″Das Herz Italiens ist verwüstet″ | Aktuell Europa | DW | 31.10.2016
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Italien

"Das Herz Italiens ist verwüstet"

Die Zerstörung ist umfassend, Zehntausende Menschen haben ihr Zuhause verloren. Die Beben in Mittelitalien haben gravierende Folgen. Premier Renzi verspricht Hilfe und setzt auf Zusammenhalt.

Italien Nach dem Erdbeben in Amatrice

Nach dem erneuten Erdbeben sind große Teile der Stadt Amatrice zerstört

"Die Seele Italiens ist unruhig", sagte Italiens Premierminister Matteo Renzi und versprach den Betroffenen sofortige Hilfe: "Wir werden alles wieder aufbauen: die Häuser, die Kirchen und die Geschäfte". Das Erdbeben habe "das Herz unserer Halbinsel" verwüstet. "Diese Dörfer sind die Identität Italiens: Wir müssen alles wiederaufbauen, schnell und gut. Wir schaffen das, weil wir alle Italien sind."

In die Entscheidungen seines Kabinetts sollten auch die Spitzen der betroffenen Regionen und der Zivilschutz einbezogen werden, sagte der Regierungschef weiter. "Es wird kein einziger Cent verschwendet, und wir müssen zeigen, wer wir sind: Menschen die - anders als in der Vergangenheit - wissen, wie man öffentliche Arbeiten ohne Verschwendung und ohne Diebe erledigt." 

In der Nacht bebte es weiter

Das Beben vom Sonntag erschütterte die Region mit der Stärke 6,6. Es sei das stärkste in Italien seit 1980, als im Süden 2735 Menschen ums Leben kamen, sagte der Chef des Zivilschutzes, Fabrizio Curcio. Nachbeben haben in der vergangenen Nacht die Menschen weiter verunsichert. Das stärkste hatte nach Messungen der italienischen Erdbebenwarte INGV eine Stärke von 4,2. Das Epizentrum lag wie am Sonntag in der Nähe der Kleinstadt Norcia in Umbrien.

Berichte über Tote gibt es nicht, auch keine Vermisstenmeldungen. Etwa 20 Menschen seien verletzt worden, es schwebe aber niemand in Lebensgefahr, sagte Curcio. In der Ortschaft Ussita in der Region Marken wurden drei Verschüttete lebend aus Trümmern geborgen.

Allein in den Marken verloren mehr als 25.000 Menschen ihre Unterkunft. Das teilte der Präsident der Region, Luca Ceriscoli, mit. Hinzu kommen die Obdachlosen in der Region Umbrien, wo vor allem die Kleinstadt Norcia getroffen wurde. Viele Menschen wurden an die Küste gebracht, wo sie in Hotels und Turnhallen unterkamen. Die Behörden riefen die Einwohner auf, die Nacht in den Notunterkünften zu verbringen.

Das mittlerweile vierte heftige Beben binnen etwa zwei Monaten in der Region ließ historische Orte in sich zusammenfallen und zerstörte Jahrhunderte alte Kulturgüter. "Es ist alles eingestürzt", sagte der Bürgermeister der kleinen Gemeinde Ussita, Marco Rinaldi, der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. In dem Ort hatten bereits die Beben von vergangenem Mittwoch starke Schäden angerichtet. Fotos zeigen ausgelöschte Ortschaften, zerstörte Kirchen und Häuser, Schuttberge und tiefe Risse in den Straßen. Auf Fernsehbildern ist sogar ein tiefer Riss in einem Berg zu erkennen.

Schwere Schäden in Norcia

Die Stadt Norcia, die für ihren mittelalterlichen Kern bekannt ist und zu den 150 schönsten Ortschaften Italiens zählt, hat es neben Amatrice besonders schwer getroffen. Auf der berühmten Piazza San Benedetto stürzte die Basilika aus dem 14. Jahrhundert ein.

Sie ist dem Heiligen Benedikt gewidmet, der 480 in Norcia geboren wurde und den Benediktinerorden gegründet hat. Auch die Kathedrale Santa Maria Argentea und die Kirche San Francesco wurden zerstört. Die Stadt habe mit dem Erdbeben einen Teil ihrer Geschichte verloren, sagte der Kunsthistoriker Romano Cordella. Insgesamt seien Tausende Hinweise auf Schäden eingegangen, sagte die Generalsekretärin des Kulturministeriums, Antonia Pasqua Recchia.

Das jüngste Beben ereignete sich den Experten zufolge in etwa zehn Kilometern Tiefe. Es handelte sich erneut um ein Folgebeben der verheerenden Erdstöße im Sommer rund um das Bergstädtchen Amatrice, die 298 Menschen getötet hatten. Der Seismologe Frederik Tilmann vom Deutschen Geoforschungsinstitut in Potsdam sagte, die Beben regten sich gegenseitig an. Die Gefahr für die Menschen in der Region sei nicht gebannt, sagte Tilmann. Es werde " auf jeden Fall" zu weiteren Nachbeben kommen. Auch die Wahrscheinlichkeit eines starken Bebens sei derzeit sehr viel höher als im langfristigen Mittel.

Weitere Schäden in Armatrice

Erst am Mittwochabend hatten zwei starke Erdstöße die Region in Mittelitalien erschüttert, die bereits vor zwei Monaten von einem verheerenden Beben mit 298 Opfern heimgesucht worden war. Die meisten starben damals im Ort Amatrice, auch dort gab es am Sonntag neue Schäden. Für die Menschen in der bergigen Gegend könnte es zum Vorteil geworden sein, dass sie ihre Häuser schon nach einem der vorherigen Beben verlassen mussten, weil sie zerstört oder einsturzgefährdet waren. Viele übernachteten in ihren Autos oder an der Küste. Die italienische Regierung schätzte die Erdbebenschäden zuletzt auf rund vier Milliarden Euro. Das mittlere Italien ist eine derjenigen Regionen in Europa, die besonders häufig von schweren Erdstößen getroffen werden.

rb/kle/stu (dpa, afp, rtr)

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