″Dann hören wir auf zu existieren″ | DW AKADEMIE | DW | 07.08.2020
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Lateinamerika

"Dann hören wir auf zu existieren"

Sie bezeichnen sich als “Kinder der Mutter Erde”: Indigene Gemeinschaften des Amazonas kämpfen um den Erhalt eines einzigartigen Lebensraumes - und um ihr Überleben. Interview mit Noelia Campo, indigene Medienaktivistin.

Noelia Campo trägt “el bastón”, den Stab der Autorität, der sie als Würdenträgerin der Indigenen aus der Region Cauca auszeichnet. Sie ist mit 31 Jahren das jüngste Mitglied im Vorstandsrat des Indigenenrats der Region Cauca seit seiner Gründung. Sie sprach mit uns über die Lage in ihrer Heimat und den Widerstand der Indigenen.

 

Ihre Heimat ist die Region Cauca, eine der gefährlichsten in Kolumbien. Politische, soziale und Umweltaktivisten werden ermordet. Wie ist die Situation? 

Man will uns unser Wasser wegnehmen, man will uns unsere Luft wegnehmen: Der Kampf um das Land ist ein Kampf auf Leben und Tod geworden. Viele von uns wurden getötet, weil sie ihre Stimme erhoben haben, um zu sagen: Lasst unsere Mutter Erde nicht bluten, schneidet ihre Wurzeln nicht ab, denn ohne die Erde können wir nicht existieren. Deshalb wurden in diesem Jahr mehr als 45 indigene Anführerinnen und Anführer ermordet, vor allem im Cauca. 

Wer ist dafür verantwortlich? 

Wir sind mit einer Politik der Ausbeutung konfrontiertGroße multinationale Konzerne sind in das indigene Territorium im nördlichen Cauca eingedrungen. Dort wird Zuckerrohr angebaut für Treibstoff. Uns geht das Wasser aus. Diese Unternehmen wollen uns aus unseren Territorien vertreiben, um unser Land noch mehr auszubeuten. Sie engagieren dafür bestimmte Leute, die zu uns kommen und uns bedrohen und uns zwingen wollen, dass wir aufgeben. 

Brasilien Dorf im Amazonas

Der Lebensraum der Indigenen ist hart umkämpft.

Sie propagieren Gewaltfreiheit. Wie wehren sie sich? 

Die Frauen sind stärker geworden, die jungen Menschen auch, das entwickelt sich immer noch. Die Gemeinden in den wenigen Gebieten, die Zugang zum Mobilfunk und zum Internet haben, engagieren sich sehr stark in sozialen Netzwerken und nutzen sie, um Menschen aufzuklären und gegen Falschinformationen zu kämpfen. Aber wenn wir unsere Stimmen erheben, sind wir im nächsten Moment bedroht. Wir bekommen schriftliche Drohungen, da heißt es: raus aus dem Gebiet, raus aus der Stadt. Das treibt uns in die Enge. Aber dennoch haben wir die Kraft, wir haben das klare Ziel, unser Territorium weiterhin zu verteidigen. Wenn man uns unser Land wegnimmt, haben wir keine Möglichkeit, als indigene Völker weiter zu existieren. 

Die meisten indigenen Gebiete haben keinen Zugang zum Internet. Wie informieren Sie darüber, was in den indigenen Gebieten geschieht – und wie informieren Sie sich selbst? 

Wir haben Handys, aber sie nützen uns nichts. Wir müssen in die Städte fahren, nach Popayan oder in eine andere Stadt in der Nähe, um damit zu telefonieren oder ins Internet zu gehen. 

Das Radio erreicht auch die Gemeinden, die weiter oben in den Bergen liegen, in den Gebieten, die weiter von den Städten entfernt sind. Die lokalen Radiosender kämpfen aber um ihr wirtschaftliches Überleben, weil die kolumbianische Regierung Steuern verlangt. Sie haben gar nicht die nötigen finanziellen Ressourcen. Deswegen gibt es Radiosender ohne Lizenz, die “Radios Piratas. Der Staat hat in dieser Region keine Kontrolle. Die Regierungsleute kommen nicht in die Berge, aber das Funksignal schon. 

Video ansehen 02:07

Tierra de Resistentes: Documenting organized threats against environmental activists

Auch Sie persönlich sind schon mit dem Tod bedroht worden – haben Sie Angst? 

Ich fürchte um das Leben unserer Mutter Erde, dass immer wieder fremde Menschen in unsere Territorien kommen, um sie auszubeutenAngst um mein Leben habe ich nicht. Falls ich sterbe, sterbe ich im Kampf. Und ich weiß, dass dieser Kampf nicht nur iCauca stattfindet, sondern dass indigene Völker in ganz Lateinamerika kämpfen. Wir wünschen uns, dass unsere Kinder auch in Zukunft weiterhin saubere Luft atmen, dass sie weiterhin sauberes Wasser haben. Meine Botschaft ist: Der Widerstand muss weitergehen!