Corona: Was kommt nach der Inzidenz? | Deutschland | DW | 28.08.2021
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Corona-Pandemie

Corona: Was kommt nach der Inzidenz?

Deutschland plant, künftig weniger auf die 7-Tage-Inzidenz als Gradmesser der Corona-Pandemie zu achten. Stattdessen sollen Einweisungen ins Krankenhaus stärker in den Blick genommen werden. Ist das sinnvoll?

35, 50, 100: Seit fast eineinhalb Jahren sind das die Wegmarken der deutschen Politik. Je nachdem, wie hoch die 7-Tage-Inzidenz ausfällt, ob 35 Neuinfektionen pro 100.000 Menschen, 50 oder 100, folgen entsprechende Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie – festgeschrieben im Infektionsschutzgesetz. Doch das soll sich nun ändern.

Bis zum 31. August sei die Bundesregierung aufgerufen, "Formulierungshilfen für eine Änderung des § 28a Infektionsschutzgesetzes (IfSG) vorzulegen", wie das Bundesgesundheitsministerium auf DW-Anfrage mitteilt. Die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus sollten dann insbesondere an der Hospitalisierungsrate ausgerichtet werden, also an der Zahl der Krankenhauseinweisungen von COVID-19-Patienten. Die 7-Tage-Inzidenz sei aufgrund des Impffortschritts nicht mehr zentraler Maßstab. 

Europäische Länder machen es vor

Hospitalisierungsrate statt 7-Tage-Inzidenz – Deutschland schlägt damit einen Weg ein, den bereits mehrere europäische Länder gegangen sind. In Österreich und Italien fließt seit längerem auch die Hospitalisierungsrate in die Entscheidungsfindung mit ein. Österreich verwendet eine Corona-Ampel, die zahlreiche Indikatoren berücksichtigt wie das Alter von Infizierten, den Anteil von Infizierten mit Symptomen sowie die Ressourcen im Gesundheitssystem. In Italien werden die Regionen in verschiedenfarbige Zonen eingeteilt, je nachdem, wie stark die Region von der Coronavirus-Ausbreitung betroffen ist. Bei der Bewertung der Lage spielt neben der 7-Tage-Inzidenz auch die Belegung sowohl der Intensiv- als auch der Normalstationen eine Rolle.

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In Zukunft stärker im Fokus: die Belegung der Krankenhäuser

"Jeder Indikator hat seine Vor- und Nachteile", sagt der Epidemiologe und Statistiker Emilio Gianicolo an der Universität Mainz im Gespräch mit der DW. Die 7-Tage-Inzidenz helfe dabei, die Dynamik des Pandemie-Geschehens zu verstehen, während die Hospitalisierungsrate Rückschlüsse auf die Überlastung des Gesundheitswesens gebe. Allerdings hält er die Hospitalisierungsrate für nur begrenzt aussagekräftig, weil sie "verspätet das Infektionsgeschehen darstellt". Denn Krankenhauseinweisungen geschehen in der Regel mit zweiwöchigem Verzug. "Die 7-Tage-Inzidenz birgt hingegen die Gefahr einer großen Dunkelziffer". Denn mit höherer Impfquote wird auch weniger getestet. Deshalb sei man, so Gianicolo, nicht gut beraten, sich nur auf einen Indikator bei der Bewertung des Pandemie-Geschehens zu verlassen.

Einige Bundesländer stellen bereits um

In Deutschland gehen unterdessen einige Bundesländer voran, ohne auf eine neue Regelung aus Berlin zu warten. In Baden-Württemberg im Süden wird unabhängig von der Inzidenz das gesellschaftliche Leben wieder hochgefahren. In Mecklenburg-Vorpommern im Norden soll ein modifiziertes Ampel-System angewendet werden, das ab einer hohen Inzidenz auch die Belegung der Krankenhäuser und Intensivstationen mit einschließt. Im Stadtstaat Hamburg wird nun erstmals die 7-Tage-Inzidenz nach Geimpften und Ungeimpften aufgeschlüsselt, was eine sehr viel höhere Inzidenz unter Ungeimpften zutage förderte. Eine durchaus wichtige Erkenntnis, findet Epidemiologe Gianicolo. Denn es bedeute für den weiteren Verlauf des Infektionsgeschehens einen Unterschied, wer infiziert sei.

Corona: Deutschlands Ärzte am Limit

Unabhängig davon, welcher Indikator nun ausschlaggebend angewendet werde - wichtig sei vor allem Transparenz und Nachvollziehbarkeit. "Die Methoden, wie ein Entscheidungskriterium zustande kommt, müssen klar nachvollziehbar sein", sagt Gianicolo. In Österreich beispielsweise, glaubt er, ist die Gewichtung der Indikatoren für Fachleute zwar verständlich, für die normale Bevölkerung aber nur schwer zu durchschauen.

Der Epidemiologe beobachtet auch, dass das Kriterium "Überlastung des Gesundheitswesens" zwar als Maßstab gilt, aber so gut wie nie genau definiert wird. Weder in Dänemark noch in Großbritannien beispielsweise habe man definiert, ab welcher Kennzahl eine Überlastung droht - zumal Gesundheitssysteme unterschiedlich leistungsfähig sind. Tatsächlich wurde in Großbritannien die 7-Tage-Inzidenz so gut wie abgeschafft, ohne eine Überlastung des Systems näher zu definieren. Im dort öffentlich einsehbaren Fahrplan zum weiteren Umgang mit der Pandemie heißt es, die Regierung werde regelmäßig die Daten im Blick haben, um sicherzustellen, dass das Gesundheitssystem keiner "untragbaren Belastung" ausgesetzt sei.

Details noch unklar

Auch in Deutschland sind die Details, welche Kennzahl an Stelle der 7-Tage-Inzidenz treten soll, noch völlig offen. Auf Anfrage der DW teilte das Bundesgesundheitsministerium mit, aus "Respekt vor dem Parlament" die Beschlüsse abwarten zu wollen, bevor man sich äußere. Das Robert-Koch-Institut, die zentrale Gesundheitsbehörde des Landes, gibt bereits in einem Lagebericht die Hospitalisierungsrate von COVID-19-Patienten der vergangenen Tage pro 100.000 Einwohner an. Wann eine Überlastung des Gesundheitswesens droht, ist unklar.

England hebt Corona-Beschränkungen auf

Ebenso ist unklar, wie sich die Einweisungen in Krankenhäuser in der nun begonnenen vierten Corona-Welle entwickeln werden. Schaut man auf die Zahlen, lässt sich das kaum prognostizieren: Am 23. Oktober 2020, zu Beginn der dritten Welle, betrug die Zahl der Neuinfektionen 3839, die Anzahl der COVID-19-Patienten auf Intensivstation, die beatmet werden mussten, lag bei 148. Am 19.08.2021, während nun fast 60 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sind, gab es 3684 Neuinfektionen, also ungefähr so viele wie am 23. Oktober. Auch die Zahl der beatmeten COVID-19-Patienten war ähnlich: es waren 135. Ob in diesem Winter, anders als vor einem Jahr, diese Zahlen nicht steigen werden, da ältere Menschen auf Grund ihrer Impfung zunehmend vor einer Infektion geschützt sind, bleibt abzuwarten.

Die Details der Neuformulierung des Infektionsschutzgesetzes werden zeigen, ob der Ansatz einer neuen Phase der Pandemie mit deutlich mehr Geimpften gerecht wird: ein Ansatz, der mehrere Indikatoren berücksichtigt, die Pandemie-Dynamik nicht aus den Augen verliert und eine Überlastung des Gesundheitssystems transparent und nachvollziehbar definiert.

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