Corona-Krise: Trumps gefährliche Pläne | Welt | DW | 26.03.2020
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Corona-Pandemie

Corona-Krise: Trumps gefährliche Pläne

Die Ankündigung des US-Präsidenten, bald zum Alltag zurückzukehren, hat Washington geschockt. Während die Zahl der Corona-Kranken in den USA steigt, sorgt sich Trump um die Wirtschaft - und um seine Wiederwahl. 

Ungeduldig tritt Donald Trump am Rednerpult im Presseraum des Weißen Hauses von einem Fuß auf den anderen. Trotzig verzieht er den Mund. "Ist es realistisch, die Einschränkungen des öffentlichen Lebens schon zu Ostern zu lockern?", will ein Reporter wissen. Ob sein Plan mit den Corona-Experten der Regierung abgesprochen sei, wird Trump weiter gefragt. "Wie kamen Sie auf diese Idee und diesen Zeitplan angesichts explodierender Krankenzahlen?", ruft ein anderer Reporter in den Raum. 

Das politische Washington reagiert schockiert. Der renommierte Politologe Darrell West von der Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution spricht aus, was viele denken: "Trump scheint sich weniger um die Gesundheitsrisiken für die US-amerikanische Bevölkerung zu kümmern als darum, dass eine Wirtschaftskrise seine Wiederwahl gefährden könnte."

Jimmy Carter hat seine Wiederwahl 1980 wegen einer schwachen Wirtschaft verloren, auch George H. W. Bush zwölf Jahre später. Nun befürchtet Donald Trump, der sich immer über Wirtschaftswachstum und Rekordwerte an der Börse definiert hat, das gleiche Schicksal zu erleiden.

Trumps Mangel an Empathie

Ein gefährliches Motiv in Zeiten, in denen das Land Führung braucht - und Empathie. "Eine Eigenschaft, zu der Trump noch nie in der Lage war," sagt Darrell West. Fehle eine starke Führung in Krisenzeiten, mache es die Krise noch schlimmer als sie schon sei, und bringe die schlimmsten Eigenschaften in den Menschen zum Vorschein, fügt der Politologe hinzu. 

USA Coronavirus New York | Leere Stadt (AFP/A. Weiss)

New York steht wegen des Coronavirus still und ist wie ausgestorben - wie hier die 42.Straße

"Das Land muss wieder zurück an die Arbeit", lautet hingegen Trumps Motto. Unter seinen Beratern, so heißt es, wächst angeblich die Sorge vor sozialen Unruhen, wenn sich die Wirtschaftskrise weiter verschärft und die Lieferketten nachhaltig gestört werden. Das sei unwahrscheinlich, sagt Brai Odion-Esene, Politikanalyst und Unternehmensberater in Washington. Es gebe genug Möglichkeiten, trotz Einschränkung des öffentlichen Lebens den Waren- und Güterverkehr am Laufen zu halten. 

Fast zwei Billionen für die US-Wirtschaft 

Trumps Plan sei voreilig. "Natürlich sollte die Regierung hinter geschlossenen Türen an Notstandsplänen arbeiten und für alle Eventualitäten gewappnet sein, aber man spricht nicht in der Öffentlichkeit darüber", sagt Brai Odion-Esene.

Richtig findet er dagegen das Rettungspaket für die US-Wirtschaft im Wert von fast zwei Billionen Dollar, das gerade im US-Kongress debattiert wird: "Wenn du den Leuten sagst, sie sollen zu Hause bleiben, muss du sie für den Einkommensverlust entschädigen." Inzwischen ist schon die Rede von einem weiteren Rettungspaket, das in den nächsten Wochen auf den Weg gebracht werden könnte. 

New York City Charging Bull Statue vor New Stock Exchange Börse (AFP/A. Weiss)

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Donald Trump steht aber nicht ganz allein da mit seiner Idee, zumindest Teile des Landes wieder zur Normalität zurückkehren zu lassen. "Ist der Kampf gegen das Corona-Virus vielleicht schlimmer als die Krankheit selbst?", fragte David Katz vom Yale-Griffin Prevention Research Center, einer medizinischen Forschungseinrichtung der Yale-Universität, kürzlich in einem Meinungsbeitrag für die New York Times.

Er warnte vor den sozialen und ökonomischen Folgen der Pandemie und argumentierte, langfristig wäre es hilfreicher, die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen zu isolieren, als das ganze Land zu Hause einzusperren. 

Es stehen Menschenleben auf dem Spiel

"Ganz klar eine Minderheitsmeinung", sagt Professor Ron Waldman, Experte für internationale Gesundheitspolitik an der George-Washington-Universität. Nur wenn es völlig unmöglich sei, "Social Distancing" zu praktizieren, wäre der Vorstoß von Katz eine Option, glaubt Waldman - etwa in dicht bevölkerten Regionen Südasiens oder Afrikas, wo viele Menschen Tagelöhner sind und es sich schlicht nicht leisten können, nicht zur Arbeit zu gehen. In den USA dagegen, da ist er sicher, seien das flächendeckende Gebot, zuhause zu bleiben, und Social Distancing der erfolgversprechendere Weg. 

Präsident Donald Trump und Dr. Anthony Fauci (Imago Images/Media Punch/O. Contreras)

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Man müsse das Virus einfach aussterben lassen: "Wenn das Virus nicht mehr von Person zu Person überspringen kann, wird die Ausbreitung gestoppt. Das Beste, was wir jetzt tun können, ist, möglichst wenig mit anderen Menschen zu interagieren", sagt Waldmann. Trumps Vorhaben würde das Gegenteil bewirken: "Wenn der Präsident seine Ankündigung wahr macht und ab Ostern die Wirtschaft wieder hochfährt, werden viele Menschen sterben."

Eine Rebellion gegen Trump?

Doch so einfach kann Donald Trump sein "back to business" nicht verordnen. "Er würde eine Rebellion seiner Gesundheitsexperten erleben", ist sich der Politologe Darrell West sicher. Und außerdem gäbe es da noch die Bürgermeister und Gouverneure, die im Kampf gegen das Corona-Virus weitreichende Kompetenzen haben und diese auch zunehmend nutzen: "Trump würde sich einer nahezu geeinten Front von Lokalpolitikern gegenübersehen", so West. "Sie sitzen alle im selben Boot und werden dem Präsidenten sagen, dass sie seinen Kurs schlichtweg falsch finden."