Cocktails statt Eimersaufen | DW Reise | DW | 18.04.2019
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Reise

Cocktails statt Eimersaufen

Die spanische Mittelmeerinsel Mallorca ist bei deutschen Touristen besonders beliebt. Zu beliebt - finden manche ihrer Bewohner: Wie Mallorca versucht, die Auswüchse des "Overtourism" unter Kontrolle zu bringen.

Angst vor Autoritäten hat Joan Forteza nicht. "Da oben sitzt er, der Bürgermeister", sagt der 68-Jährige und zeigt auf ein Fenster in der ersten Etage des Rathauses. "Da sitzt er und lässt es einfach geschehen." Unter den Augen des Stadtoberhauptes spielt sich Tag für Tag dieselbe Szene ab: Der Wirt eines Cafés direkt an Palmas Rathausplatz stellt morgens Stühle und Tische auf das Kopfsteinpflaster, ohne sich auch nur im Geringsten darum zu scheren, wieviel Platz ihm eigentlich zusteht. Anzugträger auf dem Weg zur Arbeit, Familien mit Kinderwagen, Großmütterchen mit Krückstock - sie alle müssen einen Bogen um die Terrasse laufen, während an den Tischen Urlauber an ihrem Cappuccino nippen.

Einwohnerwohl vor Massentourismus

Für Forteza ein Unding. "Wir wollen, dass in Palma vor allem die Interessen der Bewohner gewahrt werden", sagt er. "Wir wollen hier nicht nur geduldet sein." Forteza ist Vorsitzender des Dachverbands der Anwohnervereinigungen von Palma und einer der rührigsten Bürgeraktivisten der Stadt.

Bürgeraktivist Joan Forteza auf dem Rathausplatz in Palma (DW/J. Martiny)

Joan Forteza auf dem Rathausplatz in Palma

Wenn es sein muss, legt er sich mit jedem an. Sein Kampf gegen die Gastro-Terrassen versinnbildlicht dabei ein in der mallorquinischen Bevölkerung mittlerweile weit verbreitetes Gefühl: Die Auswüchse des Massentourismus gehören endlich wirksam bekämpft, finden viele.

Mit seinen 39 Jahren könnte Antoni Noguera gut und gerne Joan Fortezas Sohn sein. Der Linkspolitiker ist der Bürgermeister der Inselhauptstadt und an diesem Vormittag an die Playa de Palma gekommen. Hier verbringen jedes Jahr Hunderttausende Deutsche ihren Urlaub - hier, am "Ballermann", wenngleich dieser Name nach Nogueras Willen der Vergangenheit angehören soll, steht er doch für die Art Sauftourismus, den man auf Mallorca am liebsten heute statt morgen abschaffen würde.

Qualität statt Masse

Das neue Motto der Playa de Palma lautet "Palma Beach". Unter dieser Marke haben sich ein paar Dutzend Unternehmer zusammengetan, die die Touristenmeile vor den Toren Palmas zu einem schicken Reiseziel machen wollen: Cocktails statt Eimersaufen, Chillen statt Grölen, Ceviche statt Bratwurst.

Urlaubsschnappschuss an der Meerespromenade in Palma (DW/J. Martiny)

Beliebtes Fotomotiv: Palmas Promenade

Heute gibt es im Beisein des Bürgermeisters die Plaketten, an denen künftig die "Palma-Beach"-Lokale zu erkennen sind. "Wir wollen, dass Palma eine erfolgreiche Stadt ist, aber keine Stadt, die an ihrem Erfolg zugrunde geht", sagt Noguera. Also gibt es nun diese Qualitätsoffensive. Aber nicht nur das. Um die Partyurlauber in die Schranken zu weisen, soll die Lokalpolizei in diesem Sommer hart durchgreifen. Zu dem Zweck hat der Stadtrat die Touristenmeile zu einer Sonderzone erklärt, in der unter anderem der Alkoholkonsum auf der Straße verboten ist.

Steuerungsinstrument Touristensteuer

Es ist nicht die erste Maßnahme, mit der der Massentourismus auf Mallorca in geordnetere Bahnen gelenkt werden soll. Das Vorzeigeprojekt der balearischen Regionalregierung in dieser Legislaturperiode ist die Einführung der Touristensteuer. Seit Juli 2016 müssen Urlauber je nach Jahreszeit und Kategorie der Unterkunft pro Übernachtung zwischen 25 Cent und vier Euro zahlen. Allein im vergangenen Jahr nahm die Balearen-Regierung auf diese Weise fast 123 Millionen Euro ein.

Das Geld fließt nicht nur in den Naturschutz, gefördert wird zum Beispiel auch der Erhalt des kulturhistorischen Erbes. Während die meisten Touristen verständnisvoll reagierten, liefen die Hoteliers Sturm gegen die Abgabe und die konservative Opposition im Balearen-Parlament kündigte bereits an, sie zumindest reduzieren zu wollen, sollte sie die anstehende Regionalwahl Ende Mai gewinnen.

Geldquelle Tourismus

"Auf den Inseln leben viele Menschen direkt oder indirekt vom Tourismus", sagt die balearische Tourismusministerin Bel Busquets. "Aber dennoch müssen wir diese Aktivität regulieren, zumal die Inseln nur über begrenzte Fläche und Ressourcen verfügen." Zwölf Millionen Urlauber sind im vergangenen Jahr nach Mallorca gekommen, darunter 4,3 Millionen Deutsche. Die Insel verzeichnet Jahr um Jahr neue Besucherrekorde, 1000 Euro gibt jeder Tourist durchschnittlich auf der Insel aus, zwei Drittel aller Arbeitnehmer leben vom Geschäft mit den Urlaubern.

Ballermann 6 Strandlokal Palma Mallorca (DW/J. Martiny)

Der einst berüchtigte "Ballermann 6" ist heute ein ganz normales Strandlokal

Das ist die eine Seite. Zunehmender Wassermangel, ein Jahr um Jahr wachsender Müllberg, übervolle Strände und zehntausende Mietwagen, die in den Sommermonaten die Straßen verstopfen, sind die andere Seite. In den Sommermonaten etwa kollabiert tagtäglich der Verkehr auf der Landstraße zum Leuchtturm auf der Formentor-Halbinsel im Norden Mallorcas. Um das zu verhindern, wird die Zufahrt dorthin wie schon im vergangenen Jahr auch in diesem Sommer für den Individualverkehr gesperrt. Tagsüber gelangt man dann nur mit einem Shuttle-Bus an das beliebte Ausflugsziel.

Einschränkungen bei Vermietungen

Die vielleicht radikalste Entscheidung aber betrifft die Vermietung von Ferienappartments. Nachdem das touristische Angebot vor allem in Palma in den vergangenen Jahren so massiv gewachsen war, dass Inselbewohner kaum noch bezahlbare Wohnungen finden konnten, beschloss der Stadtrat im vergangenen Jahr ein komplettes Verbot der Ferienvermietung in Mehrfamilienhäusern. Übrigens auf Antrag des Anwohnerverbandes, der ein entsprechendes Bürgerbegehren initiiert hatte.

Straßenhändler unterhalb der Kathedrale in Palmas Altstadt (DW/J. Martiny)

Es kann voll werden in den Gassen der Altstadt - Straßenhändler unterhalb der Kathedrale von Palma

Zufrieden aber gibt sich Joan Forteza damit noch lange nicht. Stattdessen kämpft er nun gegen die Gastro-Terrassen. "Ich sitze ja auch gerne mal draußen und trinke etwas", sagt er. "Wir brauchen aber Regeln, die für alle gelten." Einen ersten Erfolg kann er schon verzeichnen: Die Stadtverwaltung ist jetzt dazu übergegangen, vor jedem Lokal den Terrassenbereich mit gelber Farbe zu markieren. Nur die Einhaltung, die müsste jetzt noch jemand kontrollieren.