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Corona schickt Kuba zurück in die Krise

Andreas Knobloch Havanna
29. Juni 2020

Zwar scheint Corona auf Kuba unter Kontrolle, aber die wirtschaftlichen Probleme verschärfen sich und die schwierige Versorgungslage spitzt sich weiter zu. Noch ungemütlicher könnte die zweite Jahreshälfte werden.

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Kuba | Coronavirus | Menschen mit Gesichtsmaske in Havanna
Bild: picture-alliance/dpa/R. Espinosa

Kuba kehrt langsam zur Normalität zurück. Im ganzen Land gibt es erste Lockerungen der Corona-Beschränkungen - mit Ausnahme von Havanna. Dort waren in den vergangenen 15 Tagen noch Neuinfektionen aufgetreten. Der Fahrplan der Regierung sieht eine "graduelle und asymmetrische" Rückkehr in drei Phasen vor.

Im Gegensatz zu vielen Ländern der Region hat Kuba mit einer Strategie aus aktivem Aufspüren von Infizierten und Isolierung der Kontaktpersonen das Corona-Virus gut unter Kontrolle bekommen. Bis Sonntag gab es nur noch 43 aktive Coronafälle auf der Insel. Insgesamt infizierten sich 2.332 Menschen mit Covid-19; 86 starben an den Folgen einer Infektion.

Alte Probleme verschärfen sich

"Die Regierung hat gut reagiert, aber die Beschränkungen dauern nun schon viel zu lange", sagt Yolanda Reyes Peña. Die 24-Jährige, die mit ihrer Mutter und dem älteren Bruder in Havanna wohnt, arbeitete vor Corona als Maniküre in einem privaten Nagelstudio. Anfangs nahm sie den Lockdown als willkommene Pause, lebte von ihren Ersparnissen. Inzwischen aber fürchtet sie weniger das Coronavirus, ihre größere Sorge ist jetzt, wann sie wieder anfangen kann zu arbeiten und wie hoch ihr Verdienst dann sein wird. "Das Schlimmste ist die Ungewissheit", sagt sie.

Yolanda Reyes Peña sorgt sich inzwischen mehr um ihre Arbeitssituation als um eine Ansteckung mit dem Coronavirus
Yolanda Reyes Peña sorgt sich inzwischen mehr um ihre Arbeitssituation als um eine Ansteckung mit dem CoronavirusBild: Andreas Knobloch

Die aber könnte sogar noch zunehmen. "Die kubanische Wirtschaft hatte bereits vor Corona erhebliche Probleme, vor allem ihren externen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen", sagt der Ökonom Ricardo Torres Pérez vom Studienzentrum der kubanischen Wirtschaft (CEEC) an der Universität von Havanna. "Die Pandemie trifft wichtige Sektoren, wie den Tourismus, aber auch die Geldüberweisungen aus dem Ausland." Hinzu komme die US-Blockade, so Torres.

Einbruch des Tourismus schmerzt

Vor allem der Einbruch des Tourismus setzt der ohnehin kriselnden kubanischen Wirtschaft zu. "Für Kuba ist der Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen", weiß Yedi López-Cotarelo. Der 47-Jährige arbeitet selbst seit zwölf Jahren als Touristenführer. "Seit Kuba seine Grenzen geschlossen hat, habe ich nicht mehr gearbeitet. Aktuell habe ich keine andere Einnahmequelle."

Auch er lebt vom Ersparten. Vor allem indirekt ernährt die Reisebranche viele Menschen auf Kuba. "Selbst ich, ein einfacher Handwerker, profitiere vom Tourismus", sagt der Schreiner Gerardo Bauza* aus Centro Habana. "Denn meine Waren wurden auch von Touristen gekauft. Jetzt, ohne Tourismus, verkaufe ich nichts." Seit Beginn der Epidemie lebt der 58-Jährige mit seiner vierköpfigen Familie vom Gehalt der Tochter, die im Gesundheitswesen beschäftigt ist.

Wieder Engpässe in der Grundversorgung

Derweil spitzt sich die bereits vor Corona schwierige Versorgungslage weiter zu. "Die kubanische Bevölkerung erlebt die Auswirkungen in Form von Mangel von Gebrauchsgütern aller Art, im Moment selbst bei Grundprodukten wie Medikamenten und Lebensmitteln. Wir sind noch nicht in einer Situation wie Anfang der 1990er Jahre, aber es gibt offensichtlich eine sehr komplexe wirtschaftliche Situation", erklärt Torres.

"Wir Kubaner haben praktisch die gesamte Epidemie in Warteschlangen verbracht", sagt López-Cotarelo. Drei-, viermal die Woche stehe er stundenlang für Hühnchen, Zahnpasta, Speiseöl oder Hackfleisch an. Die langen Schlangen vor den Geschäften gelten als Hauptproblem für mögliche Ansteckungen. Um sich und ihre Mutter dieser Gefahr nicht auszusetzen kauft Reyes "bei Weiterverkäufern", wie sie sagt. "Die verkaufen alles zwei- bis dreimal so teuer wie im Laden."

Mit Rationierungsheftchen gegen die Krise

In der Versorgungskrise gewinnt ein Instrument an Bedeutung, über dessen Abschaffung bereits diskutiert wurde: die Libreta. Diese Rationierungsheftchen regeln für kubanische Familien seit Anfang der 60er Jahre den Zugang zu subventionierten Lebensmitteln und einigen anderen Waren. Da Kuba nicht mal eben milliardenschwere Staatshilfen auflegen kann, sind die Rationierungsheftchen ein Mittel, um angesichts der Versorgungsengpässe die knappen Ressourcen gleichmäßig zu verteilen.

Dieses Heftchen ermöglicht in Kuba vielen Familien den Kauf von subventionierten Waren, Libreta - Rationierungsheftchen
Dieses Heftchen, genannt Libreta, ermöglicht in Kuba vielen Familien den Kauf von subventionierten WarenBild: Andreas Knobloch

"Ich bin mit der Libreta aufgewachsen. Heute, mit meinen 58 Jahren, applaudiere ich der Libreta", sagt Bauza. "Denn jetzt ist mir klar geworden wie nötig und wie gerecht dieses System ist. Jeder erhält eine bestimmte Menge Reis, Bohnen, Speiseöl, Kaffee, Hühnchen. Durch die Libreta ist alles kontrolliert", erklärt Bauza und schiebt dann noch "gesegnet sei die Libreta!" hinterher. Das sieht López-Cotarelo ähnlich: "Die Libreta hilft allen Familien in Kuba. In gewisser Weise ist es eine Erleichterung zu wissen, dass es mit der Libreta eine Reihe subventionierter Produkte gibt."

Die Libreta ist zu einem Symbol für Kubas Krisenstrategie geworden. Allerdings werde die Regierung nicht alles, was knapp ist, in die Libreta aufnehmen, sagt Torres. Vielmehr handele es sich um temporäre und flexible Rationierungsmaßnahmen. "Die Vorstellung der Regierung ist es, die Libreta als Verteilungsmechanismus nicht auszuweiten." Vielmehr müsse sie durch einen Mechanismus ersetzt werden, der die Einkommensunterschiede in Rechnung stellt. "Es ist sehr ineffizient, allen dieselbe Menge von allem zukommen zu lassen."

Vor den Geschäften in Kuba bilden sich lange Schlangen
Vor den Geschäften in Kuba bilden sich lange SchlangenBild: Andreas Knobloch

Weitere Maßnahmen nötig

Aber derzeit sind die wichtigeren Baustellen andere. Angesichts der wirtschaftlichen Krise ist für Torres "klar, dass die Regierung handeln muss". Als mögliche Maßnahmen nennt er eine Flexibilisierung des Privatsektors, um die Binnenwirtschaft zu dynamisieren und "Maßnahmen, um den Mangel zu reduzieren", wie eine Flexibilisierung der Importe und die Ausweitung der landwirtschaftlichen Produktion.

Angesichts des Devisenmangels werde das Angebot an Produkten und Dienstleistungen gegen Kartenzahlung in Fremdwährung wie Dollar ausgeweitet, ist sich der Ökonom sicher.

Der Einbruch beim Tourismus und bei den Geldüberweisungen von Auslandskubanern werde die wirtschaftlichen Probleme weiter verschärfen. Weitere Sanktionen der Trump-Administration und die schlechte wirtschaftliche Situation in Venezuela, würden dazu führen, „dass die kubanische Wirtschaft ein noch unruhigere zweite Jahreshälfte erlebt", so Torres.

Der Tourismus auf Kuba liegt wegen der Corona-Pandemie zur Zeit am Boden. Straßenszene
Der Tourismus auf Kuba liegt wegen der Corona-Pandemie zur Zeit am BodenBild: Andreas Knobloch

Tourismus wird langsam wieder hochgefahren

Trotz der schwierigen Lage hat die Regierung beschlossen, das Land nur Schritt für Schritt für Touristen wieder zu öffnen. In der ersten Phase soll zunächst der nationale Tourismus wieder aufgenommen werden. In einer zweiten Phase (ab 1.7.) können auch ausländische Gäste wieder Urlaub auf Kuba machen, jedoch nur auf den Cayos im Norden und Süden des Landes - unter Einhaltung eines strikten Hygieneprotokolls.

Auch die Flughäfen bleiben bis mindestens 1. August für kommerzielle Flüge geschlossen. "Ich werde mir wohl etwas anderes suchen müssen", sagt López-Cotarelo mit Blick auf die Zukunft, "denn für den Moment kann man vom internationalen Tourismus nicht leben."

*Name geändert