Dürfen Männer weinen? | Alltagsdeutsch – Podcast | DW | 28.07.2015
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Alltagsdeutsch – Podcast

Dürfen Männer weinen?

Gefühle wie Angst oder Schwäche zeigen? Und das als Mann? Eher nicht. Das männliche Rollenbild führt oft zu inneren Konflikten. Manchmal mündet es sogar in eine schwere Depression. Diese wird häufig nicht erkannt.

Audio anhören 07:35

Dürfen Männer weinen? – die Folge als MP3

„Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht, / außen hart und innen ganz weich / werd’n als Kind schon auf Mann geeicht / Wann ist ein Mann ein Mann? / Wann ist ein Mann ein Mann? Wann ist ein Mann ein Mann? …“

Der deutsche Musiker Herbert Grönemeyer hat sich in seinem 1984 veröffentlichten Song „Männer“ in humorvoller Art mit der Frage beschäftigt, was als männlich gilt. Bereits als Kind werden sie, wie er es formuliert, darauf „geeicht“ – wie ein technisches Messgerät geprüft und einer Norm angepasst. Es werden ihnen von Familie und Gesellschaft bestimmte Stereotype, Muster, vorgegeben, was von ihnen als Mann erwartet wird, wie sie sich verhalten und welche Rolle sie übernehmen sollen. Und entsprechend sind dann auch die Reaktionen, wenn ein eher Frauen zugeschriebenes Verhalten gezeigt wird, erklärt die Chefärztin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses in Berlin, Dr. Iris Hauth:

„Dass immer noch geduldeter ist, dass eine Frau sagt: ‚Ich hab Angst‘, als dass ein Mann sagt: ‚Ich hab Angst‘. Ich erkläre das immer noch mit Verhaltensstereotypen oder mit Rollenstereotypen, mit Rollen.“

Stärke zu zeigen ist ein Verhalten, das von Männern erwartet wird. Angst zu äußern, wird nicht richtig akzeptiert, geduldet. Womit viele Menschen auch nicht zurechtkommen, sind Tränen bei einem Mann, sagt Iris Hauth:

„Ich hatte gerade ‘n Patienten da, der mir auch sagte: ‚Meine Frau kann nicht ertragen, wenn ich weine.‘ Und in vielen Bevölkerungsschichten ist es doch noch immer so, der Mann darf nicht weinen, der Mann darf nicht schwach sein. Aber auch, sagen wir mal, in Leistungsträgerstrukturen ist es so, man darf doch nicht zugeben, dass man da was Psychisches hat.“

Zu weinen gilt in bestimmten sozialen Schichten als Zeichen der Schwäche. Auch in sogenannten Leistungsträgerstrukturen, also verantwortlichen Positionen in Unternehmen, ist es ein Tabu, seine Gefühle nicht im Griff zu haben. Wer weint, egal ob Mann oder Frau, hat in den Augen der anderen vielleicht tieferliegende, psychische Probleme. Sie oder er hat – wie es Iris Hauth umgangssprachlich formuliert – was Psychisches. Die psychische Gesundheit von Männern ist ein Thema, das bislang nur unzureichend erforscht ist. Dabei entfallen statistisch gesehen etwa ein Drittel der Depressionserkrankungen in Deutschland auf Männer. Für die fehlenden Zahlen gibt es laut Iris Hauth unter anderem diesen Grund:

„Männer gehen erstens überhaupt nicht zum Arzt, machen auch keine Prävention. Wenn sie zum Arzt gehen, klagen sie öfter über körperliche Symptome. Also, es ist lieber der Rücken oder was anderes.“

Viele Männer, bei denen die Gefahr besteht, dass sie eine Depression entwickeln könnten, betreiben keine Prävention. Sie beugen nicht vor, indem sie rechtzeitig einen Arzt oder Psychotherapeuten aufsuchen. Und wenn sie zum Arzt gehen, geben sie dort an, dass sie körperliche Beschwerden haben, wie beispielsweise Rückenschmerzen. Oft ist es auch schwer zu erkennen, ob ein Mann eine Depression hat oder nicht, sagt Iris Hauth:

„‘Ne Männerdepression fällt anders aus als ‘ne Frauendepression. Bei Frauen ist es ja eher Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Rückzug. Und bei Männern wissen wir, dass häufig Männerdepression in Gereiztheit, Aggressivität, Wut sich zeigen kann – bis dahingehend, dass Männer oft auch ihre Depression wegtrinken.“

Eine Depression zeigt sich bei Frauen anders als bei Männern. Sie fällt anders aus. Frauen leider eher still, „internalisieren“: Sie sind niedergeschlagen, antriebslos, also sehr traurig und ohne Energie, wollen allein sein, ziehen sich zurück. Depressive Männer dagegen „externalisieren“ häufiger: Sie sind gereizt, fühlen sich leicht angegriffen, reagieren aggressiv und wütend. Manche greifen zum Alkohol, versuchen – wie Iris Hauth sagt – ihre Depression wegzutrinken. Egal ob Mann oder Frau: Bei schweren psychischen Störungen helfen oft nur Medikamente sowie eine gezielte Psychotherapie. Noch besteht hier allerdings laut Iris Hauth in manchen Punkten ein Nachholbedarf:

„Bei der Psychotherapie gibt es noch zu wenig genderspezifische Ansätze. Bei Männern geht’s ja eher darum, Gefühle zu zeigen, schwach sein zu können, das hoheÜber-Ich und das hoheIdeal ein Stückchen abzustufen. Und diese spezifischen Ansätze gibt’s in der Verhaltenstherapie ganz wenig und auch in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie auch ganz wenig.“

Eine psychotherapeutische Behandlung sollte genderspezifisch sein, also das Geschlecht des Patienten berücksichtigen. In der Tiefenpsychologie, also dem Bereich, in dem unbewusste seelische Vorgänge ablaufen, und in der Verhaltenstherapie wird diese Herangehensweise, dieser Ansatz, nach Ansicht von Iris Hauth zu wenig berücksichtigt. Männer müssten lernen, offener mit ihren Ängsten umzugehen. Außerdem sollten sie ihre hohen Ideale, ihre Wunschvorstellungen, etwas heruntersetzen, abstufen. Diese Ideale sind geprägt vom sogenannten „Über-Ich“, ein Begriff, den der Psychoanalytiker Sigmund Freud prägte und der für Wert- und Normvorstellungen steht. Doch die Betroffenen brauchen laut Iris Hauth nicht nur Hilfe von Psychotherapeuten:

„Es geht um die Öffentlichkeitssensibilisierung und eine gezielte – ich sag mal – Anti-Stigma-Kampagne, Entängstigungskampagne auch in Bezug auf die Männer. Auch deutlich zu machen, auch Männer dürfen psychisch krank sein, dürfen an der Stelle eine Erkrankung haben, die ja auch nachgewiesene Erkrankungen sind und nicht ein Zeichen von Schwäche.“

Nach Ansicht von Iris Hauth sollte in Deutschland grundsätzlich mehr über das Thema „Depression bei Männern“ informiert werden. Die Gesellschaft sollte dafür sensibilisiert werden, ein Gefühl dafür entwickeln. Und Männer, die Depressionen haben, sollten von dem negativen Bild, dem Stigma, befreit werden, Schwächlinge zu sein. Ihnen müsse zudem die Angst davor genommen werden, es müsse eine Entängstigung stattfinden. Denn oft – so Iris Hauth – endet die Depression, vor allem für Männer, tödlich:

„Zwei Drittel der Suizidversuche werden von Frauen unternommen, aber vollendete Suizide sind zwei Drittel Männer.“




Arbeitsauftrag
Bildet kleine Arbeitsgruppen und arbeitet eine Bildschirmpräsentation zum Thema „Depression bei Männern“ aus. Hier ein Beispiel der „Deutschen Depressionshilfe“: http://bit.ly/1EKN5E0.

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