehrte T-Shirts mit Anti-Trump-Motiven hergestellt werden.

Ana Laura López hat nach 15 Jahren in den USA den Neuanfang in ihrer alten Heimat geschafft. Doch Erfolgsgeschichten wie ihre könnten in Zukunft eher zur Ausnahme werden. Denn schon jetzt ist Mexiko mit der Reintegration der Rückkehrer restlos überfordert.

Abgeschoben und abgelehnt

Sollte das bisherige US-Programm zum Schutz der sogenannten "Dreamers", also der Migranten, die bei ihrer Einreise in die USA minderjährig waren, am 5. März endgültig auslaufen, droht Chaos. Denn für dann hunderttausende Rückkehrer gibt es keine nationalen Programme zur Reintegration in die Gesellschaft.

T-Shirt-Druckerei Deportados Brand (Getty Images/AFP/Y. Cortez)

Druckerei "Deportados Brand": T-Shirts mit Anti-Trump-Motiven

"Man kann es der mexikanischen Regierung nicht verzeihen, dass sie so wenig für die Rückkehrer tut", sagt Luicy Pedrosa, die am Hamburger GIGA-Institut für Lateinamerika-Studien zum Thema Migration forscht. Das Thema sei nicht neu, schließlich gebe es schon seit 2008 rund 300.000 Abschiebungen pro Jahr.

Armut im eigenen Land

"Ein Grund, warum der Staat so wenig für die Rückkehrer tut, ist Armut", vermutet Pedrosa. "Man kann gegenüber den 40 Millionen Mexikanern, die unter der Armutsgrenze leben, nicht sagen: 'Wir tun jetzt mehr die Rückkehrer, aber nicht mehr für Euch'."

Bis jetzt beschränkt sich die Unterstützung von Rückkehren auf zusätzliche Informationsstände an Flughäfen und Busterminals, wo Ankömmlinge erste organisatorische Fragen klären können. Außerdem gibt es Programme, die finanzielle Unterstützung bei der Weiterreise in den Heimatort vorsehen, sowie eine erste Notversorgung mit Essen und Trinken ermöglichen.

"Reintegration ist das nicht", sagt Forscherin Pedrosa. Denn insbesondere die Dreamer litten unter Diskriminierung in ihrer neuen, fremden Heimat. "Sie sprechen perfekt englisch, aber nicht so gut spanisch. Weil sie in Mexiko keine sozialen Netzwerke haben, fühlen sie sich nicht zu Hause."

Kehren auch Fachkräfte zurück?

Speziell für die Dreamer verabschiedete der mexikanische Senat vor einem Jahr die sogenannte "Initiative Monarca". Sie ist nach einem in Mexiko bedrohtem Schmetterling benannt, der jedes Jahr von Mexiko bis nach Kanada und zurückfliegt. Ein Ziel der Initiative: Die mexikanischen Konsulate in den USA sollen sich künftig verstärkt an gut ausgebildete Migranten wenden und mit ihnen die Chancen auf dem mexikanischen Arbeitsmarkt ausloten.

Mexiko aus den USA abgeschobene Bürger | Arbeitsvermittlung (Getty Images/AFP/Y. Cortez)

Beratung eines Rückkehrers am Flughafen von Mexiko-City: "Reintegration ist das nicht"

Bei einem Informationsabend des mexikanischen Konsulats in Los Angelos wurde jedoch klar, dass es in Wirklichkeit an grundlegender Unterstützung mangelt: So forderten die mexikanischen Migranten weniger Bürokratie, geringere Gebühren für die Ausstellung notwendiger Papiere, Rechtsbeistand sowie die Vereinfachung von Rückkehr und Transport nach Mexiko.

"Es gibt wirklich sehr wenig Unterstützung für Rückkehrer", bestätigt Unternehmerin López, die am 30. September 2016 abgeschoben wurde. "Die Rückkehrer brauchen eine Krankenversicherung, sie brauchen eine Unterkunft und zum Beispiel Hilfe, wenn sie ein Gewerbe gründen wollen", weiß sie.

Vorbild Mexiko-City

Dass diese Forderungen im Fall von Ana Laura López alle in Erfüllung gingen, liegt daran, dass sie Amalia García Medina aufsuchte. Die Arbeitsministerin der Regionalregierung in Mexiko-City, eine der bekanntesten Linkspolitikerin des Landes, unterstützt Rückkehrer mit Kontakten, Trainingsprogrammen und kleinen finanziellen Zuschüssen.

Ana Laura López (Deportados Unidos en la Lucha)

Unternehmerin López: "Kein Kissen, kein Kühlschrank, keine Kaffeetasse"

Doch nur 500 Rückkehrer nehmen an Medinas Programm teil. Angesichts der rund 300.000 Rückkehrer pro Jahr eine verschwindend geringe Zahl. Die Behörde unterhält 16 Büros in der Metropole, das gesamte Budget beträgt laut Presseberichten umgerechnet gerade einmal 24 Millionen Euro.

"Es ist sehr schwierig, zurückzukommen und ein Land vorzufinden, was sich leider kaum verändert hat", sagte Ana Laura López dem Sender Bloomberg TV in Mexiko. "Von einem Moment auf den anderen sind kleine Dinge, die man für selbstverständlich hält, auf einmal nicht mehr da: Ein Bett, eine Kaffeetasse, ein Kühlschrank oder ein Kissen."

Am meisten jedoch leidet sie unter der Trennung von ihren Kindern. "Es ist grausam, wie die Familien auseinandergerissen werden", sagt sie. Der einzige Trost sei, dass sich die Rückkehrer in Mexiko zusammenschlössen und versuchten, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. "Wir kämpfen dafür", sagt López, "dass Mexiko ein Land wird, aus dem die Menschen nicht mehr auswandern müssen."

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