Danzig nimmt Abschied von ermordetem Bürgermeister | Europa | DW | 18.01.2019
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Polen

Danzig nimmt Abschied von ermordetem Bürgermeister

Danzig trägt an diesem Samstag seinen Bürgermeister zu Grabe, der nach einer Messerattacke starb. Drei Wochen vor der Tat informierte die Mutter des Täters die Polizei, dass ihr Sohn einen politischen Racheakt plane.

Seit Tagen trauert Danzig um seinen Bürgermeister Pawel Adamowicz. Nachdenkliche oder weinende Menschen, die Kerzen anzünden, sieht man an vielen Orten der Stadt. "Pawel, wir danken dir. Wir werden dich nie vergessen! Die Danziger", steht auf einem Plakat, das auf einer Baustelle in der Nähe des Europäischen Zentrums der Solidarność (ECS) hängt.

Ein rastloser Lokalpolitiker

Das Solidarność-Zentrum war eines der größten Projekte des Verstorbenen. Es sollte die Welt daran erinnern, dass die antikommunistische Solidarność-Bewegung der 1980er Jahre in Danzig zuhause war. Hier liegt seit seinem Tod ein Kondolenzbuch aus, hier bahrte die Stadt seinen Sarg auf. Die Trauernden standen stundenlang in langen Schlangen an. In öffentlichen Gebäuden und Schulen ist der beliebte Bürgermeister auf schwarz-weißen Fotos mit Trauerbinde zu sehen. Doch es sind keine offiziellen Amtsfotos, man sieht Adamowicz wie er mit Menschen spricht und lacht oder wie er bei Spendenaktionen Geld sammelt.

Polen Danzig Trauer und Gedenken nach Mord an Pawel Adamowicz, Bürgermeister (picture-alliance/NurPhoto/K. Dobuszynski)

Danzig trauert um Pawel Adamowicz, der am 14. Januar einer Messer-Attacke zum Opfer fiel

Seine Mitarbeiter sprechen von einem "rastlosen Chef", der sie mit immer neuen Ideen überraschte. "Mit ihm zu arbeiten war wie ein Kampfübungseinsatz. Es wurden oft lange Arbeitstage, man musste auch mit zwölf Stunden Arbeit rechnen. Er hat uns allen viel beigebracht, war ein kämpferischer Mensch. Doch vor allem für die hartnäckige Verteidigung der Werte musste er auch Hassattacken einstecken", sagt Magdalena Skorupko-Kaczmarek, Pressesprecherin des Danziger Rathauses.

Das umstrittene politische Engagement

Der Bürgermeister, der auch an die deutsche Geschichte der Stadt erinnerte und alle vier Jahre auch die ehemaligen Einwohner zum Treffen der Danziger einlud, sei von seinen Kritikern zum "Fan der Deutschen" abgestempelt worden, so Skorupko-Kaczmarek. Ihm seien auch böswillige Fragen gestellt worden, ob man denn in Danzig überhaupt noch Polnisch sprechen dürfe.

Umgekehrt kritisierte Adamowicz regelmässig die national-konservative PiS-Regierung und demonstrierte mehrmals gegen die aktuell durchgeführte Justizreform, die in seinen Augen den Rechtsstaat in Gefahr bringe. "Wir haben uns oft die Frage gestellt, ob man sich als Selbstverwaltungsorgan überhaupt politisch engagieren soll. Adamowicz hat uns beigebracht, nie lauwarm zu bleiben", sagt die Pressesprecherin. 

Pawel Adamowicz (picture-alliance/dpa/A. Warzawa)

Er war beliebt, optimistisch und kritisch: Adamowicz am 4. November 2018

Seine Teilnahme an der Wohltätigkeitsaktion "Großes Orchester der Weihnachtshilfe" am tragischen Sonntag, dem 13. Januar war auch ein politisches Statement. Die größte karitative Aktion in Polen und eine der größten in Europa ist der PiS seit Jahren ein Dorn im Auge, weil eine liberale Stiftung dahinter steht und weil das Engagement von Millionen Menschen spontan und damit total außer Kontrolle des Staates stattfindet. Das rote Herz ist das Symbol der Aktion. Derzeit werden in ganz Polen riesige Herzen aus glühenden Kerzen für Paweł Adamowicz aufgebaut.

Gegen die Hass-Sprache

Beim Kerzenherz auf dem Danziger Solidarność-Platz hat die Ehefrau des Verstorbenen vor Tausenden Menschen das Problem der Hass-Sprache im öffentlichen Leben angesprochen. Die innerpolnischen Spaltungen, begleitet in den letzten Jahren von brutalen verbalen Attacken der politischen Gegner, werden derzeit von vielen Polen als eine der Ursachen der Danziger Tragödie gesehen. "Es ist unvorstellbar, dass der Hass so groß sein kann. Ihr habt ihn in Erinnerung, wie er lächelnd auf die Menschen auf der Straße zugeht. Lasst uns freundlich zueinander sein. Lasst uns einander lieben, das hat Paweł oft gesagt. Sein Tod wird nicht umsonst sein", sagte Magdalena Adamowicz.

Screenshot Facebook Piotr Kowalczuk (Facebook/Piotr Kowalczuk)

Facebook-Post: Piotr Kowalczuk im Gespräch mit der Mutter des Attentäters

Unterstützung der Familie des Täters

"Es darf kein Zugeständnis zur Hass-Sprache, zur Gewalt und zu den Worten geben, die kränken und töten können", sagt auch der Danziger Vizebürgermeister Piotr Kowalczuk, der gerade den umstrittenen Entschluss gefasst hat, in diesen Tagen auch die Familie des Täters zu unterstützen. "Sie erleben auch ihr eigenes Drama, sind geschockt und niedergeschlagen", schrieb er auf Facebook.

Im Gespräch mit der Mutter des Täters erfuhr Kowalczuk, dass die Frau die Polizei schon vor einiger Zeit über den instabilen psychischen Zustand ihres Sohnes informierte. Der 27-jährige hat wegen Banküberfällen mehr als fünf Jahre im Gefängnis verbracht und war seit Dezember 2018 wieder zu Hause. Seine Mutter sah ihren eigenen Sohn als eine potenzielle Gefahr für andere, weil er sein Schicksal als großes Unrecht empfunden und es auf Politiker abgewälzt habe. Die Danziger Polizei bestätigte, dass sie von den Sorgen der Mutter informiert worden war. Der Vize-Bürgermeister ist besorgt über verbale Attacken, die die Familie des Täters derzeit erleiden müsse. Die Unterstützung der Verwandten sei aus seiner Sicht eine Geste, die auch im Sinne des Verstorbenen gewesen wäre.

Polen Danzig Trauer und Gedenken nach Mord an Pawel Adamowicz, Bürgermeister (Reuters/Agencja Gazeta/Renata Dabrowska)

Wut auf den Hass in der Gesellschaft: Solidaritätsmarsch für Adamowicz an seinem Todestag am 14. Januar

Der verdiente Danziger

Der gebürtige Danziger Paweł Adamowicz wird in der Danziger Marienbasilika beerdigt, wo sich bereits mehrere Grabstätten von verdienten Bürgern und Geistlichen der Stadt befinden. Die Zeremonie soll auf großen Bildschirmen an mehreren Orten in der Stadt live übertragen werden. Zur Beerdigung werden unter anderem EU-Ratspräsident Donald Tusk, Polens Präsident und Polens Premierminister erwartet. Auch alle ehemaligen Regierungschefs Polens nach 1989 bis auf den PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski (Premierminister 2005-2007) haben die Teilnahme bestätigt. 

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