China und Maos 120. Geburtstag | Asien | DW | 25.12.2013
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Asien

China und Maos 120. Geburtstag

Mao Zetung steht für Chinas revolutionäre Erneuerung und nationale Befreiung, aber auch für katastrophale Gesellschaftsexperimente. Sein Konterfei ist landesweit präsent; bis heute braucht die Partei ihn zum Machterhalt.

Eigentlich hatte Staats- und Parteichef Xi Jinping anlässlich des 120. Geburtstages des ersten Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas am 26. Dezember zu Sparsamkeit und Bescheidenheit aufgerufen. In Maos Heimatort Shaoshan hat man das anscheinend überhört: Für mehrere Projekte im Zusammenhang mit Maos Geburtstag sind nach lokalen Medienberichten Ausgaben in Höhe von knapp zwei Milliarden Euro eingeplant. Dazu gehört die Renovierung eines Tourismuszentrums und von Maos Elternhaus sowie der Bau von Autobahnen und Bahnhöfen. Maos Heimatort in der zentralchinesischen Provinz Hunan will sich offenbar einen möglichst großen Anteil vom Geschäft mit dem Mao-Kult sichern.

Omnipräsenz im Alltag

Mao-Abzeichen aus der Kulturrevolution (Foto: dpa)

Heute beliebte Antiqitäten: Mao-Abzeichen aus der Kulturrevolution

Mao-Porträts baumeln als Glücksbringer an den Rückspiegeln von Taxis oder werden auf Wandkalender gedruckt. Mao-Plaketten aus der Zeit der Kulturrevolution werden für mehrere hundert Yuan als Antiquitäten gehandelt. Auf dem bekannten Seidenmarkt in Peking können ausländische Touristen originale oder nachgedruckte "Mao-Bibeln" mit ausgewählten Texten Maos erwerben.

Maos Konterfei schmückt natürlich auch die chinesischen Geldscheine, sein Porträt hängt zwölf Quadratmeter groß am Tiananmen-Platz in Peking. Und dort ist er auch aufgebahrt: einbalsamiert und in einem gläsernen Sarg in seinem Mausoleum ausgestellt.

In einem populären Witz wacht der "Große Steuermann" eines Tages in seinem Sarg auf. Besorgt richtet er sich auf und fragt: "Was treibt das chinesische Volk jetzt?" Ein Wärter antwortet: "Das chinesische Volk kämpft gegen die Großgrundbesitzer", woraufhin sich Mao beruhigt wieder hinlegt. Der Witz besteht darin, dass vor einigen Jahren ein Onlinespiel namens "Kampf dem Großgrundbesitzer“ ein Renner in China war.

"70 Prozent gut und 30 Prozent schlecht"

Historisch war der Kampf gegen die Grundbesitzer eine der wichtigsten Triebkräfte der chinesischen kommunistischen Bewegung mit Mao als Hauptakteur. Trotz des realen Bauernelends und der Befreiung der Bauern von feudalen Strukturen gehören "die Schauprozesse und Massenhinrichtungen der Bodenreformperiode (1950/51) zu den düstersten Kapiteln" der KPCh, schreibt der Sinologe Oskar Weggel in seinem Standardwerk zur Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert.

Weitere düstere Kapitel sollten folgen. Mao startete Kampagnen, die Millionen Chinesen das Leben kosteten. So endete knapp zehn Jahre nach der Gründung des kommunistischen Chinas Maos Versuch, das Land mit dem sogenannten "Großen Sprung nach vorn" zu industrialisieren, in einer der größten von Menschen verursachten Hungersnot der Geschichte: Schätzungen gehen von rund 30 Millionen Toten aus. Im Jahr 1966 begann Mao die sogenannte "Kulturrevolution", um seine innerparteilichen Widersacher aus dem Weg zu räumen. Ein Jahrzehnt des Chaos mit Tausenden Toten und ungezählten zerstörten Lebenswegen und Familien war die Folge.

Dennoch berufen sich die Mächtigen in Staat und Partei weiterhin auf Mao. Seine überragende Rolle beim Sieg über die japanischen Aggressoren und über die innenpolitischen Gegner von der Kuomintang machten ihn zum unangefochtenen Vorsitzenden der KP Chinas bis zu seinem Tod 1976. Deng Xiaopings Einschätzung, dass das Handeln seines Vorgängers "zu 70 Prozent gut und zu 30 Prozent schlecht" war, ist weiterhin geltende Parteilinie.

Xi Jinping und neuer Mao-Kult

Goldstatue von Mao Zedong (Foto: Imago / China Photo Press)

Auch künstlerisch wird sich Mao genähert

Die aktuelle fünfte Führungsgeneration der KPCh lässt keinerlei Neigung zu einer Aufarbeitung ihrer Geschichte unter Mao erkennen. "Eine Neubewertung von Mao würde an der Legitimität und damit an der Machtstellung der Partei rütteln", analysiert der chinesische Historiker Zhang Lifan in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Beobachter sehen im Gegenteil sogar einen neuen Mao-Kult. Daniel Leese von der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg sagte der dpa, er sei "erschrocken darüber, was sich dort derzeit ideologisch abspielt". Im Staatsfernsehen lasse sich Staats- und Parteichef Xi Jinping zeigen, wie er an "Selbstkritik-Sitzungen" von Parteimitgliedern teilnimmt - "ein Rückgriff auf maoistische Führungsrituale".

Auch der Berliner China-Experte Sebastian Heilmann konstatiert eine Hinwendung zur maoistischen Gedankenwelt: "Die politische Führung will im linken Spektrum der Gesellschaft Unterstützung gewinnen", sagte Heilmann der Deutschen Welle. "Sogar in der südchinesischen Boom-Provinz Guangdong neigen 38 Prozent der Befragten linken Positionen zu. Sie neigen auch zu einer gewissen Mao-Nostalgie. Da geht es auch um die Frage der sozialen Gerechtigkeit, und das sind gewaltige Kräfte, die keine chinesische Führung ignorieren kann.“

Ob Fragen der sozialen Gerechtigkeit jene Künstler inspiriert haben, die zum runden Geburtstag des Revolutionärs eine vergoldete und mit Juwelen versehene Statue angefertigt haben, darf man bezweifeln. Sie zeigt jedenfalls eines: Mao ist im China der reifen kapitalistischen Phase angekommen.