Corona und Abtreibung: Die Not der ungewollt Schwangeren | Deutschland | DW | 08.07.2020
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Schwangerschaftsabbruch

Corona und Abtreibung: Die Not der ungewollt Schwangeren

Geschlossene Grenzen, geschlossene Kliniken und gesperrte Internetseiten: Corona erschwert Frauen weltweit den Zugang zu einer sicheren Abtreibung, auch in Europa. Familienplanungsorganisationen schlagen Alarm.

"Es ist eine Schande. Ausgerechnet in dem Moment, wo Frauen am dringendsten Unterstützung brauchen, erschweren einige Länder mit autoritären Maßnahmen den Zugang zu einer Abtreibung oder zensieren Webseiten", klagt Hazal Atay von der Frauenrechtsorganisation "womenonweb". In einigen Ländern, darunter Saudi-Arabien und die Türkei, ist der Zugang zu "womenonweb.org" nach Angaben der Organisation gesperrt. 

Die Plattform richtet sich vor allem an Frauen in Ländern, in denen eine Abtreibung verboten oder nur unter eingeschränkten Bedingungen möglich ist (siehe Karte).

Laut der Frauenrechtsorganisation ist der Zugang zu einer sicheren Abtreibung seit dem Ausbruch der Pandemie weltweit schwieriger geworden. Das 2006 gegründete Netzwerk mit Sitz in Kanada bietet ungewollt schwangeren Frauen medizinische Online-Beratungen und den Versand von Abtreibungspillen an. In vielen Ländern sind das medizinische Personal und die Krankenhäuser erst einmal mit COVID-19 beschäftigt, und Abtreibungseinrichtungen sind entweder geschlossen oder funktionieren nur eingeschränkt", sagte Hazal Atay der DW.

Rund zwei Millionen Frauen klicken laut Google Analytics jeden Monat die Seite an, die in 22 Sprachen verfügbar ist. In der Liste der 20 Länder mit den meisten Abrufen steht Brasilien an erster Stelle, gefolgt von Mexiko, Thailand, Indonesien, Polen und den USA. 

Infografik Abtreibung weltweit DE

Spanien sperrt Webseite

Neu ist die Blockade der Website in Spanien. Das spanische Gesundheitsministerium begründet diese Maßnahme auf Anfrage der DW damit, dass der Vertrieb von verschreibungspflichtigen Abtreibungspillen über das Internet in Spanien nicht erlaubt sei.

"Die spanische Agentur für Arzneimittel und Medizinprodukte (Aemps) kann nicht das Risiko für Medikamente übernehmen, deren Herkunft sie nicht kennt, die in Spanien nicht zugelassen sind und die nicht unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden", so die Erklärung.

Das Ministerium versichert, dass "die Dienstleistungen von womenonweb.org "von großem Wert" in Ländern seien, in denen Frauen eine Schwangerschaft nicht auf legalem Wege beenden könnten. In Spanien allerdings, wo Abtreibungen in den ersten drei Monaten legal sind, sei dies nicht der Fall.

Polen Gesetzesvorhaben im Parlament - Abtreibungsdebatte spaltet (Getty Images/AFP/W. Radwanski)

Frauen demonstrierten gegen eine weitere Verschärfung des restriktiven polnischen Abtreibungsrechts im April in Warschau

Sichere Abtreibungspillen?

Bei den Abtreibungspillen handelt es sich um die Medikamente mit den Wirkstoffen Mifepriston und Misoprostol. Laut denWHO-Richtlinien zur medizinischen Durchführung von Abtreibungen aus dem Jahr 2018 kann "eine Schwangerschaft bis zur zwölften Woche durch die Kombination der beiden Wirkstoffe von der betroffenen Frau eigenständig beendet werden, auch ohne direkte ärztliche Aufsicht".

"Die Pillen stehen auf der WHO-Liste der unentbehrlichen Arzneimittel", erklärt Mara Clarke, Gründerin des britischen "Abortion Support Network". Das Netzwerk ermöglicht Frauen aus europäischen Ländern, in denen Abtreibung verboten ist, darunter Malta und Polen, die Einreise in Länder mit einer liberaleren Gesetzgebung. 

Hilferuf aus Malta

"Die Corona-Beschränkungen haben die Panik der ungewollt schwangeren Frauen verstärkt", sagte sie in einem Interview mit der Zeitschrift "Der Spiegel". Seit der Schließung der Grenzen hätte sich die Zahl der monatlichen Anrufe aus Malta verdoppelt. Viele Frauen waren besorgt, dass sie die Post mit den Abtreibungspillen nicht bekommen würden.

Auch in Deutschland scheinen ungewollt schwangere Frauen die Möglichkeit zu nutzen, eine medikamentöse Abtreibung in den eigenen vier Wänden vorzunehmen. Darauf deuten jedenfalls die häufigen Abrufe von "womenonweb.org" hin. Im Länder-Ranking nimmt Deutschland Platz 17 ein.

Rebecca Gomperts (dapd)

Die Ärztin Rebecca Gomperts, Chefin von "Womenonweb" und Gründerin der Abtreibungsorganisation "womanonwaves", wurde in der Vergangenheit in der marokkanischen Hafenstadt alles andere als freundlich empfangen

Frauen haben Angst vor Stigmatisierung

Über die Gründe, warum die Seite in Deutschland so beliebt ist, könne man nur spekulieren, sagte Sprecherin Hazal Atay. "Vielleicht ist es der Mangel an Informationen über Abtreibung, vielleicht die Angst vor Stigmatisierung, oder eine fehlende Krankenversicherung oder Aufenthaltserlaubnis."

Regine Wlassitschau vom Bundesverband Pro Familia vermutet, dass es um Frauen geht, "die sich im Gesundheitssystem nicht zeigen wollen". Bei "womenonweb" würden die Frauen von einer Ärztin in den Niederlanden online beraten. "Es liegt viel Verantwortung in der Hand der Ärztinnen", so Wlassitschau.

Im Bundesfamilienministerium verweist man darauf, dass es keine Kooperation oder Absprachen mit "womenonweb" gebe. Ein Sprecher stellte auf Nachfrage der DW klar, dass der "sogenannte 'Home Use' in der Form, dass Medikamente per Rezept selbst in der Apotheke abgeholt und mit telemedizinischer Begleitung eingenommen werden, in Deutschland nicht zulässig sei. Abtreibung ist aber in Deutschland  unter gewissen Voraussetzungen straffrei.

Hilfe auf Umwegen

Bei "womenonweb" gibt man sich nach 15 Jahren Erfahrung pragmatisch. Damit Frauen trotz gesperrter Webseiten weiterhin Zugang Informationen zum Thema Abtreibung bekommen, nimmt man die Hilfe der befreundeten NGO "Womanonwaves" in Anspruch. 

Die Organisation wurde 1999 von der niederländischen Ärztin Rebecca Gomperts gegründet und machte Schlagzeilen mit Abtreibungen auf gecharterten Schiffen in internationalen Gewässern. Auf ihrer Webseite sind nun neue Links zu den zahlreichen gesperrten Seiten eingestellt. 

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