Christopher Kloeble über die Macht von Entdeckern und den indischen Blick | Kultur | DW | 03.05.2020
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Interview

Christopher Kloeble über die Macht von Entdeckern und den indischen Blick

Wenn deutsche und indische Geschichte zusammenkommen, entsteht Literatur - jedenfalls im Roman "Das Museum der Welt" des in Neu-Delhi und Berlin lebenden Autors Christopher Kloeble.

DW: In Ihrem Roman "Das Museum der Welt" blicken Sie tief in die Geschichte Indiens. Warum gerade Indien?

Christopher Kloeble: Was ich erzähle, basiert auf der wahren Geschichte um drei bayerische Forscher, die in Indien ein großes Abenteuer erlebt haben, mit einem dramatischen Ende. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, umso interessanter fand ich diesen Stoff aus der Kolonialzeit. Man redet zwar in Deutschland immer mehr über koloniale Themen, aber ganz oft in dem Kontext, dass man ja gar nicht so lange Kolonien gehabt habe und überdies nicht besonders viele. Deutschland wäre ja nicht so ein Big Player gewesen wie Belgien, Spanien oder England.

In Deutschland spricht man im südasiatischen Kontext eher über Wissenschaftler und ihre begeisternden Forschungen. Die Indologie ist eine von Deutschen begründete Wissenschaft. Einer der berühmtesten Sanskritforscher war Max Müller, nach dem auch heute in Indien alle Goethe-Institute benannt sind. Die Schlagintweits (Reisende und Entdecker, Anm.d.Red.) waren in ihrer Zeit sehr bekannt, sie kommen auch in fünf Romanen von Jules Verne vor. Aber wenn man sich genauer mit ihnen beschäftigt, wird einem klar, dass diese Wissenschaftler natürlich einerseits Wissen gesammelt haben - aber, wo ist dieses Wissen hingegangen? Wer hat davon profitiert? Bei den Schlagintweits war das die East India Company, die Südasien für lange Zeit, rund dreihundert Jahre, ausgebeutet hat.

Die Naturforscher Schlagintweit: Drei Männer mit Anzügen und Fliegen auf einer Radierung aus dem Jahr 1848 (picture-alliance/imagebroker/J. Abecasis)

Die Gebrüder Schlagintweit: Robert, Hermann und Adolf (von links)

Hier kommt deutsche Geschichte mit der Indiens zusammen, das fand ich sehr interessant. Natürlich hängt meine Neugier auch damit zusammen, dass ich so viel in Indien lebe und mich ohnehin sehr viel damit beschäftige.

Geographische Kenntnisse, naturkundliches und ethnologisches Wissen bedeutete auch noch Mitte des 19. Jahrhunderts Macht. Welche Rolle spielten berühmte Entdecker wie Humboldtund die Schlagintweits für die imperialen Reiche?

Eine ganz wesentliche. Man kann über Begriffe streiten, aber aus heutiger Sicht ist es legitim zu sagen, die waren so etwas wie Spione. Als Entdeckungsreisende haben sie vielleicht aus reinem Idealismus gewisse Informationen gesammelt. Aber wenn man sich das Informationswerk allein nur der Brüder Schlagintweit von den drei Jahren ihrer Expedition anschaut, dann sind das tausende von Seiten mit minutiösen Aufzeichnungen. Alles wird aufgelistet: jeder Landstrich, was in der Erde drin ist, ob es da regnet, was da gut wächst, welche Sprachen die Leute da sprechen und wie sie aussehen. Warum sie dieses Ritual machen und wer dort der Oberste ist. Wie man am besten über diesen Pass gelangt, usw., usw. Das sind so viele Informationen!

Gebrüder Schlagintweit Aquarell Pindar-Gletscher im Himalaya (picture alliance / dpa)

Europäischer Blick: der Pindar-Gletscher im Himalaya, gemalt von einem der Schlagintweits

Wie Google-Einträge heute haben sie das formuliert, über ganze Regionen, die ganze riesige Fläche. Vor allem der nördliche, Hochasien genannte Bereich Südasiens war damals hart umkämpft, eben weil da die großen Mächte aufeinander trafen: China, Russland und England. Man war in einem harten Wettstreit miteinander, für den Rudyard Kipling den Begriff "The Great Game" geprägt hat. Um da einen Vorteil zu haben, war Wissen alles. Wenn also jemand in die Berge gegangen ist, um sie zu vermessen, dann wurde das in den jeweiligen Ländern sofort ausgewertet.

Es ist heutzutage schwer nachzuvollziehen, wer welche Information wie verwendet hat, aber man kann davon ausgehen, dass eine große Firma wie die East Indian Company, die über weite Teile des Globus herrschte, finanzielle Interessen und Machtansprüche hatte. Deshalb wurden diese Informationen gesammelt, und nicht aus reinem wissenschaftlichen Interesse.

Das Kolonialzeitalter ist längst zu Ende. Inwieweit prägen koloniale Kategorien noch immer auch den Blick der Betroffenen auf die Welt?

Natürlich wird in der heutigen Zeit immer mehr relativiert. Bildung wird besser, die Menschen verstehen mehr. Aber es gibt immer noch seltsame Auswüchse. In vielen Straßen Indiens kann man sowas sehen wie etwa "Oxford Barber", einfach, weil man Oxford für etwas Großartiges hält. Wenn Kinder, die geboren werden, besonders dunkel sind, dann sehen das viele als ein schlechtes Zeichen und glauben, es würde schwierig sein, später einen Ehepartner für sie zu finden oder einen guten Job. Man darf nicht erwarten, dass, nur weil Weiße andersfarbige Menschen rassistisch behandeln, andersfarbige Leute nicht auch rassistisch sind. Diese rassistische Hackordnung gibt es auch innerhalb Indiens, und die ist sehr stark im Kolonialismus geprägt worden.

Alles, was Sie in Ihrem Roman erzählen, ist faktenbasiert und genau recherchiert. Einzig der Ich-Erzähler Bartholomäus ist erfunden. Und gerade der, der anfänglich schwache und viel geschlagene indische Waisenjunge, ermächtigt sich, er imitiert den oft arroganten Blick der Entdecker, ihre wertende Perspektive. Warum haben Sie ihn so angelegt?

Es war mir sehr wichtig, in dieser Erzählung eine indische Perspektive einzunehmen. Bartholomäus ist ein Junge, der schon mit der Kolonisierung aufgewachsen ist, ihm wurde ja schon ein christlicher Name gegeben, er spricht Deutsch, und er schreibt sein Buch auf Deutsch. Im Laufe der Geschichte macht er einen Wandel durch, bis er begreift, dass er ein Produkt nicht nur der indischen Welt ist.

Hermann von Schlagintweit, deutscher Naturforscher, auf einer Schwarzweißfotografie, in einem Sessel sitzend, Buch in Händen, Blick in die Kamera (picture-alliance/Imagno/Austrian Archives)

Hermann von Schlagintweit um 1865

Ich lese ihn als eine Art Hofnarr. Dadurch, dass er so jung ist, kann er Sachen tun und sagen, die sonst niemand sagen dürfte, ohne mit heftigen Konsequenzen zu rechnen. Er kann uns vieles zeigen und erzählen, was jemand anderes nicht könnte. Bei einem Erwachsenen würde man denken, das kann der sich nicht erlauben, und wenn es ein westlicher Mensch wäre, würde er es nicht tun. Kinder haben diese Kombination aus Naivität und manchmal einer ganz großen Weisheit. Sie können historisches Geschehen mit kommentieren und gleichzeitig ein bisschen außen stehen.

Was war Ihre Motivation als Romanautor? Sehen Sie sich als Vorkämpfer des Dekolonialismus?

Als Autor, als Geschichtenerzähler ist es nicht immer leicht, ganz stark für eine Sache einzutreten. Man muss dann eine sehr starke Haltung oder Meinung zu einer Sache haben, und das macht es schwieriger, eine gute Geschichte zu erzählen. Es wird erzählerisch langweilig, man weiß dann von vornherein, wer die Bösen sind, und die anderen sind die Opfer. Aber ich halte das Thema auf alle Fälle für sehr bedeutend. Was für extreme Nachwirkungen der Kolonialismus in Südasien hat, kann man bis heute sehr gut sehen. Indien ist erst seit etwas mehr als siebzig Jahren unabhängig.

Seit einigen Jahren werden Restitutionsansprüche auf möglicherweise geraubte Kulturschätze geprüft, werden Kulturgüter und Kunstwerke zurückgegeben. Was muss noch getan werden, um das koloniale Erbe zu entlasten?

Es muss auf beiden Seiten etwas getan werden, sehr Vieles ist aufzuarbeiten. Ich fand es aber interessant, als ich letztes Jahr las, dass man erst jetzt darüber nachdenkt, Kolonialismus an englischen Schulen zu lehren. In England gab es im Zusammenhang mit den diskutierten Reparationszahlungen noch vor wenigen Jahren eine Debatte um Gut und Böse des Kolonialismus. Schließlich hätte man doch auch Eisenbahnen gebaut, Demokratie nach Indien gebracht, die Witwenverbrennung abgeschafft. Aber was vergessen wird: Man ist ja nicht hingegangen, um zu helfen, die Eisenbahnen wurden für die Interessen der Kolonialherren gebaut. Diese Haltung muss sich ändern.

Das Gespräch führte Sabine Peschel.

Christopher Kloeble ist mit einer Inderin verheiratet und lebt in Berlin und Neu-Delhi. Der 1982 in München geborene Autor ist regelmäßige Gastprofessor an Unis in den USA und Großbritannien. "Das Museum der Welt" ist sein vierter Roman.

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt, dtv 2020, 528 Seiten

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