Corona und die Solo-Selbstständigen: Kommt die Hilfe an? | Wirtschaft | DW | 31.03.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Hilfsprogramme

Corona und die Solo-Selbstständigen: Kommt die Hilfe an?

Oft haben kleine Unternehmen keine großen Rücklagen und das Coronavirus drückt ihnen schnell die Luft ab. Soforthilfen der öffentlichen Hand sollen helfen. Die Anträge laufen bereits, aber kommen sie auch an?

"Am Freitag hagelten die ganzen Absagen und Stornierungen rein. Für den März, für den April... Jetzt gibt es sogar schon Absagen für Mai. Auch für Juni hab ich erste Stornierungen", erzählt Dirk Winkelmann. Der Unternehmensberater und Trainer aus Bonn braucht für seine Arbeit den persönlichen Kontakt mit den Kunden. Auf Weiterbildung und Coachings aber verzichten derzeit viele Unternehmen, die wegen der Coronakrise selber Engpässe haben. "Ein Kunde von mir hat jetzt schon für das gesamte Jahr Veranstaltungen abgesagt. Wegen Kurzarbeit und der wirtschaftlicher Situation habe er für Weiterbildung jetzt kein Budget", so Winkelmann.

Was tun, wenn die Arbeits- und Lebensgrundlage wegbricht? Vor dieser Frage stehen zurzeit viele Selbstständige wie Künstler, Friseure, Gastronomen oder Grafiker. Sie seien viel stärker von der Krise betroffen als Angestellte, sagt der Selbstständigen-Verband VGSD. "Sie haften letztlich mit ihrem ganzen Vermögen. Auch ihre Altersvorsorge ist in Gefahr, weil die eben nicht insolvenzgeschützt ist."

Denjenigen, die durch die Coronakrise in finanzielle Schwierigkeiten geraten, hilft die Bundesregierung mit einer Soforthilfe. Auch die einzelnen Bundesländer haben solche Hilfspakete geschnürt. Das Besondere daran: Die Hilfe muss nicht zurückbezahlt werden. Beantragt wird beides ausschließlich digital.

Hier erfahren Sie mehr über die Soforthilfe von Bund und Ländern

Schnell und unbürokratisch soll es gehen

"Die Beantragung ging relativ zügig", erzählt Winkelmann. Am Freitagnachmittag habe er einen Link auf der Seite des Wirtschaftsministeriums von Nordrhein-Westfalen besucht. Zwar sei das System abgestürzt, aber am nächsten Tag konnte er seine Angaben online machen. Auch in anderen Bundesländern waren die Systeme kurzfristig überfordert. In Niedersachsen versuchten am vergangenen Mittwoch 250.000 Menschen gleichzeitig, die Hilfe zu beantragen, so die zuständige Landesförderbank NBank. "Das hat den Server gesprengt", zitierte die Zeitung Bild einen NBank-Sprecher. "Wir werden überrannt."

Coronavirus - Thüringen - Jena (picture-alliance/dpa/B. Schackow)

Geschlossene Restaurants - einige Gastronomen mildern den Umsatzeinbruch mit "außer-Haus-Lieferungen" ab

Dirk Winkelmann freute sich über eine schnelle Antwort: "Am Dienstagmorgen ist sogar schon der Bescheid gekommen, dass das Geld gezahlt wird", sagt er, "es war extrem unbürokratisch." Wann Geld auf seinem Konto landet, weiß er allerdings nicht.

Geplant ist, dass mit der Auszahlung der Direkthilfen an Millionen von kleinen Firmen, sogenannten Solo-Selbstständigen, Freiberufler und Landwirten in den nächsten Tagen begonnen wird. Insgesamt hat der Bund dafür bis zu 50 Milliarden Euro bereitgestellt. Zusätzlich haben die Bundesländer noch eigenen Hilfspakete geschnürt. Diese Soforthilfen sind vor allem für kleine Firmen gedacht, die in der Regel keine Kredite erhalten, über keine Sicherheiten oder andere Einnahmen verfügen und Liquiditätsengpässe nun überbrücken müssen. Dabei können Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten einmalig 9000 Euro, mit bis zu zehn Beschäftigten 15.000 Euro erhalten. 

Run auf Soforthilfe gestartet

Am Samstag hatte die Bild unter Berufung auf eine Umfrage unter den Bundesländern berichtete, dass innerhalb weniger Tage mindestens 360.000 Anträge auf Soforthilfe von Kleinunternehmen und Solo-Selbstständigen eingegangen seien. Über 138 Millionen Euro seien bereits zur Zahlung angewiesen worden. 

Allein in Hessen sind in den ersten sechs Stunden rund 5000 Anträge auf Corona-Soforthilfen gestellt worden. 500 Anträge seien bereits abgearbeitet und insgesamt fünf Millionen Euro Soforthilfe bewilligt worden, sagte der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir am Montagnachmittag. "Wir haben für die Corona-Soforthilfe genug Geld eingeplant. Das bedeutet auch: Kein Antrag, der bis Ende Mai eingereicht wird, wird wegen fehlender Mittel abgelehnt."

Aus dem Land Berlin heißt es: "Die erste Welle sind sechsstellige Zahlen", so der zuständige Kultursenator Klaus Lederer. "Ich rechne schon damit, dass wir hier am Ende bei 250.000 bis 300.000 Anträgen landen. Das ist durchaus im Bereich des Möglichen."

Mittelstand fällt durchs Raster

Den Kleinen wird sofort geholfen und den größeren? Für die sind im Wesentlichen Kredite und Garantien vorgesehen. Bislang ist für größere Unternehmen ab 250 Mitarbeitern oder mit hohen Umsatzerlösen von der Regierung ein Schutzschirm aufgespannt worden, der sogenannte Wirtschaftsstabilisierungsfonds. Er soll Unternehmen mit Kapital und Garantien stärken. Über ein Sonderprogramm der staatlichen Förderbank KfW sollen sich größere Unternehmen über die Hausbanken mit Liquidität versorgen können. Die KfW und damit der Staat haftet mit bis zu 90 Prozent bei Betriebsmitteln und Investitionen für die Kredite. 

Mehr als jeder zehnte Mittelständler ist nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) durch die Corona-Krise von einer Pleite bedroht. Kredite würden sie nicht immer bekommen. Die Erfahrungen der Mittelständler aus Krisengesprächen mit ihrer Bank seien ernüchternd, erklärte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. "Meine Befürchtung ist, dass trotz der 90 Prozent Bürgschaft durch den Staat viele Unternehmen wegen der Krise durch die sogenannte bankübliche Prüfung fallen", so Schweitzer. Denn bei einem Shutdown mit vollständigem Umsatzverlust gebe es nach herkömmlicher Prüfung keine Kreditwürdigkeit – "und das gilt selbst dann, wenn das Unternehmen eigentlich kerngesund ist."

Deutschland DIHK-Präsident Eric Schweitzer (picture-alliance/dpa/C. Soeder)

Eric Schweitzer fordert. Der Bund müssen Haftung in Höhe von 100 Prozent tragen, sonst würden Hausbanken bei der Kreditvergabe zögern

Auch der Sparkassen-Präsident Helmut Schleweis warnt, dass viele Unternehmen, die in der Coronakrise am dringendsten Hilfe benötigten, auf die Stützungsprogramme von Bund und Ländern nicht zugreifen könnten. Im Rahmen des Kreditprogramms der KfW bekommen nur Unternehmen ein Darlehen, die dieses innerhalb von fünf Jahren voraussichtlich wieder zurückzahlen können. "Bei vielen Firmen aus Branchen, die unter der Coronakrise besonders stark leiden, ist dies aktuell nicht der Fall", sagte Schleweis gegenüber dem Handelsblatt. Betroffen seien vor allem Firmen aus den Bereichen Gastronomie, Hotels, Eventmanagement, Catering sowie aus den Sektoren Reise, Verkehr, Logistik, Touristik und Luftfahrt. Diese Unternehmen bekämen häufig keine Förderkredite, "obwohl sie über ein funktionierendes Geschäftsmodell verfügen, wenn die Wirtschaft nach der Coronakrise wieder anläuft."

Soforthilfen für Mittelständler gefordert

Am Dienstag wurde bekannt, dass die Bundesregierung bei den Corona-Hilfen für Mittelständler nachbessern will. Aus Regierungskreisen hieß es, künftig könnten Kredite für mittelständische Firmen mit einer 100-prozentigen Staatshaftung abgesichert werden. Diesem Modell müsse aber noch die EU-Kommission zustimmen. Auch für Firmen mit mehr als zehn Mitarbeitern, die aber zu klein für den neuen Wirtschaftsstabilisierungsfonds seien, soll es Hilfen geben, hieß es weiter. "Da müssen wir natürlich noch was tun." Es gebe dazu momentan Gespräche, um die Details zu klären. "Da wird auch noch was kommen."

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema