Corona: Der Unmut in Lateinamerika wächst | Amerika | DW | 25.03.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

COVID-19

Corona: Der Unmut in Lateinamerika wächst

"Grippchen" nannte Brasiliens Präsident Bolsonaro abfällig das Coronavirus. Doch jetzt holt die Pandemie ihn und andere Populisten in Lateinamerika ein. Der Zorn der Bevölkerung wächst. Aus Mexiko Sandra Weiss.

Venezolanische Militärs trainieren die Abriegelung der Haupstadt Caracas für den Fall einer Corona-Epidemie

Venezolanische Militärs trainieren die Abriegelung der Haupstadt Caracas für den Fall einer Corona-Epidemie

Vor kurzem noch schwangen sie große Reden, stellten das Wohl der Wirtschaft über die Gesundheit ihrer Bevölkerung. Nun müssen die Präsidenten von Brasilien, Mexiko und Venezuela steigende Notfälle in ihren prekären, unterfinanzierten Gesundheitssystemen registrieren. Potenziell betroffen davon sind in den drei Ländern 369 Millionen Menschen. Die Ärzte vor Ort rechnen mit chaotischen Verhältnissen.

In offiziellen Statistiken werde die wirkliche Zahl der Infektionen unterschätzt, schreibt James Bosworthes im Latin American Risk Report. "Das heißt, dass die politischen Maßnahmen hinterherhinken und dass der Druck auf das Gesundheitssystem größer wird als nötig."

Brasiliens Präsident Bolsonaro scheitert bei einer Pressekonferenz an einer Atemmaske

Brasiliens Präsident Bolsonaro scheitert bei einer Pressekonferenz an einer Atemmaske

Ein besonders krasses Beispiel dafür bietet Brasiliens Rechtspopulist Jair Bolsonaro. Am 10. März hatte er mit seinem Kabinett noch US-Präsident Donald Trump besucht und dabei kritisiert, um das Virus werde zu viel Wirbel gemacht. Das Ganze sei "mehr eine Fantasie". Zwei Tage später wurde sein Kommunikationsminister, Fabio Wajngarten, positiv getestet, 17 weitere Mitglieder aus der Reisedelegation folgten.

Erst die Wirtschaft, dann das Volk

Bei Bolsonaro dagegen wurde das Virus nicht nachgewiesen und er zeigte sich weiter uneinsichtig. Flughäfen, Grenzen und Schulen blieben offen, als die Nachbarländer bereits erste Restriktionen verhängten. 

Der Staatschef rief derweil zu Demonstrationen gegen den Kongress und die Justiz auf, machte Selfies mit Anhängern und grüßte Dutzende - ohne Mundschutz oder Handschuhe. Viele würden früher oder später an dem kleinen "Grippchen" erkranken, sagte er. Das rechtfertige aber keine Neurose als stünde der Weltuntergang bevor. So etwas schade der Wirtschaft.

Zwei Teilnehmerinnen der Kochtopf-Proteste gegen Präsident Bolsonaro in Rio de Janeiro

Zwei Teilnehmerinnen der Kochtopf-Proteste gegen Präsident Bolsonaro in Rio de Janeiro

Denn die hat Bolsonaro über alles gestellt. Seinen linken Vorgängerregierungen wirft er Korruption und Misswirtschaft vor. Beraten von seinem neoliberalen Wirtschaftsminister Paulo Guedes, hat er die Sozialausgaben zurückgefahren und Privatisierungen begonnen - in der Hoffnung, Brasilien damit aus der seit 2015 andauernden Krise zu holen. 

Lange wehrte sich Bolsanro dagegen, den nationalen Notstand auszurufen. Denn der würde die harten Sparauflagen für die öffentliche Hand außer Kraft setzen. 

Bolsonaro entgleiten die Zügel

Diese unnachgiebige politische Linie freute einige Gouverneure, die sich als Bolsonaros Nachfolger positionieren wollen. Sie waren es dann auch, die in Rio und Sao Paolo entgegen dem Willen des Präsidenten erste Schließungen von Flughäfen, Schulen und Shoppingmalls anordneten. "Lokalpolitiker müssen der Realität ins Gesicht schauen, Präsidenten geht es um ihr Image", so Analyst Bosworthes.

Bolsonaro kritisierte zwar die Maßnahmen, aber ihm entglitten immer mehr die Zügel. Die Vorsitzenden der beiden Häuser im Parlament wandten sich von ihm ab, Parlamentarier drohten mit einem Amtsenthebungsverfahren, und nach dem ersten Toten machte die Bevölkerung ihrem Unmut mit lauten Kochtopf-Konzerten Luft. 

Als Bolsonaro endlich am 20. März mit nachlässig angelegtem Mundschutz den Notstand verkündete, war seine Popularität schon um vier Punkte auf 30 Prozent gefallen.

Als gäbe es keine Pandemie

Auch Mexikos linksnationalistischer Staatschef Andrés Manuel López Obrador tourt weiter durch das Land, herzt Kinder und umarmt Anhänger, als sei COVID-19 ein Märchen. Zur Volksberuhigung hält er schützende Amulette in die Kameras. Im Gegensatz zu Bolsonaro räumt er zwar die Gefahr durch die Pandemie ein, gibt sich jedoch als besonnener Landesvater, der die Dinge im Griff habe. 
Laut Hochrechnungen seiner Experten sei die kritischste Phase noch nicht angebrochen, erklärt er bei seinen morgendlichen Pressekonferenzen. Daher seien Maßnahmen wie eine Flughafenschliessung oder Quarantäne noch nicht nötig.

Desinfektion eines U-Bahn-Wagens in Mexiko-Stadt

Desinfektion eines U-Bahn-Wagens in Mexiko-Stadt

Auch ihm geht es vorrangig um die Wirtschaft. Sie stagniert seit dem Vorjahr; Mexiko ist über die Nordamerikanische Freihandelszone stark mit den USA vernetzt und in globale Wertschöpfungsketten eingebunden. Außerdem lebt mehr als ein Drittel der Mexikaner vom informellen Gewerbe und damit mehr oder weniger von Tageseinnahmen. Eine Ausgangssperre wäre eine soziale Katastrophe.

Doch auch in Mexiko ergreifen Unternehmer, Bürgermeister und normale Bürger längst eigene Schutzmaßnahmen. Schulen, Parks, Kinos und Sportstudios werden geschlossen, Heimarbeit und Zwangsferien sind angesagt. 

Mexikos Wirtschaft auf auf Talfahrt

Der Einbruch der Wirtschaft ist kaum noch abzuwenden - Experten sprechen von bis zu minus vier Prozent. Noch krasser sinkt Umfragen zufolge die Popularität des Staatschefs. Anfang März lag sie im Mittel bei 58 Prozent - ein Absturz von knapp 20 Punkten. "Populisten schaffen eine Aura der Machtkonzentration. Wenn es gut läuft, profitieren sie davon, wenn es schlecht läuft, zahlen sie die Zeche", schreibt Lateinamerikaexperte Bosworthes.

Konkurrenz habe López Obrador angesichts einer zersplitterten Opposition allerdings derzeit nicht zu fürchten, so der Publizist Ricardo Raphael.

Venezuela: Ein Virus, zwei Präsidenten

Das sieht in Venezuela schon anders aus. Dort hat der sozialistische Machthaber Nicolás Maduro in Juan Guaidó seit über einem Jahr einen auch international anerkannten Gegenpräsidenten. Dem gelang es zwar bislang nicht, die loyale Front der Regierungsunterstützer aufzubrechen, doch das Virus könnte da nachhelfen. 

Demonstration wegen fehlender Vorräte vor einem Krankenhaus in Caracas

Demonstration wegen fehlender Vorräte vor einem Krankenhaus in Caracas

COVID-19 trifft Venezuela doppelt. Zum einen ist der Zustand der Bevölkerung und des Gesundheitssystems desolat. Mangelnde Wasserversorgung trifft auf unterversorgte Bevölkerung, auf Medikamenten- und Ärztemangel und auf heruntergewirtschaftete Hospitäler. Ein Kollaps ist vorprogammiert, erreicht die Infektion auch nur annähernd chinesische oder europäische Ausmaße.

Hinzu kommt der Absturz der Erdölpreise. Dieser entzieht dem Land eine wichtige Einnahmequelle in einem Moment, in dem Maduro mit Wirtschaftssanktionen zu kämpfen hat und Geldgeber rar sind. Im Februar klopfte Maduro noch flotte Sprüche. 

Bringt das Virus die politische Wende?

Bei dem Coronavirus handele es sich um eine "imperialistische Waffe gegen China", sagte er. Sein Land sei aber gewappnet dank des kubanischen Interferon-Medikaments, das normalerweise gegen Hepatitis-B eingesetzt wird und starke Nebenwirkungen haben kann.

Im März kam dann die Kehrtwende mit Militärpatrouillen und landesweiter Quarantäne. Doch wie wirksam ist die Repression gegen eine humanitäre Katastrophe? Das Damoklesschwert schwebt über Maduro. Der Weltwährungsfonds (IWF), den der Präsident kleinlaut um einen Notkredit von fünf Milliarden US-Dollar bat, winkte ab. Es sei unklar, wer die legitime Regierung repräsentiere, hieß es aus Washington. Verhandlungen mit der Opposition rücken näher - auch wenn Maduro per TV-Ansprache zu nationalen Kettengebeten aufruft, um das Virus gnädig zu stimmen.

Die Redaktion empfiehlt