China verfehlt Fußball-Ziele für 2020 | Asien | DW | 26.10.2020
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Chinas Fußballreformen

China verfehlt Fußball-Ziele für 2020

Wie für seine Wirtschaftsleistung hat China auch für die Leistung im Fußball Pläne und Vorgaben. Die Wirtschaftsziele werden laut offiziellen Zahlen recht genau erfüllt, im Fußball sieht es anders aus.

Es stand im "Action Plan 2020" der Chinese Football Association (CFA) von 2018, dass die Nationalmannschaft der Männer dieses Jahr mindestens unter die Top 70 der FIFA-Weltrangliste aufsteigen solle. Sie befindet sich aktuell jedoch hinter Bolivien und Guinea, zwei Länder mit einer Bevölkerung von jeweils unter 13 Millionen, auf Platz 76. Für die Frauen wurde im "Action Plan" ein Platz unter den ersten zehn anvisiert. Momentan sind sie aber auf Rang 15.

Wegen der Corona-Pandemie wurden die Länderspiele, die das Ranking der Mannschaften beeinflussen könnten - WM-Qualifikation für die Männer und Olympia-Qualifikation für die Frauen - aufs nächste Jahr verschoben. Beide Nationalmannschaften werden dieses Jahr also nichts mehr an ihrem Platz ändern können.

China Fußball | Chinas U-23-Mannschaft

Chinas U23-Mannschaft bei Asienmeisterschaft 2020 in Thailand: Kein Tor, kein Punkt

WM-Qualifikation wird schwer

Auch der Jugendkader bietet keinen Trost. Um sich wie erhofft für die Olympischen Spiele in Tokio, die auf 2021 verschoben wurden, zu qualifizieren, hätte China mindestens den 3. Platz bei der U23-Asienmeisterschaft, die im Januar in Thailand stattfand, holen müssen. Die chinesische Mannschaft verlor aber alle drei Gruppenspiele gegen Südkorea, Usbekistan und Iran und erzielte dabei nicht ein Tor. Als einzige punktlose Mannschaft des Turniers verpasste China seine Ziele deutlich.

Auch die Teilnahme an der WM-Endrunde 2022 in Katar ist mehr als ungewiss. China ist mit sieben Punkten zwar Zweiter in seiner Qualifikationsgruppe, hat jedoch acht Punkte Rückstand auf Tabellenführer Syrien. Nur die acht Gruppensieger und die vier besten Gruppenzweiten der Asien-Qualifikation erreichen die dritte Runde. Sollten die Chinesen dies trotz ihrem jetzigem Punktestand schaffen, müssten sie in der dritten Runde gegen deutlich stärkere Mannschaften wie Südkorea, Japan oder Australien um die vier letzten Qualifikationsplätze kämpfen.

"Symbolisch wäre die Qualifikation sehr wichtig, um zu zeigen, dass die Mannschaft leistungsfähig ist und sich auch mit anderen asiatischen Mannschaften messen kann", so der Brasilianer Emanuel Leite Junior, ein ehemaliger Sportjournalist, der derzeit zu Chinas Fußballreformen recherchiert. Das erste und bislang letzte Mal, dass sich die chinesischen Männer für eine WM-Endrunde qualifizieren konnten, war 2002 in Japan und Südkorea.

Vor Frauen-Fußball-WM - China Training

(Archiv) Chinas Nationalmannschaft der Frauen beim Training in Frankreich 2019

Pandemie verstärkt Probleme der Vereine

Natürlich weiß man auch in China, dass der Weg zu einer erfolgreichen Nationalmannschaft nur über erfolgreiche einheimische Fußballvereine verläuft. Aus diesem Grund heißt es im "Action Plan" der CFA, besonderes Augenmerk müsse "auf die Förderung von Nachwuchsspielern und auf besseres Management der Vereine" gelegt werden.

Hintergrund solcher Forderungen sind finanzielle Exzesse der letzten zehn Jahre, bei denen kapitalkräftige Unternehmer teure aber sportlich enttäuschende Einkäufe ausländischer Stars ermöglichten. Zum Beispiel den Argentinier Carlos Tevez, der 2017 ein geschätztes Jahresgehalt von 40 Millionen Euro einstrich und China dann wieder verließ. Und wenn Investoren im Strudel von Korruptionsfällen untergehen, kann das auch den Verein ruinieren. So geschehen beim Tianjin Tianhai FC, der insolvent ging, nachdem der Hauptinvestor Shu Yuhui im Januar 2020 wegen Wirtschaftskriminalität zu neun Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war.

Zwar führte die CFA eine Gehaltsobergrenze für die Spieler ein, um Verluste zu minimieren, doch dann kam die Corona-Pandemie. Die Folge: Finanzielle Einbußen aufgrund eines gekürzten Spielplans und begrenzter Zuschauerkontingente. Im Mai teilte die CFA mit, dass elf Vereine aus den drei höchsten Ligen Chinas wegen finanzieller Schwierigkeiten ihre Lizenz verloren und weitere fünf Vereine, darunter der Tianjin Tianhai FC, sich aus demselben Grund freiwillig aufgelöst haben.

Aufgrund der Pandemie geschah dieses Jahr also das Gegenteil von dem, was im "Action Plan" angepeilt worden war. Anstatt, dass der chinesische Fußball ausgebaut wird, schrumpft er. Die dritte Liga, in der in der vergangenen Saison 32 Mannschaften vertreten waren wurde dieses Jahr auf 21 Mannschaften reduziert.

China Fußball Liga

Carlos Tevez (3.v.r.) verdiente 2017 angeblich 40 Millionen Euro mit einem Fußballclub in Shanghai

Aufbau einer chinesischen Fußball-Kultur

Neben dubiosen Management-Entscheidungen und der Pandemie steckt noch etwas Tiefergehendes hinter dem chinesischen Fußball-Problem: "Fußball ist einfach nicht in der DNA der Chinesen", sagt Leite Jr. Die erste professionelle Fußballliga wurde erst 1994 gegründet. Und Fußballplätze für Freizeitkicker sind in Chinas dicht besiedelten Städten immer noch selten zu finden. Aber: "Trotz vieler Rückschläge in letzter Zeit ist der Fußball in China auf dem richtigen Weg." Der chinesischen Regierung sei nämlich bewusst, dass sie eine "Fußball-Kultur" schaffen muss. Dies könne man auch anhand des langfristigen Reformplans sehen, der 2015 beschlossen wurde. Demnach soll die chinesische Nationalmannschaft der Männer bis 2050 an der Spitze des populärsten Sports der Welt stehen.

China Kinder spielen Fußball

Fußballschule von FC Bayern in der ostchinesischen Stadt Qingdao

Positive Zeichen

Trotz der Defizite auf dem Platz ist Fußball in China bei den Zuschauern eine der beliebtesten Sportarten, vergleichbar nur mit Basketball. In der Saison vor der Pandemie gingen im Schnitt fast 8.000 Fans mehr zu den Spielen der 1. Liga als noch 2010. Im Reformplan von 2015 hat der Ausbau von Fußballschulen besonders hohe Priorität. Bis zum Jahr 2020 soll es im ganzen Land 20.000 Fußballschulen geben, 2015 waren es derer 5000. Die meisten Bundesligisten aus Deutschland sind auch in China sportlich engagiert.

"In diesen Schulen geht es darum, Schülern die Möglichkeit zu bieten, Fußball zu spielen und gleichzeitig in der Schule gut abzuschneiden, was für chinesischen Eltern extrem wichtig ist", sagt Qi Peng, Sportwissenschaftlerin an der Manchester Metropolitan University. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua gab es 2019 sogar schon 27.000 solcher Fußballschulen.

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China Kids auf Schalke

Langer Atem nötig

Auch an den meisten normalen Schulen steht seit den Reformplänen Fußball auf dem Stundenplan. "Ob das alles aber reicht, um eine echte 'Fußballkultur' entstehen zu lassen, wird sich erst in über zehn Jahren zeigen, wenn die nächste Jugendgeneration in den Profifußball einsteigt", meint Leite.

Um an die Weltspitze des Fußballs zu kommen, bleibt China ja noch ein bisschen Zeit. Auf eine Antwort auf die Frage, ob China 2050 eine der besten Mannschaften der Welt stellen könnte, will sich Fußballexperte Leite zunächst nicht festlegen. "Es ist zu früh, um sowas jetzt schon vorherzusagen." Nach einer kurzen Pause setzt er aber nach: "Nein! Ich glaube nicht, dass China an der Spitze sein wird, vielleicht aber unter den Top 20."

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