Das Gefühl der Unsicherheit trügt | Deutschland | DW | 02.08.2016
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Deutschland

Das Gefühl der Unsicherheit trügt

Durch Anschläge, Amoklauf und Mord wächst die Unsicherheit in Deutschland. Die Zahlen weisen in eine andere Richtung: Die Gewaltkriminalität sinkt seit Jahren, ebenso wie die Jugendkriminalität - und die von Ausländern.

Der Amoklauf von München, die Terrorangriffe von Ansbach und Würzburg, die Messerattacke von Reutlingen - viele Menschen in Deutschland sind verunsichert. Umso mehr, als die massenhaften sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht das Sicherheitsgefühl bereits untergraben hatten und das Land seither mit der Frage ringt, ob Deutschland mit der Aufnahme von über einer Million Flüchtlinge auch Gewalt und Verbrechen importiert hat.

Möglicherweise konträr zum Sicherheitsempfinden vieler Menschen vertritt der Kriminologe Christian Pfeiffer im DW-Interview die Auffassung: "Deutschland ist laufend sicherer geworden". Der langjährige Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen kann auf die Polizeiliche Kriminalstatistik verweisen: So sind Mord und Totschlag zum Beispiel laut Pfeiffer seit dem Jahr 2000 um 40 Prozent zurückgegangen. Auch sexualisierte Gewalt, so der niedersächsische Kriminologe, sei auf dem niedrigsten Stand seit langem. "Die Vergewaltigungen sind auch 2015 weiter sinkend im Vergleich zu den Vorjahren, obwohl wir da eine sehr große Einwanderung vor allem junger Männer hatten. Es gibt kein einziges Gewaltdelikt, das steigen würde!" so Pfeiffer.

Christian Pfeiffer Kriminologe (Foto: picture-alliance/dpa/O. Spata)

Leitete bis März 2015 das Kriminologische Institut Niedersachsen: Christian Pfeiffer

Gefährdung überschätzt

Die Berichterstattung zum Thema Kriminalität wird dominiert von spektakulären Straftaten, speziell schweren Gewalttaten junger Männer. Die aber machen statistisch nur einen sehr kleinen Teil der Gesamtkriminalität aus. In der Folge wird die Häufigkeit schwerer Gewalttaten und die Gefährdung von der Bevölkerung massiv überschätzt, schreibt der Münsteraner Kriminologe Christian Walburg in seinem Gutachten "Migration und Jugenddelinquenz" im Jahr 2014. In einigen Kriminalitätsfeldern wiederum stellt Walburg gegenüber der DW tatsächlich eine Zunahme fest: "Insbesondere haben wir seit einigen Jahren einen Anstieg bei den Wohnungseinbrüchen. Ein anderes Delikt, das stark zugenommen hat, ist der Taschendiebstahl." Mit der aktuell starken Zuwanderung aber habe das nichts zu tun: Diese Zahlen stiegen schließlich schon seit Jahren, fügt Walburg hinzu.

Oft sind es nur Bagatelldelikte

Natürlich sind nicht alle Zuwanderer Engel. Auch unter Flüchtlingen - und solchen, die sich unter sie mischen - gibt es Verbrecher. So wurden laut Zahlen des Bundeskriminalamtes im letzten Jahre 84.000 tatverdächtige Asylbewerber registriert - ausländerrechtliche Verstöße ausgenommen. Der Blick auf das Jahr 1993 nimmt aber ein wenig Dramatik aus dieser Zahl. Denn damals waren es mit 160.000 fast doppelt so viele tatverdächtige Asylbewerber. Die Zahl der Verdächtigen ist in den vergangenen Jahren weniger stark gestiegen als die Zahl der Asylantragsteller. Und: Im Vordergrund standen Bagatelldelikte: Ladendiebstahl mit 39 Prozent und Schwarzfahren mit 18 Prozent. Um Vergewaltigung und sexuelle Nötigung ging es in 0,5 Prozent der Fälle.

Kriminologe Pfeiffer will mit dem Verweis auf Daten und Fakten nicht verharmlosen; er will die Debatte versachlichen. Im Hinblick auf die Zuwanderer erkennt Pfeiffer an, dass die jungen Männer aus Syrien und dem Irak in einer Kultur männlicher Dominanz aufgewachsen und davon geprägt seien. Aber das sei früher auch mit Türken und Jugoslawen so gewesen. Pfeiffer setzt auf einen Prozess kulturellen Lernens. Aber: "Das hängt sehr davon ab, dass diese Menschen nicht isoliert bleiben, dass sie Teil unserer Gesellschaft werden können". Ein erhöhtes Kriminalitätsrisiko sieht Pfeiffer speziell bei jungen Männern aus dem arabischen Kulturkreis, die hier keine Aufenthaltsperspektive und somit nichts zu verlieren haben - etwa aus Nordafrika. Die Zahl dieser Migrationsverlierer müsse man so klein wie möglich halten und "darauf hinwirken, dass sie freiwillig oder per Abschiebung in ihr Heimatland zurückkehren".

Gerichtsverfahren ziehen sich über Jahre

Ulf Küch (Foto: Karlheinz Schindler)

Ulf Küch richtete 2015 in Braunschweig die "Soko Asyl" ein

Diesen Befund würde Ulf Küch vermutlich unterschreiben. Als Leiter der Kriminalpolizei Braunschweig hat er tagtäglich mit Kriminellen zu tun, auch unter Ausländern im Allgemeinen und Flüchtlingen im Besonderen. Küch macht da speziell zwei Tätergruppen aus: "Das sind einmal die, die aus Osteuropa kommen und Menschen, die aus dem Maghreb stammen. Die sind aber nicht zu dem Personenkreis zu rechnen, der im vergangenen Jahr mit dem Flüchtlingsstrom mitgekommen ist", so Küch gegenüber der DW. Was dem Mann aus der Praxis wichtig ist: Handeln muss Konsequenzen haben. Küch findet es schwer erträglich, dass Gerichtsverfahren häufig jahrelang vor sich hin dümpeln, bis irgendwann einmal eine Entscheidung gefällt wird. In Braunschweig wendet Küch deshalb in Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaft und Gerichten das Instrument der sogenannten Hauptverhandlungshaft an.

"Wenn Straftaten begangen werden, prüft die Staatsanwaltschaft ob Hauptverhandlungshaft beantragt wird", erläutert der Braunschweiger Kripo-Chef. "Dann nimmt der Richter die Person zwei, drei Tage in Haft. Danach wird abgeurteilt." Dank dieser extrem beschleunigten Sofort-Verfahren sind Straftäter also innerhalb einer Woche verurteilt. Für einen Asylbewerber kann das sehr unangenehm sein: Ein Bewährungsstrafe reicht aus, um das Asylverfahren von vorne herein abzulehnen.

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