Das Filmjahr 2018 in zwölf Kapiteln | Filme | DW | 28.12.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kinojahr 2018

Das Filmjahr 2018 in zwölf Kapiteln

Rekordgewinn und Krise: Wohin steuert das Kino? Wir blicken auf Höhepunkte und Themen des Filmjahres und wagen einen Ausblick. Ist die Konkurrenz der Serien bedrohlich? Und was hat der Klimawandel mit dem Kino zu tun?

Ja, tatsächlich: Das Kino sieht sich auch durch den Klimawandel bedroht. Die Szene müsse sich ernste Gedanken machen, wie man in Zukunft auf die immer heißer werdenden Sommer reagiert. Diesen Appell richtete vor kurzem Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbandes deutscher Filmtheater, an die Kinobetreiber hierzulande. Die Mahnung kam nicht zufällig - 2018 war für die Branche in Deutschland nicht das allerbeste Jahr. Und das hatte schlicht und einfach auch etwas mit dem Wetter zu tun.

In den USA gehen die Menschen auch bei Hitze ins Kino

Ist es draußen heiß, geht man in Deutschland eher selten ins Kino. Ist der Sommer lang, fallen die Umsätze in der Branche. In den USA ist das anders. Im Land der Klimaanlagen wird der Kinobesuch als Wohltat empfunden. Manche Sommerwochenenden gehören zu den umsatzstärksten des Jahres. Und so meldeten die nordamerikanischen Kinos Mitte November eine neue Rekordmarke.

Kino Lichtburg in Essen (picture-alliance/dpa/H. Ossinger)

In Deutschland blieben wegen des heißen Sommers viele Kinoreihen leer

Erstmals wurde so "früh" im Jahr die Marke von 10 Milliarden Dollar geknackt - nach exakt elf Monaten und elf Tagen, ein Rekord. Das bisherige Rekordjahr 2016 mit insgesamt 11,4 Milliarden Dollar Einspiel könnte also 2018 angesichts einiger potentieller Kinohits, die erst im Dezember starten, noch übertroffen werden.

Und das in Zeiten, in denen manche Kultur-Pessimisten dem Medium Kino schon das Ende voraussagen: Die jungen Leute schauten lieber auf ihr Smartphone, spielten Computerspiele und wenn sie etwas gucken, dann seien es Serien, heißt es zur Begründung. Das ist einerseits natürlich richtig, der Medienkonsum der jungen Menschen verändert sich dramatisch. Und der weltweite Serien-Boom hält ja tatsächlich auch an. Doch das spricht nicht gegen das Kino - siehe Statistik. Zweifellos aber ist die ganze Branche im Begriff, sich zu verändern.

Boom der Filmfestivals

Das Kino ist schon oft totgesagt worden: mit dem Ende des Stummfilms, als das Fernsehen Einzug hielt in die Wohnzimmer - und jetzt in digitalen Zeiten sowieso. Doch es zeichnet sich nachhaltig ab, dass mit dem großen Blockbuster-Kino aus Hollywood weiterhin viel Geld zu verdienen ist. Auf der anderen Seite präsentiert sich auch das anspruchsvolle Kunstkino in bester Form - auf zahlreichen Festivals und in den Arthaus-Kinos, die auf Filmkunst spezialisiert sind.

Symbolbild Schlange Kino (picture-alliance/Photoshot)

Hochbetrieb vor den Kinos in den USA

Schaut man sich 2018 die Ausbeute künstlerisch gelungener Filme allein der drei großen Festivals Berlin, Cannes und Venedig an, so muss einem nicht bange werden. Und die vielen Festivals, die sich um den Nachwuchs kümmern, ob Saarbrücken, München oder Hof (um nur drei Beispiele aus Deutschland zu nennen), prosperieren. Überhaupt die Festivals. Kino lässt sich immer besser als Event verkaufen. Filmfestivals boomen und erfreuen sich überall wachsender Beliebtheit.

Die anspruchsvolle Filmszene ist auf Förderung angewiesen

Natürlich stellt sich nicht alles rosig dar in der Branche. Vieles ist außerhalb des großen kommerziellen Hollywood-Kinos nur mit Förderung und Subvention zu erreichen. Doch das ist bei anderen Künsten, in Europa zumal, nicht anders. Theater, Oper, Kunst, auch die Literatur - all das wäre hierzulande nicht denkbar, wenn Staat und Länder Kultur nicht fördern würden. Kultur kostet. Die Frage ist immer nur, ob man bereit ist, dafür Geld auszugeben.

Netflix - Streaming Netz (picture alliance/dpa/J. Kalaene)

Serien, Netflix und Smartphone: Kino für unterwegs

Und natürlich ist der anhaltende weltweite Serien-Boom auch eine Konkurrenz für den "großen Bruder Kino". 2017 (die Daten für 2018 liegen noch nicht vor) errechnete man eine Summe von weltweit rund 88 Milliarden Dollar Einnahmen für Kino und Home-Entertainment. Davon entfielen knapp 41 Milliarden aufs Kino und 47 auf den Bereich Online-Streaming sowie DVD/Blu-ray. Beide Bereiche prosperierten, Home-Entertainment wies allerdings größere Zuwachsraten auf.

Kein anderer Film brachte die sich verändernde Situation des Films 2018 weltweit besser auf den Punkt als das mexikanische Drama "Roma" von Regisseur Alfonso Cuarón. Der autobiografisch gefärbte Film über ein Kindermädchen und deren Blick auf das Leben in der mexikanischen Hauptstadt zu Beginn der 1970er Jahre feierte bei den Filmfestspielen in Venedig Weltpremiere. "Roma" gewann den "Goldenen Löwen" und wurde von der internationalen Presse zu Recht als Meisterwerk gefeiert.

Eine "Neflix"-Produktion im Rennen um den Goldenen Löwen

Dass das Schwarz-Weiß-Werk, eine mexikanisch-US-amerikanische Co-Produktion, überhaupt beim ältesten Filmfestival der Welt lief, war keine Selbstverständlichkeit. "Roma" wurde unter anderem vom US-Streaminganbieter "Netflix" finanziert. Das Festival in Cannes verzichtet im Gegensatz zu Venedig auf "Netflix"-Produktionen. Die Filme würden - so die Argumentation der Festivalmacher an der Croisette - anschließend nicht im Kino laufen.

Filmstill Roma (picture-alliance/AP Photo/Netflix/C. Somonte)

Szene aus dem Film "Roma" von Alfonso Cuarón

Doch die Sache ist kompliziert. "Roma" ist seit dem 14. Dezember tatsächlich im Streamingangebot von Netflix abrufbar. Doch in vielen Ländern der Erde wurde "Roma" auch in die Kinos gebracht - mancherorts nur mit wenigen Kopien und begrenzter Laufzeit, aber immerhin. Das hat auch damit zu tun, weil "Roma" bei den Oscars eingereicht wurde. Dort dürfen sich nur Filme bewerben, die zuvor in den nordamerikanischen Kinos gelaufen sind.

In Deutschland kam "Roma" mit nur 40 Kopien und auch nur in einigen Städten in die Lichtspielhäuser. China hingegen zeigt Cuaróns Film auf über 2000 Leinwänden landesweit - dort ist die Rechtelage anders.

Klassisches Film-Auswertungsmodell gerät ins Wanken

Die Situation ist also unübersichtlich, von Kontinent zu Kontinent, von Land zu Land verschieden. Jede einfache Voraussage, wie Filme, die von Anbietern wie "Netflix" produziert werden, künftig in den Kinos gezeigt werden, ist derzeit unmöglich. Fest steht lediglich: Die klassische Auswertungskette: Kino - Fernsehen - DVD - Online scheint passé.

Golden Globes Nominations - Foreign Language Film: Roma (picture-alliance/AP Photo/Netflix/C. Somonte)

"Roma" - von der Presse als Meisterwerk gefeiert

Zudem handelt es sich bei "Roma" des auf Serien spezialisierten US-Streamingriesen unbedingt um einen "echten" Kinofilm, der geradezu nach großer Leinwand schreit: "Natürlich möchte ich 'Roma' dem Publikum, das sich für den Film interessiert, am liebsten unter den besten Konditionen präsentieren", sagt Regisseur Alfonso Cuarón: "Und das ist natürlich ein Kino mit großer Leinwand und einer Tonanlage, die unser atmosphärisches Sounddesign reproduzieren kann."

"Roma" ist ein Meisterwerk, einer der eindrucksvollsten Filme der vergangenen Jahre - wer immer die Chance hat, Cuaróns Werk auf großer Leinwand zu sehen, der sollte sie nutzen. Dann weiß man auch, dass die "siebte Kunst" so schnell nicht aussterben wird - trotz Smartphone und sommerlicher Hitze.

Die Redaktion empfiehlt

DW KINO-Moderatoren Hans Christoph von Bock & Scott Roxborough (DW/S. Bartlick)

Dossier KINO Favoriten: Die Besten des deutschen Films

Was sind die besten Dramen, die lustigsten Komödien, die Top-Schauspielerinnen und die größten Leinwandhelden? In der Serie "KINO Favoriten" präsentiert das DW-Filmmagazin seine ganz persönliche Auswahl.