COVID-19: Neuartige Kinderkrankheit ähnelt Kawasaki-Syndrom | Wissen & Umwelt | DW | 14.05.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

COVID-19: Neuartige Kinderkrankheit ähnelt Kawasaki-Syndrom

Bislang sind Experten davon ausgegangen, dass COVID-19 bei Kindern relativ glimpflich abläuft. Einige aber haben Auffälligkeiten entwickelt, die denen des Kawasaki-Syndroms ähneln.

Entzündete Gefäße, Fieber und Hautausschlag sind Symptome, die beim Kawasaki-Syndrom auftauchen. Es ist eine der seltenen Erkrankungen. Weltweit gibt es davon bis zu 6.000. Laut Definition der Europäischen Union treten diese Erkrankungen bei weniger als fünf von 10.000 Menschen auf.

In letzter Zeit wurden immer mehr Kinder mit mysteriösen Entzündungen in Krankenhäuser eingeliefert, die den Symptomen der Kawasaki-Krankheit ähneln.

Zu den häufig beobachteten Symptomen des neuen Syndroms zählen Bauchschmerzen und Magen-Darm-Beschwerden, eine allgemeine Entzündung der Blutgefäße (Vaskulitis), die bis zu einer Herzentzündung führen kann, Fieber, über mehrere Tage, geschwollene Drüsen, Hautausschläge, eine geschwollene Zunge, rissige Lippen und häufig auch eine Bindehautentzündung der Augen.

Bei dem gefährlichen, aber behandelbaren Kawasaki-Syndrom handelt es sich um ein sogenanntes multiples Entzündungssyndrom, das in einigen Fällen bis zum Organversagen führen kann. Besonders die Altersgruppe zwischen 5 und 14 Jahren ist betroffen. Einige Experten befürchten, dass diese Fälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus stehen könnten.

Schlimmer als gedacht?

In Europa gab es die ersten Fälle der mysteriösen Erkrankung. Mediziner hatten sie in Spanien festgestellt, aber auch in Italien, der Schweiz, in Großbritannien und in Deutschland. Mittlerweile sind auch in den USA Fälle aufgetaucht. Allein in New York zählten die Behörden zuletzt fast 100 Kinder, die Symptome hatten, die an die Kawasaki-Erkrankung denken lassen.

Professor Philipp Henneke von der Uniklinik Freiburg ist der Ansicht, dass Zusammenhänge zwischen Kawasaki-Syndrom und COVID-19 im Augenblick noch weitgehend unklar sind. "Kurzgefasst kann ein Kawaski-Syndrom - auch ein atypisches - bei sehr vielen infektiösen und entzündlichen Erkrankungen auftreten, und oft findet sich keine Ursache. COVID-19 kann sehr krank machen, sicher in eher seltenen Fällen auch Kinder. Die genauen Bedingungen müssen wir beobachten, und das tun wir natürlich."

Hamburg | Temperaturmesseung bei einem Kind (picture-alliance/dpa/C. Klose)

Die überwiegende Zahl der Kinder, die sich mit dem Coronavirus infizieren, haben nur sehr milde Symptome

Pro Jahr gebe es etwa 200 typische Kawasaki-Fälle in Deutschland. Diese Erkrankungen seien unabhängig von SARS-CoV-2, und ob es einen Zusammenhang zwischen der vermehrt auftretenden Kawasaki-ähnlichen Erkrankung und einer Infektion mit COVID-19 gebe, sei im Moment eben noch sehr unsicher, sagt Henneke.

Grund zur Beunruhigung?

Immer wieder haben Wissenschaftler und Ärzte darauf hingewiesen, dass Kinder seltener von COVID-19 betroffen seien als Erwachsene. Mittlerweile gibt es Befürchtungen, dass dies nicht der Fall ist. Tagtäglich gibt es dazu neue Berichte und Publikationen. Ein Artikel in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift 'The Lancet' zum Thema 'Kinder und COVID-19' hat laut Henneke besondere Aufmerksamkeit erregt, aber auch für Verunsicherung und Verwirrung gesorgt.  "Der Titel war 'Hyperinflammatorischer Schock bei Kindern während der COVID-19-Pandemie' und nicht '… bei Kindern mit COVID-19'. Nur bei einem der acht Kinder, von denen berichtet wurde, konnte SARS-CoV-2 während der Erkrankung nachgewiesen werden", erklärt Henneke.

BdTD Gazastreifen Coronavirus Kostüm (AFP/M. Abed)

Ist das neue Coronavirus tatsächlich für die neuartige Kinderkrankheit verantwortlich?

Ob COVID-19 das Kawasaki-Syndrom auslösen kann oder verantwortlich für Kawasaki-ähnliche Symptome ist, bleibt nach wie vor unklar. "Bei einigen Kindern bestand Kontakt mit einer infizierten Person, und bei einem Kind, das verstarb, wurde das Virus nach dem Tod nachgewiesen. Das ist aber ein unsicherer Befund, wenn auch andere COVID-19-Patienten auf der Station gelegen haben. Bei einem Kind schließlich wurde ein anderes Virus nachgewiesen, das Adenovirus", sagt Henneke. Bis Wissenschaftler einen zuverlässigen Zusammenhang zwischen COVID-19 und der seltenen Erkrankung oder deren Varianten herstellen können, bedarf es noch einiger Forschung.

Falsche Sicherheit?

Neuere Erkenntnisse besagen, dass Kinder keineswegs vor einer Infektion mit COVID-19 weitestgehend gefeit sind. Bei den meisten wird die Infektion nur gar nicht erst erkannt, weil sie keine Symptome haben oder aber die Erkrankung im Vergleich zu erwachsenen Patienten milde verläuft. Insgesamt sind in Deutschland mittlerweile mehr als 10.000 SARS-CoV-2-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen registriert. Laut Robert-Koch-Institut starben in Deutschland bislang drei Personen, die jünger als 20 Jahre waren und positiv auf das gefährliche Virus getestet worden waren..

Das Kawasaki-Syndrom

Klinisch gesehen kennzeichnet eine akute systemische Erkrankung das Kawasaki-Syndrom. Es trifft vor allem Kinder in sehr jungem Alter, zwischen dem ersten und dem zweiten Lebensjahr. Die Erkrankung kann im schlimmsten Fall auch auf die Herzkranzgefäße schlagen und langfristige Folgen nach sich ziehen. Wird die Therapie rechtzeitig begonnen, können Gefäßschäden am Herzen vermieden werden.

Lesen Sie auch: Corona: Kinder leiden im Lockdown

Die WHO warnt jedoch davor, Panik zu schüren. Das Kawasaki-Syndrom sei als Erkrankung bekannt und man wisse, dass es sehr selten sei.

Zur Ursache der seltenen Erkrankung gibt es noch keine eindeutigen Antworten. Als Auslöser vermuten Experten neben Rhinoviren auch vier schon länger bekannte Typen von Coronaviren. Bei den typischen Atemwegsinfektionen antwortet das Immunsystem mit einer Fehlreaktion. Zur Standardbehandlung werden Antikörper eingesetzt, die das Immunsystem wieder in geregelte Bahnen lenken sollen. Bei rechtzeitiger Therapie liegt die Überlebenschance beim seltenen Kawasaki-Syndrom bei etwa 99,5 Prozent.

Die WHO jedenfalls warnt davor, Panik zu schüren. Das Kawasaki-Syndrom sei als Erkrankung bekannt und man wisse, dass es selten sei. Eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse, ob das Corona-Virus nun das Kawasaki-Syndrom oder damit ähnliche Symptome auslösen kann oder nicht stehen aus.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema