Cristian Măcelaru: ″Kunst kann uns zusammenbringen″ | Europa | DW | 20.03.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Coronavirus

Cristian Măcelaru: "Kunst kann uns zusammenbringen"

Corona heißt auch Verzicht auf Kultur. Manchem wird erst jetzt die Bedeutung von Kunst bewusst. Cristian Măcelaru, Chefdirigent des WDR Sinfonieorchesters und Grammy-Preisträger 2020, empfiehlt, in sich zu gehen.

DW: Die sozialen Kontakte sollen abgebrochen, alle Veranstaltungen abgesagt oder verschoben werden. Ein kompletter Lockdown bedeutet auch ein Leben ohne Theater, ohne Oper, ohne Museen, Lesungen oder Konzerte. Das WDR Sinfonieorchester Köln, dessen Leitung Sie im Herbst 2019 übernommen haben, hat seine nächsten Konzerte abgesagt. Wie gehen Sie mit dieser Situation um? Was bedeuten diese strikten Maßnahmen für das Kulturleben einer Gesellschaft?

Cristian Măcelaru: Vorläufig wurden unsere Konzerte bis zum 3. April abgesagt. Wie es weitergeht, wird sich je nach Corona-Verlauf zeigen. Wir leben in einer Zeit mit vielen Unbekannten. Durch diese einschneidenden Maßnahmen versuchen wir, die am meisten gefährdeten Mitglieder unserer Gesellschaft zu schützen. Auch unser Publikum, selbstverständlich. Unter sozialem und künstlerischem Aspekt ist es gar nicht einfach. Die Menschen brauchen gerade in diesen Zeiten einen Ausgleich zu den schweren Opfern, die sie bringen müssen - vor allemden Verzicht auf soziale Kontakte. Uns Künstlern sind die Hände gebunden und wir können unseren Auftrag nicht erfüllen, für das Schöne im Leben zu sorgen, den Rahmen zu schaffen, in dem wir unsere Emotionen gemeinsam leben, in dem wir gemeinsam Kunst erleben. Ich hoffe, dass viele Menschen auf andere Quellen zurückgreifen, um ihren Hunger nach Musik zu stillen. Auch wir beim WDR haben eine sehr gut ausgestattete Mediathek. Da kann man viele bereits aufgenommenen Konzerte erleben. Dasselbe gilt auch für die Übertragungen im Radio. Generell finde ich es wichtig, dass mehr Menschen, auf unterschiedlichen Kanälen, Zugang zu Konzerten haben. Menschen, die es aus verschiedenen Gründen nicht schaffen, ins Konzerthaus zu kommen. So können sie auch kurz innehalten, sich vom Stress des Alltags erholen und in Ruhe reflektieren.

Pressebild Cristian Măcelaru (Thomas Kost)

Cristian Măcelaru am Pult des WDR Sinfonieorchesters Köln

Einige Orchester haben noch vor einigen Tagen auch ohne Publikum gespielt, und deren Konzerte konnte man als Livestream im Internet sehen, beziehungsweise hören. Wie empfindet man so eine Situation als Musiker auf der Bühne? Wie wichtig ist das Publikum und dessen Reaktion? Es fehlt auch der Beifall...

Es ist ein großer Unterschied, ob man mit oder ohne Publikum spielt. Aus emotionaler, psychologischer Sicht. Wir wissen, weshalb die Meschen im Saal fehlen, gleichzeitig aber, dass uns viele aus der Distanz zuhören – online oder im Radio. Aus künstlerischer Sicht ist es ein Riesenunterschied, ohne Publikum zu spielen. Ich merke immer, ob das Publikum uns gebannt zuhört oder eher gleichgültig. Eine außergewöhnliche Interpretation hängt in großem Maße von der Intensität ab, mit dem das Publikum zuhört. Es entstehen gewisse Schwingungen in beiden Richtungen: vom Auditorium zum Orchester und von den Musikern zum Publikum. Es entsteht so ein geschlossener und äußerst intensiver Kreislauf. Was den Beifall betrifft, das ist aus meiner Sicht nur ein Dankeschön an die Musiker für ihre Darbietung. Man sollte ihn nicht überbewerten. 

Was werden Sie in dieser konzertfreien Zeit tun? 

Ich werde diese Zeit zum Besinnen nutzen. Die enorme Bedeutung der Kunst in unserem Leben wird einem noch deutlicher in einer Zeit des Verzichts. Es ist ja oft so, dass man den Wert von etwas eher zu schätzen weiß, wenn man es nicht mehr hat. Ich hoffe sehr, dass auch andere diese Zeit zum Nachdenken nutzen und vielleicht, wenn alles vorbei ist, dann wird es mehreren Menschen bewusst, wie wichtig Kunst und Kultur in unserem täglichen Leben sind. Die Kunst war immer eine Plattform für ein Mit- und Zueinander. So kann die Kunst uns wieder zusammenbringen, wenn dieser Spuk vorbei ist.

Pressebilder | Cristian Măcelaru | George Enescu Festival (George Enescu Festival / Alex Damian )

Cristian Măcelaru beim "George Enescu"-Festival in Bukarest, 2019. Er dirigierte das Royal Concertgebouw Orchestra

Sie haben 2019 die Leitung des WDR Sinfonieorchesters übernommen, dirigieren zahlreiche Konzerte mit namhaften Ensembles weltweit, engagieren sich intensiv in vielen Projekten zur Förderung junger rumänischer Musiker, arbeiten mit mehreren rumänischen Orchestern zusammen und werden im Herbst nächsten Jahres auch die Leitung des Orchestre National de France übernehmen. Wie ist das zu schaffen?

Es gab einen Witz in meinem Heimatland Rumänien während der Diktatur Ceauşescus: Dieser wollte, kurz gesagt, einen 25-Stunden-Tag einführen, um die Produktivität im Land zu erhöhen. Auf die Frage, wie das zu bewerkstelligen sei, antwortete er: "Na ja, man sollte eben früher aufstehen." Spaß beiseite, mir ist es sehr wichtig, der jungen rumänischen Musiker-Generation etwas von meiner Erfahrung weiterzugeben und mich an der Veränderung der rumänischen Gesellschaft zu beteiligen. Deshalb bin ich auch sehr oft in Rumänien, obwohl es zeitlich gar nicht so einfach ist. Gleichzeitig versuche ich, stets die rumänische Musik im Ausland zu fördern – nicht nur die George Enescus, den ich als Musiker und Mensch enorm schätze, sondern auch die der Gegenwartskünstler. Was Paris und Köln betrifft, da gibt es einen Schnellzug, der mich in drei Stunden und zwanzig Minuten in die französische Hauptstadt bringt. Ökologisch ist es auch. Mit meiner Familie lebe ich in Bonn, einer sehr schönen und ruhigen Stadt, und genieße viel von meiner Freizeit mit meinen Kindern in der Natur. Es ist ein Ausgleich zu meinem sonst stressigen beruflichen Leben. 

Sie sind am Sonntag 40 geworden. Was wünschen Sie sich an einem so schönen runden Geburtstag?

Im Augenblick, unter den gegebenen Umständen, wünsche ich mir nichts sehnlicher, als zurück auf die Bühne zu können. Generell aber, dass ich gesundheitlich in der Lage bin, das zu erfüllen, was mir an Talent und künstlerischer Kraft geschenkt wurde. Zum Wohle der Menschen.

Die Redaktion empfiehlt

Anzeige