Commerzbank: Und noch ein Befreiungsschlag | Wirtschaft | DW | 27.09.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Banken

Commerzbank: Und noch ein Befreiungsschlag

Zum vierten Mal innerhalb weniger Jahr versucht die Commerzbank, sich neu zu erfinden. Bislang war jeder Befreiungsschlag eher ein Schlag ins Wasser. Auch den aktuellen Versuch sehen Beobachter skeptisch.

"Wir wollen unsere Bank wetterfest und zukunftssicher machen", verteidigte Commerzbank-Chef Martin Zielke einen erneuten Radikalumbau, der unter dem Titel "Commerzbank 5.0" vorgestellt wurde. Dem Programm sollen rund 4300 Stellen und 200 der 1000 Filialen zum Opfer fallen. Trotz dieser Rosskur muss Zielke bei den Ertrags- und Renditezielen Abstriche machen.

"Das löst keine Begeisterungsrufe aus", sagte Bankenanalyst Philipp Häßler vom Handelshaus Pareto Securities in Frankfurt. "Das zeigt, dass sich die Commerzbank in einer sehr schwierigen Situation befindet." Denn die Commerzbank will ihren erneuten Befreiungsschlag in einem härter werdenden Geschäftsumfeld umsetzen.

Der Wettbewerb - angetrieben durch neue Konkurrenten im Internet - bleibt hart, ein Ende der Niedrigzinspolitik der EZB ist nicht in Sicht. Und nun drohen durch die Konjunktureintrübung auch noch steigende Kreditausfälle. "Auf ein besseres Umfeld können wir nicht hoffen", sagte Zielke. Daher sei der Stellenabbau unvermeidlich. Der betrifft 14 Prozent der Stellen ohne die polnische Tochter mBank, die die Commerzbank verkaufen will, um Kapital für den Umbau freizuschaufeln.

Auf einem steinigen Weg

"Die Pläne der Commerzbank klingen nach dem Motto 'Wasch mich, aber mach mich nicht nass'", sagt Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Es wirkt alles ein bisschen hilflos."

Das Institut soll sich stärker auf digitale Angebote fokussieren, die Kosten sollen bis 2023 um 600 Millionen sinken. Strikt auf die Kostenbremse zu treten sei zwar wichtig, aber es fehle eine klare Strategie, wie die zweitgrößte deutsche Privatbank ihre Einnahmen steigern wolle, kritisiert Nieding. "Der große Befreiungsschlag ist das nicht", mahnt auch Analyst Philipp Häßler vom Broker Pareto Securities an. "Ihr steht ein langer und steiniger Weg bevor."

Kombibild - Commerzbank Deutsche Bank in Frankfurt (Getty Images/AFP/D. Roland)

Gerade erst war die Fusion mit der Deutschen Bank vom Tisch. Oder nur vorläufig von der Agenda verschwunden?

Erfolg ohne das "Juwel"?

Analysten sind vor allem deshalb skeptisch, weil die Commerzbank ihre Tochter mBank in Polen veräußern will, die von vielen Experten als "Kronjuwel" bezeichnet wird. Das Institut trug in den vergangenen Jahren jeweils rund 300 Millionen Euro zum Konzerngewinn der Commerzbank bei. Dieser lag 2018 bei 865 Millionen Euro.

"Der Erfolg des Konzernumbaus ist maßgeblich an einen Verkauf der mBank gekoppelt", sagt Normen Fritz vom Fondsanbieter Union Investment. Ob dieser aber problemlos über die Bühne gehe, sei fraglich, da in Polen noch Urteile ausstünden, wie die dortigen Banken mit Darlehen in Schweizer Franken umgehen sollten. Die mBank sitzt auf einem solchen Portfolio im Volumen von rund 3,7 Milliarden Franken.

Doch für das "Commerzbank 5.0"-Projekt muss Geld her, schnell und viel. Eine weitere Kapitalerhöhung ist wegen der aktuellen Börsenbewertung nach Meinung von Experten ausgeschlossen. Die im Nebenwerteindex MDax notierten Aktien sind mit 5,39 Euro derzeit nicht weit entfernt von ihrem im August erreichten Rekordtief von 4,65 Euro. Vor zwei Jahren waren sie noch gut doppelt so viel wert.

Neustart als Fintech-Unternehmen?

Kritisch sehen Experten auch die Integration der Digitalbank Comdirect in den Commerzbank-Konzern. So befürchten viele, dass der "Fintech-Spirit" verloren gehe, der das junge Institut erfolgreich gemacht hat. "Je mehr Commerzbank bei der Comdirect durchgeschlagen hat, desto schwerfälliger wurde sie", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter, der unerkannt bleiben will. "Man will jetzt in Richtung digital und Fintech gehen, hält aber noch an einem vergleichsweise großen und teuren Filialnetz fest", kritisiert Anlegerschützer Nieding.

Die Kunden der Commerzbank müssen sich künftig auf höhere Gebühren einstellen, machte Bankchef Zielke deutlich, ohne jedoch ins Detail zu gehen. "Das ist aber nicht die Einstimmung auf den Abschied vom kostenlosen Girokonto", betonte er.

Bis 2023 will die Bank gegenüber Herbst 2016, als die letzte Strategie verkündet wurde, 2,5 Millionen Kunden gewinnen - nur 500.000 mehr als sie sich ursprünglich bis Ende 2020 vorgenommen hatte. Stattdessen wolle sie mehr Geschäft mit bestehenden Kunden machen. Zunächst will sie aber eine Million inaktive Kunden loswerden, die Kundenzahl sinkt auf 11,1 Millionen. "Darunter ist aber kein Kunde, den wir seit 2013 gewonnen haben, nur damit da kein Missverständnis entsteht", betonte Zielke.

Italien Hauptquartier der UniCredit Bank in Mailand (Imago Images/ZumaPress/M. Carenzi)

Und wenn alles nicht mehr hilft, könnte ja auch die UniCredit als Commerzbank-Retter in Frage kommen ...

Die Commerzbank: Löwe oder Lamm?

Mit ihrer neuen Strategie "Commerzbank 5.0" stelle Deutschlands zweitgrößte Privatbank auch die Weichen, um bei Fusionen ein "aktiver Spieler" zu sein, sagte Zielke. "Es wird in Deutschland wahrscheinlich auch in Europa über kurz oder lang Konsolidierung geben." Offen ließ der Commerzbank-Chef, ob er das Geldhaus dabei als möglichen Käufer sieht.

Für 2019 erwartet die Commerzbank trotz des Konzernumbaus schwarze Zahlen. Die Umbaukosten würden erst im nächsten Jahr verbucht. Auch werde die Bank wie versprochen für 2019 eine Dividende auf dem Vorjahresniveau von 20 Cent je Aktie ausschütten.

Gewerkschafter nicht begeistert

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kündigte bereits Widerstand gegen Job-Streichungen bei der Commerzbank im Vertrieb an. "Gegen einen Personalabbau im Filialbereich sprechen wir uns ganz entschieden aus", sagte Verdi-Gewerkschaftssekretär Stefan Wittmann am Freitag.

Es gebe "keinerlei Einsparpotenzial" in den Zweigstellen. Einen etwaigen weiteren Personalabbau in anderen Bereichen werde Verdi kritisch begleiten. Die angepeilte Komplettübernahme der Online-Tochter Comdirect und den Verkauf der Mehrheitsbeteiligung an der polnischen mBank unterstütze man hingegen.

dk/bea (dpa, rtr)

 

Die Redaktion empfiehlt