Currywurst | Alltagsdeutsch – Podcast | DW | 01.01.1970
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Alltagsdeutsch – Podcast

Currywurst

Die Konkurrenz ist groß geworden. Immer mehr und immer neue exotische Angebote locken den hungrigen Konsumenten, doch noch hat sie jedem kulinarischen Angriff standgehalten - die Currywurst.

Zitat:

"Da, langsam erfüllte sich die Küche mit einem Duft, mit einem Duft wie aus Tausendundeiner Nacht. Sie probierte von diesem warmen rötlich-braunen Matsch und schmeckte, ja, wie schmeckte das? Es war ein Kribbeln auf der Zunge, der Gaumen schien sich zu weiten, genau, das war es, was so schwer beschreibbar ist mit bitter oder süß und schon gar nicht mit scharf, nein, der Gaumen wölbte sich, machte sich und die Zunge spürbar, ein Erstaunen, etwas, das sich auf sich selbst, das Schmecken richtete. Ali Baba und die vierzig Räuber, Rose von Stambul, das Paradies."

Sprecherin:

Anfang der 90er Jahre veröffentlichte der Schriftsteller Uwe Timm seine Novelle: "Die Entdeckung der Currywurst". Die Heldin heißt Lena Brücker und lebt im Hamburg der Nachkriegsjahre. Durch Zufall entdeckt sie die legendäre Mischung aus Curry und Ketchup, die Deutschlands beliebtesten Schnellimbiss entstehen lässt. Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, oder wie es wirklich war, die Entdeckung der Currywurst, weiß niemand. Fest aber steht, dass die Berlinerin Herta Heuwer die Erfindung beanspruchte und sich ihre Soße bereits 1959 patentieren ließ. 200 Wurstbuden und 70 Millionen verzehrter Currywürste pro Jahr in Berlin sprechen für eine ausgebaute Tradition. Beliebt ist die Currywurst jedoch in ganz Deutschland. Der Präsident des Bundesverbandes Schnellrestaurant und Imbissbetriebe, Horst Buchheister:

Horst Buchheister:

"Wir haben also in Zusammenarbeit mit dem Fleischerverband ermittelt, dass etwa fünfundachtzig-, sechsundachtzigtausend Tonnen der gebrühten Bratwurst hergestellt wird. Und wenn wir unterstellen, dass die Wurst etwa 100 Gramm schwer ist, kommen wir darüber auf eine Zahl von 850 bis 860 Millionen Stück im Jahr. Berlin ist ja nun nach wie vor die Stadt, in der die Currywurst erfunden wurde, sagt man, und sie wird dort von vielen Kollegen sehr liebevoll hergestellt. Das ist also absolut unbestritten. Wenn sie mal offenen Auges durch Berlin gehen, und wo es ja auch noch sehr viele schöne, kleine Currywurstbuden auf der Ecke gibt, und sehen, dass da also nach wie vor die Wurst mit Messer und Gabel geschnitten wird und dann anschließend gepudert und gewürzt wird, und dann kommt dann die Sauce drüber, dann kriegt man schon beim Vorbeigehen Appetit."

Sprecher:

Wer offenen Auges durch Berlin geht, kann eine Menge Currywurst-Buden entdecken und natürlich noch vieles andere. Das sprachliche Bild der Aufmerksamkeit geöffneter Augen wird hier noch unterstützt durch die besondere grammatische Form. Zwar könnte man auch sagen: Wer mit offenen Augen durch Berlin geht, kann vieles entdecken, doch die im Genitiv gefasste Formel offenen Auges ist sprachlich eleganter und auch etwas eindrücklicher.

Sprecherin:

Als 1999 Herta Heuwer im Alter von 88 Jahren starb, hat sie das Geheimnis ihrer würzigen Soße mit ins Grab genommen, hatte niemandem Zutaten und Zusammensetzung ihrer Erfindung verraten. Seit rund fünfzig Jahren stillt die Currywurst nun schon den kleinen Hunger und das Bedürfnis nach intensivem Aroma. Und schaut man auf die Verkaufszahlen, sieht es nicht so aus, dass die Currywurst so bald aus der Mode kommt, auch wenn sie längst nicht mehr allein das Angebot bestimmt.

Horst Buchheister:

"Man muss auch konstatieren, dass natürlich in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren eine Menge zusätzlicher Leckereien entstanden sind, die hier angeboten werden. Angefangen von Pizza, Gyros, Döner Kebab und so weiter, querbeet, querdurch. Nur was man dabei auch im Auge behalten muss, ist, dass natürlich wesentlich mehr Mahlzeiten außer Haus eingenommen werden, als das vor zwanzig Jahren der Fall war. Bei uns war es sicher noch üblich, da wurde morgens gemeinsam gefrühstückt, mittags gab es Essen, und abends um halb sieben stand das Abendbrot auf dem Tisch. Aus diesen Strukturen ist ja nun einiges aufgebrochen worden in den letzten Jahren. Und der Einzelne isst wesentlich öfter oft auch kleinere Mahlzeiten, aber außer Haus. Insofern ist die Zahl der Currywürste durch das weitere Angebot kaum beeinträchtigt."

Sprecher:

Ob Pizza, Döner Kebab oder Currywurst, in deutschen Imbissbuden und Schnellrestaurants ist querbeet alles zu finden. Der Ausdruck spielt auf ein Gartenbeet an, in dem eine große und auch ungeordnete Vielfalt von Blumen und Gemüse zu finden ist. Würde man quer durch ein solches Beet gehen, wäre die Zahl verschiedener Gewächse sicher ebenso groß wie das Angebot in der deutschen Schnellgastronomie.

Sprecherin:

Alle lieben sie, aber nicht alle mögen sie in gleichem Maße und auch nicht mit der gleichen Zubereitung. Im Norden tendiert die Currywurst zur Brühwurst, in Bayern legt sie an Gewicht zu, besitzt aber weniger Liebhaber wegen der Konkurrenz durch die regional verbreitete Weißwurst. Frank René Welkerling arbeitet für den Zentraleinkauf der Firma Eurest, die in 750 deutschen Betriebsrestaurants rund 250.000 Essen täglich auf den Tisch stellt.

Frank René Welkerling:

"Bei der Currywurst gibt es so ein Nord-Süd-Gefälle. Man kann eigentlich sagen, der Berliner Raum ist so ‘ne Hochburg, aber der Westen - im Bereich Leverkusen, Köln, Düsseldorf ist es natürlich ein Highlight. Currywurst in unserer Region Mitte, jetzt also hier im Rhein-Main-Gebiet, ist es nicht so der Renner. Also im Norden wesentlich populärer wie im Süden. Das heißt aber nicht, dass es im Süden nicht gegessen wird. Es ist nur nicht von den Umsätzen her oder von den Essgewohnheiten so im Speiseplan. Die Curry-Ketchup-Mischung, die ist wirklich vom Kölner Raum bis zum Berliner Raum total anders. Durch die Gespräche mit den Kollegen, da hat also jeder sein eigenes Regionalrezept, der eine hat halt eine größere Menge an Ketchup, der andere ’ne größere Menge an Curry drinnen. Andere verfeinern das wieder mit anderen Gewürzen."

Sprecher:

Berlin ist unumstritten eine Hochburg der Currywurst. Die "hohe Burg" als kaum einnehmbare Festung hat sich in der deutschen Umgangssprache fest etabliert. Die Hochburg zeigt an, dass eine Sache, eine Mode, eine Religion oder zum Beispiel auch eine politische Partei an einem bestimmten Ort besonders stark vertreten ist. Das englisch entlehnte Highlight hingegen drückt meist eher einen Höhepunkt aus. Damit kann eine besonders gute Gruppe während einer Musikveranstaltung genauso gemeint sein wie ein besonders gelungenes Gericht in einem Menü. Im Rhein-Main-Gebiet ist die Currywurst nicht so der Renner. Mit dem häufig gebrauchten, bildlichen Begriff Renner drückt man aus, dass die Currywurst in dieser Region nicht denselben Verkaufserfolg hat wie anderen deutschen Gegenden.

Sprecherin:

Das Ruhrgebiet ist die zweite Heimat der Currywurst, meist begleitet von den so genannten Pommes Rot-Weiß, also Pommes Frites mit Ketchup und Mayonnaise, wobei niemand auf die Idee käme, in korrekter deutscher Übersetzung "frittierte Kartoffelstäbchen" zu bestellen. Je nach Region ist abgekürzt entweder von Pommes oder von Fritten die Rede. Im Ruhrgebiet ist die Currywurst nicht nur seit Jahrzehnten beliebt. Dort fand sie auch durch den Sänger Herbert Grönemeyer auch ihre musikalische Verewigung:

Musik:

Herbert Grönemeyer: Currywurst

"Gehse inne Stadt

wat macht dich da satt

‘ne Currywurst

kommse vonne Schicht

wat schönret gibt et nich

als wie Currywurst

mit Pommes dabei

ach, dann geben se gleich zweimal Currywurst."

Sprecher:

Herbert Grönemeyer singt im Ruhrgebiets-Slang, also der regionentypischen Umgangssprache. Und die ist vor allem bestimmt durch das Zusammenziehen von Worten und die Überdehnung der Einzellaute. "Kommst Du von der Schicht" wird so zu: "Kommse vonne Schicht" und: "Gehst Du in die Stadt" zu "Gehse inne Stadt".

Sprecherin:

Der nahe liegende Schluss, dass die Currywurst vor allem bei Arbeitern beliebt ist, lässt sich heute nicht mehr ziehen. In den Kölner Ford-Werken arbeiten insgesamt 22.000 Menschen. Das Betriebsgelände ist also fast eine Kleinstadt inklusive aller Versorgungseinrichtungen. Jürgen Elas ist Restaurantleiter bei Ford und blickt auf beinahe zwanzig Jahre Erfahrung mit den kulinarischen Gewohnheiten der Belegschaft zurück.

Jürgen Elas:

"Ich bin jetzt neunzehn Jahre im Hause, und vor neunzehn Jahren, kann man sagen, war so ‘ne Currywurst praktisch jede Woche auf dem Speiseplan, das war das A und O. Die Zeit hat sich gewandelt. Currywurst ist heute nach wie vor auch ein Renner, aber nicht mehr bei uns in der Betriebsgastronomie, sondern hauptsächlich in den SB-Läden. Aber die Currywurst spielt doch noch ’ne Rolle. Man kann sie nicht von der Speisekarte verbannen. Das ist ganz klar, auch selbst bei uns. Die Currywurst ist einfach nicht wegzudenken."

Sprecher:

Vor vielen Jahren war die Currywurst noch das A und O auf dem Speiseplan der Kölner Ford-Werke. Heute findet sie sich nur noch in den SB-, also den Selbstbedienungsläden des Betriebes. A und O stehen für die Anfangs- und Endbuchstaben des griechischen Alphabets: Alpha und Omega. Die Wendung unterstreicht die herausgehobene Bedeutung einer Sache oder Handlung. Übersetzt würde man sagen: Vor vielen Jahren war die Currywurst das entscheidende, das grundlegende Gericht auf dem Speiseplan. In gleicher Weise ließe sich formulieren, dass früher Anzug und Krawatte das A und O gepflegter Kleidung waren.

Sprecherin:

So beliebt sie auch ist, die Currywurst gehört zu den einfachen Mahlzeiten. Sie erfordert kein großes Tafelzubehör, wird meist rasch verzehrt zwischen den aufgestellten Plastikwänden einer Imbissbude, mit dem knisternden Schäumen der Friteuse im Hintergrund. Auch die Anwesenheit der Currywurst in den Kantinen großer und kleinerer Betriebe hat das nicht verändert. Auf eine ganz andere Weise präsentiert ein Düsseldorfer Gastronomiebetrieb seit 1999 die Currywurst. Angeleitet von einem anerkannten und stadtbekannten Koch eröffneten Jürgen und Dieter Mauermann 1999 kurz hintereinander zwei Restaurants mit dem Namen "Curry". Hier bekommt man nicht nur Teller, Messer und Gabel statt Pappschachtel und Plastikstäbchen, sondern auch eine stattliche Zahl ausgesuchter Biere und Weine in zwar rustikaler, aber gepflegter Atmosphäre serviert. Dieter Mauermann zur Idee, ein Currywurst-Restaurant zu eröffnen.

Dieter Mauermann:

"Da gab es also jemand, der hat die Schienen gelegt. Der hat also gesagt, pass auf, wenn du das konsequent machst, kann das nicht schief gehen. Natürlich, also wenn man also sich Düsseldorf ansieht, also viele Pommes-Frites-Imbissläden gibt's nicht. Es gibt nur noch einen in Kaiserswerth, der ziemlich bekannt ist. Aber sonst ist in Düsseldorf eigentlich ‘ne Wüste, ‘ne Currywurst-Wüste. Und vor diesem Hintergrund hat natürlich auch mein Bruder nicht angenommen, dass wir so einen Zuspruch bekommen, wie er jetzt eben halt da ist, von 0 auf 100, keiner hat das erwartet. Und last, not least gehört zur Wurst, zur Soße auch noch so’n entscheidender Punkt, die Pommes Frites werden aus frischen Kartoffeln gemacht. Das hat man ja auch nicht so oft."

Sprecher:

Zum Glück hatte das Projekt jemanden, der die Schienen gelegt hat, also vorbereitend die Hinweise für das richtige Vorgehen geben konnte. In ähnlichen Wendungen spricht man auch davon, dass etwas in die richtige Bahn gelenkt wird oder dass ein erfahrener Berater anderen den Weg ebnet. Der Erfolg des Currywurst-Restaurants kam von 0 auf 100, also wie ein Rennwagen rasend schnell in Fahrt. Mit dem sprachlichen Paradox wird häufig in der Umgangssprache betont, dass ein Effekt ohne jede Übergangszeit eintritt. Der englische Ausdruck last, not least ist eine beliebte Wendung für das deutsche "nicht zuletzt" geworden. Last, not least, also nicht zuletzt ist die Zubereitung von Pommes Frites aus frischen Kartoffeln ein Grund für den Erfolg des Restaurants.

Sprecherin:

Die Idee, Currywurst in Restaurantatmosphäre servieren zu lassen, statt sie schlicht an der Imbisstheke oder auch in der Kantine selbst abzuholen, fand weit mehr Zuspruch als Jürgen Mauermann erwartet hatte.

Sprecher:

Und was sagen die Leute auf der Straße zur Currywurst?

O-Ton:

"Immer wenn ich Lust drauf hab‘. Also ich bin‘, da ich aus dem Rheinland komme, ist das schon Tradition irgendwie. Und ich denke, ab und zu kommen dann die Gelüste auf, und dann muss es auch sein." / "Ach, ess’ ich schon mal öfter, wenn ich nach der Arbeit fertig bin, dann komm‘ ich immer dahin und kauf‘ mir so ’n Würstchen." / "Also, ich bin ein richtiger Fan von Currywurst."

Musik

Herbert Grönemeyer: Currywurst

bisse richtig down

brauchse wat zu kau’n

'ne Currywurst

Willi, komm geh mit

ich krieg Appetit

auf Currywurst

O-Ton:

"Also ich würd‘ schon sagen, das geht schon auch so zweimal die Woche." / "Ich stehe hier an dem Büdchen und muss für meine Arbeitskollegen vier Portionen Currywürstchen kaufen, die sind ganz verrückt danach, hach, mit dieser scharfen, roten Soße."

Sprecherin:

Die Currywurst gehört also zur deutschen Esskultur - und vielleicht sogar mehr als das im Ausland bekannte Eisbein mit Sauerkraut. Schauen Sie bei Ihrem nächsten Deutschlandbesuch doch mal rein auf eine Portion Pommes Rot-Weiß und eine.... Currywurst.

Musik:

Herbert Grönemeyer: Currywurst

bisse richtig down

brauchse wat zu kau’n

'ne Currywurst

Willi, komm geh mit

ich krieg Appetit

auf Currywurst

ich brauch' wat in Bauch

für mein' Schwager hier auch noch ne Currywurst

Willi, wat is dat schön

wie wir zwei hier steh'n

mit Currywurst

Fragen zum Text:

Was gehört unbedingt zu einer Currywurst?

1. Senf

2. Ketchup

3. Mayonnaise

Die Umgangssprache des Ruhrgebiets ist vor allem bestimmt durch…

1. den Austausch von Vokalen

2. das Zusammenziehen von Worten

3. den Gebrauch von "ick" statt "ich"

Woher leitet sich der Ausdruck das A und O für eine Sache von entscheidender Bedeutung ab?

1. vom ersten und letzten Buchstaben des griechischen

Alphabets

2. von den Anfangsbuchstaben der beiden Worte

"Achtung" und "Obacht"

3. von der Abkürzung für "offenen Auges"

Arbeitsauftrag:

Die Currywurst ist ein typisch deutsches Imbissgericht. Was isst man in Ihrem Land als Imbiss? Beschreiben Sie die Zubereitung vergleichbarer landestypischer Spezialitäten und erstellen Sie in der Gruppe ein Kochbuch.

Audio und Video zum Thema

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