Corona: Wann kommt die Impfung für alle? | Deutschland | DW | 24.04.2021
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Corona

Corona: Wann kommt die Impfung für alle?

Es hat lange gedauert, doch nun nimmt das Impfen in Deutschland Fahrt auf. Über 22 Prozent der Bevölkerung hat ihre erste Impfdosis erhalten. Dennoch gibt es Probleme - vor allem mit dem Impfstoff von AstraZeneca.

Die Geschichte des Corona-Impfstoffs AstraZeneca hat in Deutschland schon mehrere Kapitel. Zunächst galt er als guter Impfstoff für Jüngere. Dann folgte eine Impfpause, weil es Todesfälle nach der Impfung gegeben hatte. Danach hieß es von Seiten der Ständigen Impfkommission, einer 18-köpfigen Expertengruppe: der Impfstoff sei hauptsächlich für Leute über 60 Jahre geeignet.

Jetzt schlagen einige Bundesländer - bislang Bayern, Berlin, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern - einen ganz neuen Weg ein: AstraZeneca darf nun in den Bundesländern an alle über 18-Jährigen, die das wollen und nach einer verpflichtenden ärztlichen Beratung, verimpft werden.

Damit weichen die Bundesländer von der in Deutschland geltenden Impf-Priorisierung ab. Die sieht eine streng vorgegebene Impfreihenfolge und definierte Prioritätengruppen vor. Die Priorisierung war insbesondere zum Schutz der am stärksten Gefährdeten, also vor allem den Älteren, von der Ständigen Impfkommission, dem Deutschen Ethikrat und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina skizziert worden. Dass überhaupt priorisiert wird, hängt damit zusammen, dass in Deutschland noch immer nicht genügend Impfstoff zur Verfügung steht.

AstraZeneca ist gerade ein Ladenhüter

Das Paradoxe dabei: Trotz zu wenig Impfstoff bleiben Dosen liegen - weil viele sich nicht mit AstraZeneca impfen lassen wollen. Das teilte beispielsweise das Gesundheitsministerium in Mecklenburg-Vorpommern mit. Deshalb die Aufhebung der Priorisierung: Impfstoff dürfe nicht ungenutzt liegen bleiben.

PK Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (links), Lars Schaade, Vize-Präsident des Robert-Koch-Instituts und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei einer Pressekonferenz in Berlin

Bundesweit seien es einige Hunderttausend ungenutzter AstraZeneca-Dosen, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf einer Pressekonferenz. Wie viele Menschen eine Impfung ablehnten, dazu konnte Spahn keine Auskunft geben.

Ein Thrombose-Fall auf 100.000 Impfungen

Hintergrund der Skepsis gegenüber AstraZeneca dürfte sein, dass es auch in Deutschland zu Todesfällen nach einer Impfung kam. Zwölf Menschen starben an Hirnthrombosen, heißt es beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist. Alle Verstorbenen seien im Februar/März geimpft worden. Bis Mitte April wurden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) mehr als 4,2 Millionen Erstdosen und etwas über 4000 Zweitdosen des Impfstoffs von AstraZeneca verabreicht.

Die Gefahr einer Hirnthrombose bezifferte der PEI-Chef, Klaus Cichutek, bei einer Pressekonferenz mit 1:100.000. Den Impfstoff nun für weitere Altersgruppen zu öffnen, nannte Cichutek eine "sehr vernünftige Maßnahme".

Andere Staaten reagierten auf die Thrombose-Fälle anders als Deutschland: Das Nachbarland Dänemark hat die Impfung mit AstraZeneca ganz eingestellt. 55.000 Impfdosen gingen daraufhin leihweise ins nördliche Bundesland Schleswig-Holstein.

Schwierige Planung vor Ort

Das bevölkerungsreichste Bundesland, Nordrhein-Westfalen, hat sich gegen eine Aufhebung der Impf-Priorisierung entschieden. Demnach gebe noch genügend Menschen über 60, die sich gern mit AstraZeneca impfen lassen würden. Niedersachsen und Baden-Württemberg lehnen eine Freigabe momentan ebenfalls ab.

Anders in Berlin: Hier ist der Impfstoff nun freigegeben. Auch in der Hauptstadt liegen Medienberichten zufolge zigtausende Dosen auf Halde. Doch vor Ort, in den Praxen, gibt es Organisationsschwierigkeiten. Die Hausarztpraxen dürfen erst seit wenigen Woche ihre Patienten impfen. Vorher war das allein den Impfzentren vorbehalten.

Sybille Katzenstein, Allgemeinmedizinerin in Berlin-Neukölln

Hausärztin Sybille Katzenstein: "Ich hoffe, dass es aufwärts geht."

"In der ersten Woche wurden 48 Dosen versprochen, das ist dann in der darauffolgenden Woche auf die Hälfte runter gekürzt worden. Und es war eine Mischung aus AstraZeneca und Biontech", erzählt Sybille Katzenstein, die ihre Praxis in Berlin-Kreuzberg hat. Schließlich sei zwar mehr Impfstoff eingetroffen, 250 Dosen, doch die seien auch verimpft worden. Für die Zweit-Impfung fehlten aber bis jetzt klare Informationen. "Es ist immer eine Überraschung für Apotheker und Ärzte, was in der nächsten Woche passiert", sagt Katzenstein. Das erschwere, wann sie Patienten für ihre Impfung einplanen könne.

Schwierigkeiten vermeldet auch das Bundesland Sachsen, das AstraZeneca ebenfalls freigegeben hat. Das werde wohl so schnell mit "AstraZenca für alle" nichts werden, heißt es von der dortigen Kassenärztlichen Vereinigung. Zunächst erhielten die Praxen nämlich gar kein neues AstraZeneca mehr, sondern nur Impfstoff von Biontech. Allerdings könnten nun immerhin die Dosen auf Halde weggeimpft werden.

Impfen für alle ab Juni?

Trotz der Organisationsschwierigkeiten zeichnet sich ab, dass bald auch alle anderen Bundesländer nachziehen und die Priorisierung in absehbarer Zeit aufgeben könnten. Denn: Im zweiten Quartal kann Deutschland laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf 80 Millionen Impfdosen hoffen, davon allein 50 Millionen von Biontech. Das bedeutet: Ab Juni könnte so viel Impfstoff vorhanden sein, dass die Priorisierung ganz aufgegeben werden könne. Vorausgesetzt, es werde in vollem Umfang und pünktlich geliefert, betont Spahn. Das hieße aber nicht, "dass wir innerhalb einer Woche gleich jedem einen Termin machen".

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Flächendeckende Corona-Impfungen - Herausforderung nicht nur für Deutschland

Für den deutschen Hausärzteverband kommt das zu spät. Das sei "eine niederschmetternde Nachricht für alle, die gehofft hatten, schneller aus der Pandemie herauszukommen", sagte der Vize-Vorsitzende, Berthold Dietsche den Zeitungen der "Funke Mediengruppe". Wäre frühzeitig und vor allem in größeren Mengen Impfstoff bestellt worden, dann hätte Deutschland das "Schneckentempo beim Impfen" längst hinter sich gelassen. Denn sobald genug Impfstoff vorhanden sei, erledige sich eine Priorisierung ohnehin.

Vom Ethikrat hieß es hingegen, es sei aus ethischer Hinsicht richtig, bei genügend Impfstoff die Priorisierung auslaufen zu lassen. Dem stimmt auch die Ärztin Katzenstein in Berlin zu. "Es ist unser täglich Brot zu gucken, dass wir unsere Patienten bestmöglich versorgen - und dazu gehört natürlich auch, dass man eine Impf-Priorisierung macht", sagt Katzenstein. "Aber die sollte weniger starr sein." Das sei eigentlich auch ein Muss, denn: "Es geht auch um Schnelligkeit und jeder, der geimpft wird, schützt wiederum seinen Nächsten."

Am kommenden Montag wollen Bund und Länder über das weitere Vorgehen beim Impfen beraten. Dabei dürfte neben den aktuellen Handling-Problemen beim Impfen noch etwas diskutiert werden: Dass nämlich inzwischen die EU in Erwägung zieht, gegen den britischen-schwedischen Pharmakonzern AstraZeneca zu klagen - wegen Lieferproblemen.

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