Corona-Turbo auf dem Balkan: Vom Küssen und Feiern | Europa | DW | 21.07.2020
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Südosteuropa

Corona-Turbo auf dem Balkan: Vom Küssen und Feiern

In vielen Ländern Südosteuropas wird ein erheblicher Anstieg von Neuinfektionen verzeichnet. Ein Grund dafür: die Sorglosigkeit vieler Menschen und die damit einhergehende Mißachtung der Corona-Regeln.

Eigentlich sollen die Clubs im europäischen Party-Hotspot auf der kroatischen Insel Pag geschlossen sein. Doch am letzten Wochenende war es auf der Feiermeile am weltbekannten Zrce-Beach bei der Stadt Novalja ganz anders. Während das spanische Mallorca seine Partymeilen wieder geschlossen hat, ging in vielen Clubs und auf Partybooten in Kroatien die Post ab. An mehreren Treffplätzen drängten sich jeweils geschätzte 2.000 Menschen im ausgelassenen Tanzvergnügen. Masken und Sicherheitsabstand waren hier Fremdworte.

Aber nicht nur hier entstand ein möglicher neuer Corona-Infektionsherd. Auch im weltbekannten Marienwallfahrtsort Medjugorje in Bosnien-Herzegowina sind täglich Pilgermassen unterwegs. Masken und Abstand auch hier Fehlanzeige. In der bosnischen Stadt Bihac campieren seit Monaten 3.000 bis 4.000 Flüchtlinge unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Meist sind es junge Männer aus Afghanistan und Pakistan, die hier gestrandet sind, weil sie die EU-Außengrenze zum Nachbarn Kroatien nicht passieren dürfen. Wirksamer Schutz vor Covid-19 spielt hier kaum eine Rolle.

Migranten stehen in Decken gehüllt in in einem Zeltlager im Nordwesten Bosniens

Improvisiertes Flüchtlingslager bei Bihac in Bosnien-Herzegowina (2019)

Problematische Verhaltensmuster

Drei Beispiele, was in den Balkanländern in Sachen Corona-Prophylaxe schief läuft - auch wenn dieses problematische Verhalten sicher nur am Rande für die gestiegenen Infektionszahlen verantwortlich ist. Jedenfalls meldete Serbien zu Wochenanfang 359 neue Ansteckungen in nur 24 Stunden. Zehn Menschen starben. So geht es jetzt schon seit Tagen. Zum Vergleich: Im über zehnmal größeren Deutschland gab es im selben Zeitraum rund 100 Fälle weniger als im kleinen Serbien. Immer neue Rekordstände gibt es auch in Bosnien-Herzegowina oder in Nordmazedonien. In Rumänien ist die Infektionskurve schon dreimal höher als während des Mitte Mai beendeten Lockdowns.

Dass die Krise auf der Balkanhalbinsel so dramatisch zunimmt, ist auch lieb gewordenen Verhaltensmustern der Bevölkerung zu verdanken. In der ganzen Region ist das Küssen zur Begrüßung traditionell verbreitet. Und auf das Küssen von Ikonen wollen weder die Gläubigen noch die Kirche verzichten. Auch das übliche Reichen der Kommunion für viele Kirchgänger mit ein und demselben Löffel bringt viele Virologen zum Schwitzen. Und das Zusammensitzen in Cafés, Restaurants und Kneipen ist, ähnlich wie in Italien oder Spanien, Teil der Kultur.

Kellner mit Mundschutz trägt Bier

Die Gastronomie hat nach dem Corona-Lockdown wieder den Betrieb aufgenommen

Infektionsbeschleuniger Politik

Corona hat aber auch die politischen Szenen in Südosteuropa gründlich in Schwung gebracht. In Serbien, Kroatien und Nordmazedonien wurden trotz der Epidemie Parlamentswahlen organisiert. Damit wurde das Infektionsgeschehen nach Darstellung von Experten zusätzlich angetrieben. Die Regierenden bestanden offenbar auf Wahlen, um nicht zu einem späteren Zeitpunkt wegen der erwarteten wirtschaftlichen Einbrüche Niederlagen kassieren zu müssen.

Infektionsbeschleuniger sind auch große Demonstrationen wie in Serbien oder Bulgarien. Tausende haben in den Hauptstädten und im ganzen Land tagelang vordergründig gegen neue Corona-Einschränkungen protestiert. In Wirklichkeit ging es um Kritik an der Regierung oder wie in Serbien vor allem am alles beherrschenden Staatspräsidenten Aleksandar Vucic. Im kleinen Adriastaat Montenegro brachte das Virus der Regierung eine Verschnaufpause im Dauerclinch mit der mächtigen Orthodoxen Kirche im Land. Die Kirche beendete mit Verweis auf Corona zunächst ihre Großdemonstrationen gegen das neue Religionsgesetz.

Griechenland - Luftaufnahme vom Strand von Glyfada

Griechenland: Am Strand von Glyfada sollen Kontrollen sicherstellen, dass Schutzrichtlinien eingehalten werden

Corona wie ein Brennglas

Ein besonderes Kapitel stellt Griechenland dar. Das beliebte Reiseland öffnete recht schnell seine Grenzen, weil der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig ist. Doch besonders aus Serbien wurden Infektionen eingeschleppt, worauf einige Urlauber nach Hause geschickt wurden. Tausende standen vor geschlossenen Grenzen, obwohl die Tourismusbehörden Gäste eigentlich eingeladen hatten. Schließlich gibt es nicht nur an den Wochenenden Riesenstaus am bulgarisch-griechischen Grenzübergang Kulata/Promachonas, weil die anderen Übergänge geschlossen waren. Zudem hat Athen ein elektronisches Anmeldesystem eingerichtet, über das Touristen Tage zuvor ihr Kommen ankündigen müssen. Sie erhalten dann einen QR-Code, den sie an der Grenze vorzeigen müssen. Dieses bürokratische Monster einschließlich Gesundheitskontrollen bei der Einreise funktioniert oft nicht und brachte tausende Touristen zur Verzweiflung.

Die Coronakrise lässt aber auch eines der größten Probleme in der Region wie im Brennglas erscheinen - die grassierende Korruption. So wurde in der bosnischen Föderation Ministerpräsident Fadil Novalic im Mai vorübergehend festgenommen. Er stand im Zusammenhang mit dem Import von 100 dringend benötigten Atemgeräten. Die völlig unerfahrene Importfirma lieferte 80 ganz und gar unbrauchbare Apparaturen ab mit saftigem Schaden für den Staatshaushalt. In Serbien weiß niemand, mit welchem Geld der immer selbstherrlicher regierende Präsident Vucic wie viele Beatmungsgeräte wo gekauft hat  - Staatsgeheimnis, heißt es.

Aleksandar Vucic vor einem Laster mit Hilfsmaterial

Der serbische Präsident Vucic (re.) verteilt eigenhändig medizinisches Gerät in Nis

Angst vor neuer Infektionswelle

So naiv und unbekümmert die Partyszene in Kroatien erscheint, in Serbien wurden in den letzten Wochen und Monaten ähnliche Fehler gemacht. Trotz Corona feuerten 20.000 Fans im vollen Stadion beim Belgrader Fußball-Lokalderby ihre Stars an. Novak Djokovic, Nummer eins der Tennisweltrangliste, organisierte seine Adria-Tour zu Hause und in Kroatien vor vollbesetzten Tribünen. Er selbst wurde vom Virus ebenso angesteckt wie drei weitere Top-Spieler. Auf Videos war zu sehen, wie die Stars ausgelassen mit nacktem Oberkörper in einem Nachtclub tanzten.

Die neue Infektionswelle in den Balkanländern kann auch Westeuropa nicht kalt lassen. Die Regierung Österreichs, wo mehr als eine halbe Million Menschen vom Balkan leben, hat gewarnt, Corona werde aus deren Heimatländern in die Alpenrepublik eingeschleppt. Und in Deutschland stammen Tausende Arbeiter in den von Corona besonders betroffenen Fleischfabriken in Nordrhein-Westfalen (Tönnies) und Niedersachsen (Wiesenhof) aus Südosteuropa.

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