Colchicin: Wirkt der Pflanzenstoff gegen COVID-19? | Wissen & Umwelt | DW | 28.01.2021
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Medikamente

Colchicin: Wirkt der Pflanzenstoff gegen COVID-19?

Eine große klinische Studie zeigt, dass das Gicht-Medikament Colchicin das Risiko von Komplikationen infolge einer Corona-Infektion deutlich reduziert. Der große Vorteil: Es ist günstig und wäre sofort verfügbar.

Colchicin ist ein stark entzündungshemmendes Medikament, das schon sehr lange bekannt ist. Entdeckt wurde es bereits vor 150 Jahren. Der Wirkstoff wird aus einer Pflanze namens Colchicum autumnale extrahiert, auch als Herbstzeitlose bekannt. Eingesetzt wird der Wirkstoff zur Behandlung verschiedener Krankheiten wie Gicht, einer entzündlichen Arthritis und Herzbeutelentzündung.

Allerdings ist es hier mittlerweile nicht mehr die erste Wahl, da es aufgrund seiner Toxizität nur in begrenzter Dosierung angewendet werden darf. Colchicum autumnale wurde 2010 zur "Giftpflanze des Jahres" gewählt.

Eine große klinische Studie zeigt nun, dass Colchicin allerdings auch bei der Behandlung von COVID-19 wirksam ist und das Risiko von Komplikationen reduziert, so die beteiligten Ärzte in Kanada.

Die Ergebnisse der Studie seien eine "wichtige wissenschaftliche Entdeckung". Gegen SARS-CoV-2 wäre es "das weltweit erste orale Medikament, das zur Behandlung von nicht-hospitalisierten Patienten mit COVID-19 verwendet werden könnte", schreibt das Montreal Heart Institute in einer Erklärung (MHI).

Medikament Colchicin

Colchicin ist zugelassen zur Behandlung von Gicht. Gegen COVID-19 wäre es das erste orale Medikament.

Die Daten wurden im Rahmen des COLCORONA-Projekts erhoben. Die Studie wurde seit März 2020 in Kanada, den Vereinigten Staaten, Europa, Südamerika und Südafrika durchgeführt.

Nach Angaben des MHI haben die Studienergebnisse gezeigt, dass Colchicin das Risiko an COVID-19 zu versterben oder ins Krankenhaus eingewiesen zu werden gegenüber Placebo um 21 Prozent verringerte. Dieses Ergebnis erreichte für die globale Studienpopulation von 4488 Patienten eine statistische Signifikanz.

Bei den 4159 Patienten mit nachgewiesener Diagnose von COVID-19 durch PCR-Test reduzierte Colchicin die Krankenhauseinweisungen um 25 Prozent, den Bedarf an mechanischer Beatmung um 50 Prozent und die Todesfälle um 44 Prozent.

Jean-Claude Tardif, Direktor des MHI-Forschungszentrums, Professor für Medizin an der Université de Montréal und Leiter der Colcorona-Studie ist mit dem Ergebnis überaus zufrieden. "Unsere Hypothese war, dass der Grund, warum Patienten Komplikationen unter COVID-19 entwickeln, die übertriebene Entzündungsreaktion ist, die die weißen Blutkörperchen des Patienten als Reaktion auf das Virus entwickeln", erklärt er. "Unsere Intuition war, dass durch die Verwendung eines Medikaments wie Colchicin zur Reduzierung dieser übertriebenen Entzündungsreaktion, die als Zytokinsturm bekannt ist, Komplikationen verhindert werden könnten." 

Die Forschungsarbeit habe diese Intuition und damit die Wirksamkeit bestätigt. Der Einsatz von Colchicin könnte somit "einen signifikanten Einfluss auf die öffentliche Gesundheit haben und möglicherweise Komplikationen bei COVID-19 für Millionen von Patienten verhindern", glaubt Tardif.

Peer-Review steht nun aus 

Bereits im Juni 2020 gab es eine ähnliche Studie, die das Potenzial von Colchicin bei der Behandlung von SARS-CoV-2 untersuchte. Im Rahmen dieser weitaus kleineren GRECO-19-Studie, die an 105 Corona-Patienten durchgeführt wurde, zeigte sich, dass das Mittel vor allem bei Patienten mit einem potenziell schlechteren Verlauf hilfreich sein könnte.

Der Preprint-Artikel von Colcorona wurde nun zum Peer-Review eingereicht. Doch Tardif zeigt sich schon jetzt optimistisch, dass die "Ergebnisse schlüssig und überzeugend sind und sofort zum Nutzen der Patienten eingesetzt werden können."

Griechenland hat derweil schon grünes Licht für die Behandlung von COVID-19 mit Colchicin gegeben. Dort kann das Mittel ärztlich verschieben werden. 

Der Direktor des MHI-Forschungszentrums glaubt, dass daher nun auch eine schnelle Überprüfung durch die Zulassungsbehörden, etwa durch die Europäischen Arzneimittelagentur EMA oder durch die Food and Drug Administration FDA in den USA folgt.Das Medikament sei schließlich schon in den Apotheken verfügbar und könne sofort sicher und kostengünstig zum Einsatz kommen.

Genau davor und der eingangs erwähnten Toxizität warnt aber die spanische Ärztin Mar García Sáiz. Denn Colchicin sei zwar "ein sehr altes, sehr sicheres und sehr billiges Medikament", sie wies aber auf die Gefahr hin, dass Menschen sich womöglich selbst behandeln.

Das Mittel könne zum Beispiel bei Nierenschäden zu schweren Nebenwirkungen führen und auch mit anderen Behandlungen negativ interagieren. Colchicin sollte unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden, so die Medizinerin.

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Unabhängig davon betont Jean-Claude Tardif die Vorteile. "Unsere Entdeckung wird nicht nur in Frankreich, Kanada, den USA und den G8-Ländern nützlich sein, sondern (auch) in den Entwicklungsländern, in den armen Ländern, in Afrika, in Asien wird das preiswerte Colchicin, das oral in Tablettenform eingenommen wird, schnell von Nutzen sein."

Und es hätte noch einen entscheidenden Vorteil: Die Verschreibung von Colchicin an Patienten könnte dazu beitragen, die Krankenhäuser zu entlasten und die Kosten im Gesundheitswesen hier und weltweit zu senken.

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