Corona-Krise sorgt für zahlreiche neue Wortschöpfungen | Deutschlehrer-Info | DW | 24.12.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschlehrer-Info

Corona-Krise sorgt für zahlreiche neue Wortschöpfungen

Von Aluhut bis zweite Welle: Zirka 1000 neue Wortschöpfungen mit Corona-Bezug hat das Leibniz-Institut für deutsche Sprache 2020 gesammelt. Doch es ist nicht alles nur Corona in diesem Jahr ...

Scrabble-Buchstaben liegen verstreut auf einem Tisch. In der Mitte hat jemand das Wort Corona aus den Buchstaben gelegt.

Viele neue Wortschöpfungen 2020 haben mit dem Corona-Virus zu tun

Kein anderes Thema hat den Wortschatz 2020 so stark geprägt wie die Corona-Krise. Während der Pandemie verbreiten sich eben nicht nur Viren in ungeheurer Schnelligkeit, sondern auch Wörter. Etwa 1000 Wörter und Wortverbindungen hat das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim (IDS) zu diesem Thema gesammelt und online in seinem Neologismenwörterbuch dokumentiert.

Manche Begriffe sind komplett neu, andere werden in neuer Bedeutung verwendet. Manche – wie Homeschooling, Lockdown und tracken – sind aus dem Englischen entlehnt, andere – wie Spuckschutzhaube, Corona-Kontakttagebuch oder Übersterblichkeit – typisch deutsch.

Wieder andere sind Wortverschmelzungen aus bereits bekannten Elementen, wie etwa die Corona-Party, der Zombieflughafen oder der Jo-Jo-Lockdown. Und was bislang nur in wissenschaftlicher Fachsprache bekannt war – von Covid-19 über die Sieben-Tage-Inzidenz bis zur Herdenimmunität – ist in die Alltagssprache eingewandert.

Das Mannheimer Institut mahnt allerdings zur Vorsicht: Es sei ungewiss, ob sich der neue Wortschatz langfristig halte und ob „die Begriffe eine gewisse Verbreitung in die Allgemeinsprache erfahren werden", heißt es.

Hände klappen ein Exemplar des Dudens auf.

Nicht jedes neue Wort schafft es in den Duden

So sieht das auch die Duden-Redaktion, die wichtigste Rechtschreibinstanz des deutschen Sprachraums. Ständig durchforsten Mitarbeiter und Computer ein riesiges Gebirge aus Zeitungen, Büchern und Alltagstexten, um neue Wörter zu finden und die Häufigkeit ihres Vorkommens zu ermitteln.

Um in den Duden zu gelangen, müssen Begriffe über einen gewissen Zeitraum immer wieder in unterschiedlichen Quellen auftauchen. Begriffe, die das schaffen, werden zunächst in das Online-Verzeichnis aufgenommen. Und nur, was sich eine gewisse Zeit lang etabliert, schafft auch den Sprung in den gedruckten Duden, der alle drei bis fünf Jahre neu erscheint.

Klar wird dadurch auch, dass manche Begriffe sehr bewusst geprägt werden, um Meinungen, Stimmungen und Emotionen zu beeinflussen. So legen das häufig auftretende Bild der Corona-Infektionen als Welle (Corona-Welle, Pandemiewelle, zweite Welle, Wellenbrecher) oder der Corona-Tsunami ein Gefühl von Hilflosigkeit oder Überforderung nahe.

Auch das Militärische ist wortprägend: Von der Virusfront über den Anti-Corona-Schutzwall und die Quarantänefestung wird Handlungsfähigkeit und Kampfeswille signalisiert. Und wer Hygiene-Ritter oder Seuchen-Sherrifs kritisiert, liefert eine Portion Verachtung mit.

Die Zentrale der WHO in Genf

Auch die WHO prägte eine Wortschöpfung während der Corona-Pandemie

Neu ist zum Beispiel auch die Infodemie, eine Wortverschmelzung aus Information und Pandemie. Bekannt gemacht hat den Begriff die Weltgesundheitsorganisation WHO, die sich Anfang Februar über eine Überforderung der Öffentlichkeit durch Corona-Nachrichten sorgte.

Aus Sicht der Sprachwissenschaftlerin Heidrun Kämper vom IDS ist 2020 zwar aufgrund der Pandemie und der damit verbundenen gesellschaftlichen Folgen ein besonderes Jahr. Aber wie die Leiterin des Arbeitsbereichs „Sprachliche Umbrüche" im Institut weiterhin sagt, nehmen auch Themen wie etwa die Bedrohung der Demokratie oder der Klimawandel einen besonderen Rang ein.

Neben der Pandemie fanden so 2020 auch andere Begriffe aus der Politik Eingang in das Wortschatz-Verzeichnis der Sprachforscher. Die Plastiksteuer, upcyceln, Pop-up-Radwege und die Autoposer lassen sich nun im Wörterbuch der Neologismen ebenso nachschlagen wie Brexiteer und Remainer oder Reichsbürger und Pegidist.

Begriffe zeigen indes nicht nur, dass sich die Gesellschaft mit bestimmten Phänomenen und Konflikten herumschlägt, sagt der Münchner Soziologe Armin Nassehi. „Es ist ja auch eine wichtige Funktion von Begriffen, dass sie komplizierte Sachverhalte auf einen Nenner bringen können", sagt er. Das funktioniere interessanterweise auch mit Ironie. So habe sich etwa der Begriff Aluhut für Menschen durchgesetzt, die Verschwörungstheorien anhängen.

rh (mit KNA/AFP/dpa)/sts

 

Die Redaktion empfiehlt