COVID-19: Schlimme Folge-Erkrankungen bei Kindern | Wissen & Umwelt | DW | 09.09.2020
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Coronavirus

COVID-19: Schlimme Folge-Erkrankungen bei Kindern

Bislang sind Forscher davon ausgegangen, dass COVID-19 bei Kindern einen milden Verlauf nimmt. Gerade Kinder aber können Folge-Erkrankungen mit schwerwiegenden Symptomen entwickeln, so eine Studie aus Texas.

MIS-C ist die Abkürzung für "Multisystemisches inflammatorisches Syndrom" und die Bezeichnung für das entzündliche Syndrom, das bei Kindern nach einer Infektion auftauchen kann, auch nach einer Infektion mit COVID-19. Diese Erkrankung kann unter anderem zu Gewebe- und Herzschäden führen.

Bekannt sei das Syndrom schon lange, nicht erst seit der Corona-Pandemie, erklärt   Nikolaus Haas. Er leitet die Abteilung Kinderkardiologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München."Im Rahmen verschiedener Infektionserkrankungen kann es bei Patienten mit einer bestimmten Prädisposition zu einem Krankheitsbild kommen, bei dem der ganze Körper mit einer schweren Entzündung reagiert." Das gilt auch für Kinder. 

Amerikanische Studie zu MIS-C

In einer Studie hatte ein Ärzteteam aus Texas 662 Fälle aus 39 Studien ausgewertet, bei denen Kinder die Entzündungskrankheit MIS-C entwickelt hatten. Die Fälle waren zwischen dem 1. Januar und dem 25. Juli weltweit gemeldet worden. Anfang September dieses Jahres wurden die Ergebnisse der Studie im Fachmagazin'The Lancet‘ veröffentlicht.

Insgesamt 71 Prozent der Kinder mussten auf der Intensivstation behandelt werden, 60 Prozent erlitten einen schweren Kreislaufschock. Bei den fast 90 Prozent, bei denen ein Echokardiogramm durchgeführt wurde, stellten die Ärzte bei weit über der Hälfte eine Herzfunktionsstörung fest. Alle Kinder litten unter Fieber, ein Großteil von ihnen hatte Bauchschmerzen oder Durchfall und Erbrechen. Elf Kinder starben. Das entspricht 1,7 Prozent.

Hamburg | Temperaturmesseung bei einem Kind (picture-alliance/dpa/C. Klose)

Fieber ist ein typisches Symptom bei MIS-C

Bei den meisten Kindern konnten im Blut Antikörper gegen SARS-CoV-2 festgestellt werden, sie hatten die Infektion also bereits überstanden, auch ohne Krankheitszeichen zu zeigen. Bei der darauffolgenden Erkrankung MSI-C kam es dann allerdings in vielen Fällen zu umso heftigeren Symptomen.

Haas steht der amerikanischen Studie kritisch gegenüber und ist der Meinung, man müsse relativieren: "Von den vielen Kindern, die mit COVID-19 in den USA infiziert waren, zeigt nur ein sehr geringer Teil der Kinder das Krankheitsbild MIS-C." Die Sterberate sei extrem gering.

Kausaler Zusammenhang?

Seit April 2020 häufen sich die Berichte über Kinder mit dem Krankheitsbild MIS-C. "Auch wenn der Nachweis einer direkten Kausalität bisher nicht geführt werden konnte, ist der zeitliche Zusammenhang, lokale Cluster, aber auch ein positiver Virusnachweis von SARS-CoV-2 bei einigen dieser Kinder auffällig", heißt es auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie.

"Den Daten zufolge müssen die Kinder zuvor keine der klassischen Corona-Atemwegssymptome gezeigt haben, um an MIS-C zu erkranken – was beängstigend ist”, wird Dr. Alvaro Moreira in einer Mitteilung der Universität zitiert. Er ist Kinderarzt im Health Science Center der Universität von Texas in San Antonio. "Wir müssen diese Kinder engmaschig weiter überwachen, um zu verstehen, welche Folgen dies für sie langfristig haben könnte."

Mutter zieht ihrer Tochter Zuhause eine Schutzmaske über (Imago Images/Cavan Images)

Das Tragen von Masken gehört mittlerweile auch für viele Kinder zum Alltag

Das Kawasaki-Syndrom

Ein ähnliches Krankheitsbild wie MIS-C zeigt auch das sogenannte Kawasaki-Syndrom. Es wird ebenfalls häufig mit COVID-19 in Verbindung gebracht. Genauso wie MIS-C war aber auch diese Erkrankung schon lange vor der Corona-Pandemie bekannt. Der Japaner Tomisaku Kawasaki hatte das nach ihm benannte Syndrom bereits 1967 beschrieben. Woher das Kawasaki-Syndrom kommt, ist auch mehr als 50 Jahre nach seiner Entdeckung noch immer unklar.

Auch bei dieser Erkrankung gibt es starke Entzündungsreaktionen im Körper mit über 38,5 Grad Fieber. Die beiden Erkrankungen Kawasaki und MIS-C unterschieden sich vor allem graduell, sagt Haas. "Beim Kawasaki-Syndrom sind nicht so viele Organe betroffen. Es ist in den meisten Fällen das Herz. Die Patienten haben Fieber, und die Leberwerte gehen nach oben. Bei MIS-C sind häufig auch die Nieren betroffen, die Lunge und die Leber. Auch die Blutwerte zeigen Entzündungsreaktionen, die Anzahl der weißen Blutkörperchen steigt an", erklärt Haas.

Behandelt werden Patienten mit Immunglobulin und Glukokortikosteroide, eine Therapie, die sich beim Kawasaki-Syndrom als erfolgreich erwiesen hat.

16.07.2015 Fit und Gesund Niere (Colourbox)

Bei MIS-C sind mehr Organe betroffen als beim Kawasaki-Syndrom

Situation in Deutschland

Die DGPI sammelt seit Monaten bundesweit die Daten aller Kinder, die stationär mit Symptomen einer entzündlichen Erkrankung aufgenommen wurden. Momentan liegt die Zahl bei 200. Bei 40 Kindern konnte MIS-C nachgewiesen werden. Der COVID-Test aber fiel bei 92 Prozent negativ aus.

Eine Infektion mit MIS-C muss also nicht notwendigerweise eine Folge von COVID-19 sein. "Wir haben jetzt weltweit viele COVID-Fälle und entsprechend gibt es natürlich auch viele Patienten, die COVID-positiv sind. In ganz Deutschland waren bei über 200.000 nachgewiesenen Fällen gerade mal 200 Kinder, die ins Krankenhaus mussten. Davon ist eines gestorben. Das lag allerdings nicht an MSCI, sondern an einem Fehler, der auf das Management zurückzuführen ist."

Einen kausalen Zusammenhang zwischen MIS-C oder dem Kawasaki-Syndrom und SARS-CoV-2 hält der Mediziner Haas für unwahrscheinlich.

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