Coronavirus: Asiatische Amerikaner fürchten körperliche Angriffe | Welt | DW | 29.03.2020
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Rassismus

Coronavirus: Asiatische Amerikaner fürchten körperliche Angriffe

Durch das Coronavirus werden asiatische Amerikaner zunehmend zur Zielscheibe - und das nicht erst seit US-Präsident Donald Trump es das "chinesisches Virus" nannte. Eine Online-Community in Seattle bietet Unterstützung.

Sarah Baker und Bill Tashima mit dem Gouverneur des Bundesstaates Washington, Jay Inslee (M.) (Foto: Sheldon Arakaki)

Sarah Baker und Bill Tashima mit dem Gouverneur des Bundesstaates Washington, Jay Inslee (M.)

Sarah Baker und Bill Tashima sind Amerikaner der dritten Generation mit japanischen Großeltern. Beide leben in Seattle im nordwestlichen Bundesstaat Washington und haben miterlebt, wie sich die Stadt zu einem der Hotspots für Coronavirus-Fälle im Land entwickelt hat. Stand Sonntag (22.03.2020) waren mehr als 90 Menschen im Distrikt Seattle gestorben, mehr als 1750 infiziert.

Baker und Tashima sind im Vorstand der Japanese American Citizens League (JACL), der ältesten und größten asiatisch-amerikanischen Bürgerrechtsorganisation des Landes. Neben ihrer Arbeit für die JACL in Seattle haben sie auf eigene Faust eine Facebook-Gruppe gegründet. Sie soll asiatischen Amerikanern dabei helfen, mit den Auswirkungen des Coronavirus auf ihr Leben und ihre Geschäfte fertig zu werden. Die Online-Community ist in nur 12 Tagen auf mehr als 11.000 Mitglieder angewachsen.

Die DW traf Sarah Baker und Bill Tashima zum Interview und wollte zunächst wissen,  welchen Auslöser es für die Gründung der Gruppe gab und was sie bisher erreicht hat.

DW: Was ist Ihnen an der Reaktion der Menschen auf das Coronavirus aufgefallen und warum haben Sie eine Facebook-Gruppe gegründet?

Bill Tashima: In den Vereinigten Staaten gibt es eine latente, manchmal auch weniger latente, Fremdenfeindlichkeit. Und wenn etwas mit einer erkennbaren Rasse zu tun hat, wird es durch eine bestimmte Linse gesehen. Wäre COVID-19 beispielsweise in England ausgebrochen, wäre die Reaktion auf Personen dieser ethnischen Zugehörigkeit meiner Meinung nach anders gewesen.

Als das neue Coronavirus zum ersten Mal auftauchte und Nachrichten darüber aus dem chinesischen Wuhan kamen, war die erste Reaktion in Seattle, dass viele Leute Chinatown einfach mieden. Und in Seattle haben wir einen Chinatown-International District, was bedeutet, dass es nicht nur Chinesen sind, sondern viele Vietnamesen, viele Filipinos. Es gibt auch das ehemalige Japantown.

Chinatown und der District bestehen aus kleinen Familienunternehmen und sind auf Kunden angewiesen. Sarah begann eine ganze Reihe von Facebook-Posts darüber zu veröffentlichen, wie traurig es war und wie leer einige Orte waren.

Ich dachte: "Ich kann auch meinen Teil dazu beitragen" und bin in ein Restaurant im District gegangen, das normalerweise immer sehr voll ist. Ich war die einzige Person dort und dachte: "Das kann so nicht weitergehen. Wir müssen unsere Gemeinschaft unterstützen." Und so habe ich diese Facebook-Gruppe gegründet.

Wir alle hatten den Eindruck, dass es immer noch sicher ist, in kleinen Gruppen in Restaurants zu essen und einkaufen zu gehen. Und es gab noch andere Ideen: Essen zum Mitnehmen, Gutscheine oder sich Essen liefern lassen. Ich habe zunächst eine Einladung zu der Gruppe an Freunde verschickt. Innerhalb weniger Stunden hatten wir ungefähr 400 Mitglieder. Das war vor zwölf Tagen. Derzeit haben wir durchschnittlich tausend neue Mitglieder pro Tag und haben gerade die Marke von 11.000 überschritten.

Das Schöne daran ist, dass es auf einzelnen Posts von Betroffenen basiert und die Posts Geschichten über die Restaurants, die  Geschäfte und den District erzählen, was es sehr persönlich macht. Mit schönen Bildern vom Essen, von den Menschen, damit die Leute dorthin wollen.

Hat die Plattform etwas geändert?

Tashima: Die Zahl der Kunden hat wieder zugenommen und wir waren sehr zufrieden. Und wir haben die Idee erweitert, um kleine Unternehmen und Familienrestaurants in anderen Gegenden einzubeziehen. Denn mittlerweile leiden alle diese Geschäfte und Restaurants in Seattle.

Sarah Baker: Da die Lage mit dem Coronavirus sich täglich ändert, müssen wir wachsam bleiben, weil wir nicht wollen, dass Menschen sich selbst oder andere in Gefahr bringen.

Also ging es von "Geht raus und unterstützt lokale Restaurants!" zu "Bleibt zu Hause und unterstützt lokale Restaurants!" Das Coronavirus ist definitiv kein Hype. Als wir anfänglich beschlossen, es "Beat the Hype" (etwa: überwindet die aufgebauschte Aufregung, d. Red.) zu nennen, meinten wir damit den Hype des Rassismus. Es geht wirklich darum, dass Gemeinschaften in der ganzen Stadt Seattle zusammenkommen.

Wie haben sich Ihre Interaktionen seit dem Ausbruch des Coronavirus in Wuhan verändert?

Tashima: Wir haben Glück, bisher gab es keine gewalttätige Reaktion gegen die Gruppe. Aber je strikter die Regeln werden und je mehr isoliert Menschen sind, desto mehr staut sich die Angst auf und ich mache mir Sorgen über mögliche körperliche Gewalt. Ich denke, als asiatische Amerikaner spüren wir ständig diesen Verdacht von Leuten. Ich gehe selten einkaufen. Ich beteilige mich an der sozialen Distanzierung, aber ich bemerke die zusätzliche soziale Distanzierung, die mir die Leute entgegen bringen.

Baker: Übergreifend spricht dies für viele systemische Probleme, die wir sowieso hatten und die nun in den Vordergrund rücken. Wir haben darüber gesprochen, dass Menschen Asiaten als eine Gruppe sehen. Wenn man sich diese verschiedenen Communities ansieht, sind sie aber sehr unterschiedlich. Die Tatsache, dass diese Verallgemeinerung jetzt gerade geschieht, zeigt, wie die Welt tatsächlich ist, obwohl die Leute sonst versuchen, es zu verbergen.

Ich habe persönlich keine Angriffe erlebt, aber ich habe definitiv Geschichten von Leuten gehört, die diskriminiert wurden. In Seattle ist es bis jetzt wohl bei kleineren Aggressionen geblieben. Aber es gibt Berichte über andere Orte in den Vereinigten Staaten und der Welt, wo Menschen mit asiatischer Herkunft körperlich angegriffen werden. Die Angst davor ist auch bei uns da.

Tashima: Es gab einen wirklich beunruhigenden Beitrag in unserer Facebook-Gruppe, der ungefähr so lautete: Wenn ihr euch jetzt paranoid und bedroht fühlt, jedes Mal wenn ihr in ein Geschäft geht oder anderen Menschen begegnet - denkt daran, dass es anderen, die auch nicht weiß sind, so schon lange jeden Tag geht. Und jetzt geht es asiatischen Amerikanern auch so.

Baker: Für Japanisch-Amerikaner ist dies definitiv auch eine Erinnerung an das, was während des Zweiten Weltkriegs mit den Internierungen geschah, als die Menschen Japanern, Asiaten und asiatischen Amerikanern gegenüber offen feindlich eingestellt waren, nur wegen ihres Aussehens. Das jetzt wieder zu sehen, ist traurig.

Was kann eine Online-Gruppe wie Ihre in diesen Zeiten erreichen?

Tashima: Ich denke, wenn überhaupt, hat unsere Gruppe eine Plattform geschaffen, auf der Menschen ermutigt und inspiriert werden können. Im Moment ist die Situation so unklar, es gibt so viel Angst. Und trotzdem kümmern wir uns noch um andere Menschen und versuchen zu überlegen: Was können wir tun? Wie können wir helfen? Ich denke, dass der Erfolg dieser Gruppe darin besteht, dass die Mitglieder veröffentlichen, was sie tun, wie sie helfen können und kreative Ideen teilen. Sarah und ich sind überglücklich darüber und ermutigt durch die Reaktion der Community. Wir haben also allen da draußen viel zu verdanken.

Sarah Baker und Bill Tashima sind Amerikaner der dritten Generation und im Vorstand der Japanese American Citizens League (JACL), der ältesten und größten asiatisch-amerikanischen Bürgerrechtsorganisation der USA. Das Interview führte Julia Mahncke.

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