Containern - Was im Müll landet, holen sie wieder raus | Fokus Europa - Länder, Menschen, Schicksale | DW | 14.11.2008
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Fokus Europa

Containern - Was im Müll landet, holen sie wieder raus

Sie ernähren sich ausschließlich aus den Abfallcontainern von Supermärkten und Lebensmittelkonzernen: Mülltaucher. In der politischen Jugend-Szene Deutschlands ist das Essen aus Abfalltonnen zur Massenbewegung geworden.

Menschen sammeln Müll aus dem Container(9.6.2006/AP)

In den USA sammeln Freegans Müll

In den USA werden sie Dumpdiver oder Freegans genannt, in Deutschland heißen sie Containerer oder eben Mülltaucher. Sie sind Menschen, die sich ihre Nahrungsmittel nicht im Supermarkt kaufen, sondern aus der Mülltonne fischen. Und sie tun es nicht aus der Not heraus, sondern aus Gewissensgründen.

Nachtschicht Mülltauchen

Seniorin in einem Supermarkt zwischen Regalen voller Lebensmittel

Manchmal werden Lebensmittel weggeworfen, die noch essbar sind

Einer von den vielen deutschen Mülltauchern ist Falk Beyer. Im Schutz der Dunkelheit geht es für ihn auf Container-Jagd. Der schmale Strahl seiner Taschenlampe leuchtet in das Dunkel einer grauen Tonne. Mit Plastikhandschuhen zieht Falk Beyer zwischen Müllsäcken, leeren Katzenfutterdosen und Blumenstängeln eine Tüte mit Obst hervor. "Das sind Mangos hier. Die, die nur ganz kleine Stellen haben, an denen sie matschig sind, die nehmen wir mit und schneiden das raus. Die anderen lassen wir aber hier."

Es ist halb eins, Falk und seine Mülltaucher-Freundin Jule haben ihr Auto auf einem leeren Lidl-Parkplatz in einem Vorort von Magdeburg geparkt: Der erste Anlaufpunkt ihrer Standardroute, auf der Suche nach Lebensmitteln, die Supermärkte einfach wegwerfen. Falk Beyer containert vor allem aus politischen Gründen, weil er zum einen nicht will, dass Lebensmittel, die noch völlig in Ordnung sind, weggeworfen werden. "Diese Logik des Wegschmeißens finde ich absolut absurd und untragbar", sagt er während er in einer Mülltonne herumwühlt. Der andere Grund sei für ihn, dass er auch Zeit und Kraft für seine politischen Projekte haben wolle und die nicht verschwenden möchte für das Arbeiten, um Geld zu verdienen.

Containern: Nicht nur einfach im Müll wühlen, sondern eine Lebenseinstellung

Frau holt Gemüse aus Abfallcontainer (9.6.2008/AP)

Freegans protestieren gegen die Logik des Wegschmeißens

Tagsüber engagiert sich der 27-Jährige Falk Beyer im Jugendumweltbüro Magdeburg, organisiert Kampagnen gegen Genfood und G8, schreibt Artikel für das "Grüne Blatt" und sucht Sponsoren für lokale Umweltprojekte. Er hat sich bewusst für ein Leben ohne einen regulären, bezahlten Job entschieden und möchte mit möglichst wenig Geld auskommen. Vor zwei Jahren begann er, sich seine Lebensmittel fast ausschließlich aus der Tonne zu fischen.

Beim ersten Mal hatte auch Falk Beyer ein ungutes Gefühl dabei. Viele Gedanken schoßen im durch den Kopf: "Was ist, wenn ich gesehen werden? Gibt es Stress oder Ärger? Und peinlich war es mir auch ein bisschen." Aber inzwischen habe sich das geändert. Er selbst habe zum Teil auch ein Bewusstsein dafür, dass er als sozial benachteiligte Person, die aus Armut in Containern wühlt, wahrgenommen werde. "Ich sehe das jetzt weniger als Nachteil, sondern mehr als Vorteil, weil das auch dazu beiträgt, dass ich weniger Gefahr laufe, dass Leute aggressiv auf mich reagieren."

Lebensmitteljagd vor dem Supermarkt

Müllberge türmen sich (01.02.2006/dpa)

Containern ist inzwischen nichts Besonderes mehr

Etappe drei auf der Container-Route: ein weiterer Supermarkt-Discounter. Bisher war der Fang eher mager. Erst eine der neun Plastikkisten ist mit Paprika, Radieschen und Mangos gefüllt. Doch Beyer weiß, dass es hier größere Container gibt, mit vielen Lebensmitteln, die noch in Ordnung sind. Die beiden Mülltaucher Jule und Falk gehen zügig über den dunklen Parkplatz zum Liefereingang des Marktes. Ein Bewegungsmelder lässt Neonröhren an der Wand anspringen. Neben der Eingangstür stehen Dutzende Kisten mit Obst und Gemüse. Das meiste sieht noch frisch aus.

Falk Beyer wühlt wieder im Müll. "Ich glaube, das waren mal Erdbeeren und hier gibt es so Porreestangen. Die Birnen sehen noch gut aus, zum Teil zumindest." Dieses Mal ist die Ausbeute groß. Auf einer Tour schafft es Beyer oft Lebensmittel für mehrere Wochen einzusammeln. In Magdeburg werden die Supermarkttonnen nachts noch nicht so oft besucht wie in anderen Städten. In Berlin machen sich die Containerer beispielsweise schon gegenseitig Konkurrenz, erzählt Beyer. Essen aus dem Müll, das gehöre in manchen Kreisen zum guten Ton.

Mülltauchen – kriminelle Lebensart?

Voller Einkaufswagen (dpa)

Widerspruch zwischen der Veschwendung von Lebensmitteln und dem Hunger auf der Welt

Vor fünf Jahren sei Containern noch etwas Außergewöhnliches gewesen. Jetzt gehöre es bei bestimmten Gruppen zur politischen Normalität, sagt Beyer. "Da wird dann eher noch im Kühlschrank nachgeschaut und kritisiert, wenn man Sachen gekauft hat." Bei den Supermärkten kommt das Containern allerdings nicht immer gut an. Manche Marktleiter drohten sogar mit körperlicher Gewalt und auch die Polizei wurde schon ein paar Mal gerufen – allerdings ohne Folgen. Nach wie vor ist es umstritten, ob das Stehlen von Müll ein Straftatbestand ist.

Falk Beyer ist auf solche Situationen sogar vorbereitet. "Ich habe da kleine Kärtchen für die Mitarbeiter, auf denen steht auch offensiv drauf, dass sie mich anzeigen sollen, denn dann kommt mein Thema: Die Verschwendung und die Vernichtung von Lebensmitteln, während gleichzeitig Menschen in aller Welt an Hunger leiden und auch in Deutschland soziale Armut weiter vorherrscht."

Jackpot für Falk Beyer am letzten Supermarkt der Route: Obst, Gemüse, Plastikbecher originalverpackt und eine ganze Thekenausrüstung sowie ein Messer-Set. Bis oben hin stapeln sich nun die Kisten im Auto. Am nächsten Tag steht bereits ein Großteil des containerten Gemüses auf dem Speiseplan: Bei einer Demonstration vor dem Atommüll-Endlager Morsleben soll es für die Aktivisten Suppe geben. Der gefundene Lauch und Blumenkohl sind dafür genau das Richtige.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema