Chelsea kämpft mit den eigenen Fans und Hass im Stadion | Sport | DW | 14.12.2018
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Antisemitismus im europäischen Fußball

Chelsea kämpft mit den eigenen Fans und Hass im Stadion

Beim Europa League-Auftritt in Budapest fallen Fans des FC Chelsea erneut negativ auf. Antisemitische Gesänge schallen durch das Stadion. Trotz aller Maßnahmen - Antisemitismus bleibt ein Problem im Profifußball.

Gerade mal zwei Minuten sind in Budapest gespielt, da legen die gut 1.000 mitgereisten Fans des FC Chelsea los: "Barcelona, Real Madrid, Tottenham are a bunch of Yids", singen sie. "Yids" ist ins Deutsche übersetzt eine äußerst abfällige Bezeichnung für "Jude". Diese hässlichen Töne lassen das Remis der Engländer beim Vidi FC Szekesfehervar völlig in den Hintergrund geraten. Denn die Gesänge bleiben nicht ungehört. Die UEFA prüft Schritte gegen die Londoner, will aber erst den Bericht des Schiedsrichters abwarten.

Sehr viel klarer positioniert sich der Verein selber: Alle diejenigen, die "nicht die Intelligenz aufbringen können, um unsere Botschaft zu verstehen und die den Klub beschämt haben", müssten mit der "stärksten" Reaktion rechnen, die dem Klub zur Verfügung stehe, kündigte der Vereinssprecher nach der Partie an. Erst am Montag hatte der Klub gegen vier Anhänger Stadionsperren verhängt, weil sie den englischen Nationalspieler Raheem Sterling von Manchester City übel rassistisch beschimpft hatten.  

UEFA Europa League - Vidi FC vs Chelsea (imago/S. Paston)

Chelsea Fans beschimpfen Sterling: die Polizei ermittelt wegen Rassimusvorwürfen

Imagekiller Antisemitismus

"Kein internationaler Topklub kann es sich heute noch leisten, solche Aktionen unkommentiert zu lassen", erklärt Dr. Marcus Funck vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin im Gespräch mit der Deutschen Welle, "das ist schlecht für das Image und damit auch fürs Geschäft." Medien und Vereine hätten ein großes Interesse daran, den Fußball als sauberes Produkt zu verkaufen. Das gelte natürlich auch in der Bundesliga, betont Funck.

Roman Abramowitsch (Imago/ITAR-TASS/A. Novoderezhkin)

Unterstützt Kampf gegen Antisemitismus: Chelsea-Chef Abramowitsch

Vereine wie Borussia Dortmund oder Eintracht Frankfurt haben schon seit den 1980er Jahren viel investiert,um rassistische Auswüchse unter den eigenen Fans zurückzudrängen. Gleiches versucht wegen der anhaltenden Probleme auch der FC Chelsea. Unter Klub-Boss Roman Abramowitsch, der selbst Jude ist, macht sich der Verein gegen Rassismus und Antisemitismus stark. Es gibt eine Aufklärungskampagne und Benefizspiele, der Klub versucht die Chaoten in den eigenen Fanreihen bei der Ticketvergabe auszuschließen und gibt den Unverbesserlichen sogar Gelegenheit, die Gedenkstätte in Auschwitz zu besuchen.

"Das ist ein guter Weg. Vor allem für die Fans, die auf der Kippe stehen", sagt Funck und fordert: "Man darf solche Äußerungen und Gesänge nicht als Gedankenlosigkeit durchgehen lassen. Der historische Kontext muss deutlich werden." Er nimmt dabei Bezug auf eine besonders drastische Aktion von Arsenal-Fans, die in den Partien gegen Tottenham das vermeintliche Zischen der Gaskammern imitieren.

Gibt es "fußballspezifischen" Rassismus?  

Gehen solche Fans schon als Rassisten ins Stadion, um sich dort auszuleben, oder werden sie erst durch den auf maximalen Konflikt gebürsteten Sport dazu "hingerissen", Fans und Spieler wüst zu beschimpfen? Über diese zwei Erklärungsmuster diskutiert die Forschung. 

Fest steht, Fußball ist Teil der Gesellschaft, und da ist die jüngste Entwicklung  mindestens besorgniserregend. Für neun von zehn Juden in Europa hat der Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren zugenommen. Das zeigt eine Umfrage, die die Europäische Agentur für Grundrechte kürzlich veröffentlichte. Über 16.000 Menschen in zwölf EU-Ländern haben daran teilgenommen. Wie im europäischen Schnitt sagten in Deutschland 85 Prozent der Befragten, dass Antisemitismus für sie "das größte soziale oder politische Problem" sei. "Es ist einigermaßen logisch, dass das auch in den Fußballstadien zutage tritt", ordnet Funck die Ergebnisse der Umfrage ein.

Um dem beizukommen, sei eine klare Haltung wichtig. Insofern ist der FC Chelsea im Umgang mit den eigenen Fans auf dem richtigen Weg und hat den Ernst der Lage scheinbar erkannt. Die immer wiederkehrenden Vorfälle aber zeigen: Es ist ein langer Weg.  

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