Corona-Krise: Autobauer im Überlebenskampf | Wirtschaft | DW | 03.04.2020
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Automobilindustrie

Corona-Krise: Autobauer im Überlebenskampf

Die deutsche Paradebranche vor dem Abgrund: Der Absatz bricht ein, bei Innovationen wie der E-Mobility und digitalem Verkehr geht es nicht voran, ein E-Auto-Bauer ist pleite und die EU beharrt auf ihren CO2-Vorgaben.

Dramatische Bremsspuren auf dem deutschen Automarkt: Im März brachen die Pkw-Neuzulassungen um 38 Prozent ein. Das ist der stärkste Rückgang in einem Monat seit der deutschen Wiedervereinigung. Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Experten erwarten, dass sich der Rückgang in den kommenden Wochen noch beschleunigen wird.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) sieht die Branche infolge der Corona-Krise schwer unter Druck. "Wir stehen vor einer Herausforderung in bisher nie gekanntem Ausmaß", sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller der Deutschen Presse-Agentur. "In dieser einmaligen Ausnahmesituation ist Krisenmanagement gefragt, nicht das Führen von politischen Debatten."

Deutschland | Hildegard Müller wird Chef-Autolobbyistin (picture-alliance/dpa/R. Vennenbernd)

Hildegard Müller steht dem VDA, einem der mächtigsten deutschen Industrieverbände vor - in sehr schwierigen Zeiten

Wegen der Corona-Krise produzieren die meisten Fabriken nicht mehr, viele Händler mussten ihre Geschäfte schließen, die Nachfrage in vielen Märkten ist eingebrochen.

Der Betriebsratschef des Autobauers Daimler, Michael Brecht, fordert daher bereits jetzt Konjunkturimpulse für die Autobranche nach der Corona-Krise. Die Politik solle sich Gedanken darüber machen, welche Kaufanreize sie für die Zeit nach der Krise an den Start bringen könnte, sagte Brecht den Stuttgarter Nachrichten. "Denkbar wäre hier eine Art Abwrackprämie für Fahrzeuge mit Schadstoffklassen, die nicht mehr zeitgemäß sind.":

Mit Strom in die Pleite

Aus Sicht des Bundesverbands eMobilität wird die Notwendigkeit zum Umbau der Industrie zu mehr Nachhaltigkeit durch das Virus nicht geringer. Die Zeit nach Corona müsse für Entwicklungssprünge auch in der Automobilindustrie genutzt werden, hatte Verbandspräsident Kurt Sigl gefordert.

Der bereits vor der Corona-Krise angeschlagene Elektro-Autobauer e.Go Mobile wird diesen Weg aber vorerst nicht mehr beschreiten. Das Unternehmen hat ein Schutzschirmverfahren zur Rettung des Unternehmens beantragt. "Die e.GO Mobile AG stellte heute einen Antrag auf Anordnung der Eigenverwaltung beim Amtsgericht Aachen", teilte das Unternehmen am Donnerstagabend mit.

Dieses Verfahren bewahrt in die Krise geratene Unternehmen vor dem Zugriff der Gläubiger, ohne dass die Betriebe bereits Insolvenz anmelden müssen. Das Gericht habe dem Antrag bereits stattgegeben, hieß es vom Unternehmen.

Trotzdem: Mit Zuversicht in die nahe Zukunft

Seit Mitte März steht die Produktion von e.Go wie bei vielen anderen Autobauern bis auf Weiteres still. Zuvor hatte das Aachener Unternehmen angekündigt, staatliche Hilfen beantragen zu wollen. Dies sei jedoch nicht möglich gewesen, da die Hausbanken bei der Finanzierung dafür Eigenanteile hätten übernehmen müssen.

"Unsere überwiegend strategischen Investoren haben uns bis hierhin stark unterstützt und uns ermöglicht, als einziges Startup in Europa einen E-Pkw in Serie auf die Straße zu bringen. Jetzt haben sie verständlicherweise andere Prioritäten", sagte e.Go-Gründer Günther Schuh. Das Unternehmen gehe zuversichtlich in diese Phase und wolle vermeiden, Mitarbeiter zu entlassen, sagte Schuh dem Handelsblatt. "Ich bin jetzt einfach mal optimistisch, trotz Corona."

e.Go Werk in Aachen (picture-alliance/dpa/R. Roeger)

Die Produktion des e.Go in Aachen ruht zurzeit, jetzt schaut sich der Insolvenzverwalter schon einmal um

Experten sind eher pessimistisch

Während e.Go selbst trotz des beantragten Schutzschirmverfahrens davon spricht, die Krise überstehen und 2021 und 2022 wieder stark wachsen zu wollen, ist Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer weniger optimistisch: e.Go habe derzeit einen Marktanteil von weniger als einem Prozent im Markt für batteriebetriebene elektrische Fahrzeuge. "Wenn man ehrlich ist, bedeutet das: so gut wie nicht sichtbar."

Nach der Krise dürften alle großen Autobauer ihre Elektroautos aufwendig bewerben, prognostiziert Dudenhöffer. "Die Sichtbarkeit von e.Go wird damit noch schwächer." Der Aachener Elektroautobauer hatte 2019 seine selbst gesteckten Ziele nicht erreichen können. Statt wie ursprünglich angepeilt 1000 Autos zu verkaufen, waren es letztlich nur 540.

Der Ärger mit den Abgasen

Der Branchenverband VDA ist derweil noch an einer anderen Front gefordert: Mit Blick auf mögliche strengere CO2-Grenzwerte auf EU-Ebene nach 2030 sagte Verbandschefin Müller, weitere und zusätzliche Belastungen verstärkten in einer solchen Zeit die Herausforderungen und kosteten Zukunft. "Wir müssen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise daher erst seriös bewerten, bevor wir über mögliche zusätzliche Belastungen sprechen."

Die Süddeutsche Zeitung hatte berichtete, Verbände und Konzerne forderten von der Europäischen Kommission infolge der Corona-Pandemie, Pläne für härtere Grenzwerte zu kippen. Die Industrie habe bei einem Krisengespräch mit Kanzlerin Angela Merkel, Bundesministern und führenden Branchen- und Gewerkschaftsvertretern Rückendeckung der Regierung gefordert.

Logo des Carsharing-Anbieter ShareNow (picture-alliance/dpa/F. Sommer)

Sharenow? Eher: Sharewhat and Sharewhy! Autofahren, in welcher Form auch immer, interessiert jetzt gerade nicht so sehr

Schnelle Dementi

Müller machte deutlich, die Autoindustrie versuche nicht, aktuelle EU-Ziele bei CO2-Grenzwerten aufzulockern oder deren Umsetzung zu verschieben. "Die deutsche Automobilindustrie teilt die Vision eines klimaneutralen Verkehrs bis 2050." Die von der EU erst 2018 verabschiedeten strengen CO2-Ziele für 2021 und 2030 würden gelten und von der Automobilindustrie ausdrücklich unterstützt. Anderslautende Behauptungen stellten falsche Zusammenhänge her.

Hintergrund sind die Pläne der EU-Kommission, in einem "Green Deal" bis 2050 der erste "klimaneutrale" Kontinent der Erde zu werden. Im Zuge dessen könnten Klima-Vorgaben für die Autoindustrie noch einmal verschärft werden. Das Thema stehe nicht auf der Tagesordnung, sagte Müller.

Bekannte Forderungen

Die Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, Simone Peter, sagte, die CO2-Grenzwerte für Neuwagen in der EU jetzt zu lockern, hieße, die Wettbewerbsbedingungen für saubere Mobilität zu verschlechtern. "Damit gefährden wir nicht nur die Einhaltung der Klimaziele, sondern fallen im internationalen Wettbewerb um klimafreundliche Technologien noch weiter zurück."

Der Umweltverband BUND warnte die Autobranche davor, die Coronakrise auszunutzen, um beschlossene Fortschritte für den Klimaschutz wieder zurückzunehmen. Verkehrsexperte Jens Hilgenberg sagte der Nachrichtenagentur dpa, die Bundesregierung müsse sich in jedem Falle verkneifen, große, schwere Autos mit Verbrennungsmotoren zu fördern. Schon die Abwrackprämie im Zuge der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren habe nicht die sparsamsten und umweltfreundlichsten Autos gefördert. "Solche Fehler dürfen sich nicht wiederholen."

Deutschland Bremerhaven | Neuwagen Mercedes-Benz | Autoterminal BLG Logistics Group (picture-alliance/dpa/I. Wagner)

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Ein wenig Hoffnung bei den Brummis

Der Lkw- und Bushersteller Traton sieht in der Coronavirus-Krise dagegen wieder etwas Licht am Ende des Tunnels. "Es gibt Stornierungen, aber die sind bislang überschaubar", sagte Traton-Chef und VW-Nutzfahrzeugvorstand Andreas Renschler in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. "Es gibt in China auch schon wieder Bestellungen für Scania-Lkw, die wir im Moment aber nicht bedienen können, weil wir die Produktion vorläufig stoppen mussten."

Die Volkswagen-Konzerntochter hat neben Europa auch in Südamerika die Produktion zurückgefahren und betreibt nur noch kleinere Produktionsstätten. "Aber der Großteil steht still", sagte Renschler.

Eine Produktion medizintechnischer Teile sieht Renschler bei dem Unternehmen mit den Marken MAN, Scania und der brasilianischen VW Caminhoes e Onibus nicht als Weg aus der Krise. "Wir werden uns auf das fokussieren, was wir am besten können und das sind Nutzfahrzeuge", sagte er.

"Neunzig Prozent der Lebensmittel in Deutschland werden mit Lastwagen transportiert." Er wünsche sich von der Regierung, dass diese Transportaufgabe als ähnlich wichtig wie andere kritische Bereiche eingestuft werde, etwa die Gesundheitsversorgung.

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