Corona-Forschung: Gut Ding will (W)Eile haben | Wissen & Umwelt | DW | 14.05.2020
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Wissenschaft

Corona-Forschung: Gut Ding will (W)Eile haben

Ohne lange Peer-Review-Verfahren werden Studien zu COVID-19 in hoher Schlagzahl auf Preprint-Servern hochgeladen. Was bitte heißt das? Und ist das gut oder schlecht? Nun, eine Garantie für gute Forschung gibt es nie.

Bereits im März hatte der Sender NDR 15 Millionen Abrufe des Corona-Podcasts mit Virologe Christian Drosten zu verzeichnen. Politiker rund um den Globus schenken Virologen, Epidemiologen und Infektiologen in Zeiten von COVID-19 so viel Gehör wie noch nie, um aus den neuesten Erkenntnissen politische Handlungsoptionen abzuleiten.

All eyes on science! So scheint es gerade.

Wissenschaftliche Forschung erlebt einen Bedeutungszuwachs sondergleichen – Öffentlichkeit und Politik warten gespannt, was als nächstes herausgefunden wird. Jede wissenschaftliche Erkenntnis könnte eine erneute Wendung im Leben von Millionen von Menschen bedeuten.

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Deshalb arbeiten Wissenschaftler mit Hochdruck. Untersuchen Krankheitsverläufe, experimentieren mit bereits zugelassenen Medikamenten und forschen an Impfstoffen. Die Ergebnisse sollen möglichst schnell veröffentlicht werden. Bisher hatte die Wissenschaft genau damit ein Problem: Schnelligkeit galt nicht als oberstes Gebot.

Normalität gilt nicht mehr

Normalerweise durchlaufen Studien ein relativ zeitaufwendiges wissenschaftliches Begutachtungsverfahren, das sogenannte Peer Review, bei dem von der Studie unabhängige Experten verschiedener Disziplinen die Forschungsergebnisse unter die Lupe nehmen. Dieses Gremium wird von der jeweiligen Fachzeitschrift eingesetzt, bei der die Wissenschaftler ihre Studie zur Veröffentlichung einreichen.

Die Gutachter prüfen, kommentieren und spielen ihre Kritik an die Studienautoren zurück. Die justieren nach und senden das Paper erneut ein. All das kostet Zeit. Wenn es schlecht läuft, ziehen Jahre ins Land. Das dauert viel zu lange, wenn es um Ergebnisse zu SARS-CoV-2 und die durch das Virus ausgelöste Lungenkrankheit COVID-19 geht.

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Dank Preprint-Servern wie bioRxiv und medRxiv geht die Veröffentlichung von eventuell bahnbrechenden Studienergebnissen viel schneller.

Hier wird das gesamte Peer Review-Verfahren weggelassen. Wer eine Studie gemacht und ein wissenschaftliches Paper geschrieben hat, lädt es hoch.

Ein paar Standards müssen eingehalten werden. Ein Screening stellt sicher, dass es sich tatsächlich um eine wissenschaftliche Abhandlung und nicht um Telefonbuchseiten handelt. Außerdem wird das Paper einer sprachlichen Prüfung unterzogen. Anstößige, gewaltverherrlichende und gefährliche Sprache sind ein Ausschlusskriterium. Stimmt alles, wird das Paper hochgeladen.

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Mit arXiv ging 1991 die erste derartige Plattform online, Preprint-Server sind also keine ganz neue Erfindung. Allerdings haben sie selten eine so große Rolle gespielt. Mehr als 3300 Studien zum neuartigen Coronavirus sind bisher auf bioRxiv veröffentlicht worden.

Oliver Cornely ist diese Vorgehensweise sehr suspekt. Der Infektiologe ist Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Klinische Studien Köln. "Ich habe noch nie irgendetwas preprint veröffentlicht und wüsste auch nicht, warum ich das tun sollte."

Preprint-Veröffentlichungen haben für Cornelys wissenschaftliches Arbeiten keinerlei Relevanz. "Ich lege großen Wert auf Peer Review. Vorher will ich das gar nicht sehen", sagt der Mediziner. "Was ist der Unterschied zwischen einem Preprint-Server und einem Tweet?"

Schneller, offener, weniger gründlich?

Mit dieser Frage trifft Cornely einen Punkt, in dem sich sowohl die Vor- als auch die Nachteile der Preprint-Server vereinen: Einem Tweet gleich werden die Forschungsergebnisse auf den Preprint-Servern einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das ist Fluch und Segen gleichzeitig.

Ulrich Dirnagl findet die Preprint-Server gut. Der Wissenschaftler arbeitet und forscht an der Charité in Berlin. Dort beschäftigt er sich vor allem mit Schlaganfällen. Außerdem leitet Dirnagl das QUEST Center am Berlin Institute of Health (BIH). Dort sind er und seine Kollegen für das Qualitätsmanagement der biomedizinischen Forschung am BIH zuständig. Als "Forscher zur Forschung" beschäftigt er sich unter anderem mit dem Für und Wider von Preprint-Studien.

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Der Schlaganfallforscher Dirnagl lädt nicht nur eigene Veröffentlichungen auf bioRxiv und medRxiv hoch, er informiert sich dort auch darüber, was die Kollegen so herausgefunden haben. Ein großer Vorteil sei natürlich die Geschwindigkeit, mit der Daten so der Forschungsgemeinde zugänglich gemacht würden. "Sobald die Studie freigeschaltet ist, beginnt eine sehr intensive Auseinandersetzung mit der Arbeit innerhalb der Community", sagt Dirnagl und sieht das als weiteren Vorteil. 

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Dirnagl empfindet diese Diskussionen über die Veröffentlichungen in seinem Spezialgebiet als sehr konstruktiv und hilfreich: Die Studienautoren haben so die Möglichkeit, die Kritik umzusetzen, bevor sie in ein langwieriges Peer Review-Verfahren einsteigen. Im günstigsten Fall wird eine bereits durch mehrere Fachmenschen optimierte Studie bei den Fachjournalen eingereicht. 

Unerwünschtes wird sichtbar

"Ein weiterer Vorteil der Preprint-Server ist, dass auch unerwünschte oder unerwartete Ergebnisse, sogenannte Null- oder Negativresultate, eher veröffentlicht werden", so Dirnagl - weil die Schwelle zur Veröffentlichung viel niedriger sei. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DGF) erkennt die Vorteile der Preprint-Studien in einem Statement an.

Die meisten politischen Entscheidungen in Zusammenhang mit dem Umgang mit SARS-CoV-2 stützen sich in erster Linie auf Preprint-Studien. In seinem Podcast spricht Virologe Drosten regelmäßig über die neuesten Veröffentlichungen. Er nutzt seine Expertise, um die Ergebnisse zu beurteilen und einzuordnen - ein nachgelagertes Peer Review sozusagen.

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Kein Fachwissen, kein Verständnis

"Problematisch wird es, wenn außerhalb der Wissenschaft  - etwa von Journalisten - versucht wird, Ergebnisse einzuordnen, deren Vorläufigkeit nicht eindeutig nachvollziehbar ist", heißt es in der Stellungnahme der DGF. Die Preprint-Studien auf den Servern werden deshalb alle mit einer Art Stempel versehen, der diese Vorläufigkeit deutlich macht.

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Dieses Problem erkennt auch Ulrich Dirnagl: "Studien, die sehr wissenschaftlich daherkommen, geraten an die Öffentlichkeit, obwohl sie kompletter Nonsense sind." Kein Wunder also, dass Oliver Cornely auf den Peer Review-Prozess besteht.

Peer Review auf der Überholspur

Wenn es wirklich so dringend wie im Moment sei, da das Coronavirus grassiert und schnelles Handeln erforderlich ist, würden auch Fachmagazine den gesamten Publikationsprozess beschleunigen. Diese Erfahrung hat Cornely selbst gemacht.

"Eine Komplikation, die wir bei unseren COVID-19-Patienten beobachten konnten, waren Pilzinfektionen der Lunge", erzählt Cornely. "Dann haben wir sehr rasch, aber mit einem ordentlichen Peer-Review-Verfahren, ein Paper geschrieben, Fragen zurückbekommen, den Artikel überarbeitet und schließlich publiziert." Vier, fünf Tage habe das gedauert. Viele Fachmagazine hätten derartige Schnellstraßen für Studien geschaffen, deren Publikation besonders drängt, sagt Cornely.

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Kein Garant für gute Forschung

Ulrich Dirnagl warnt allerdings davor, dem Peer Review-Prozess blind zu vertrauen. Konkurrenz unter den Wissenschaftlern veranlasse manch einen Reviewer dazu, ein Paper schlecht zu bewerten, weil er die Studie selbst gern durchführen würde.

Außerdem: "Das Peer-Review-Prozess verhindert praktisch nie wirkliche Fälschungen. Die großen Wissenschaftsskandale sind nicht durch die Reviewer aufgedeckt worden, sondern durch Menschen, die sich die Artikel angesehen und gesagt haben, da stimmt doch was nicht."

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Manch ein Kollege würde das Peer Review am liebsten ganz abschaffen. Davon hält Dirnagl zwar nichts, aber er sieht durchaus Reformbedarf. Eine Kombination aus Preprint und Peer Review wäre ihm am liebsten.

Um grobe Fehler zu vermeiden, seien sogenannte "Registered Reports" einen hilfreiche Sache, sagt der Wissenschaftler. Dabei wird das Konzept der Studie - Hypothese und Methoden - beurteilt, bevor die Forscher sich in die Arbeit stürzen. "Es ist doch viel vernünftiger, man bekommt eine Meinung der Fachwelt zu dem, was man vorhat", sagt Dirnagl. Für die COVID-19-Forschung spielt dieses vorgelagerte Gutachten allerdings nur eine geringe Rolle. Dafür ist wahrscheinlich einfach gerade keine Zeit.

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