Chaos in Ägypten fördert Menschenhandel | Afrika | DW | 03.09.2013
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Afrika

Chaos in Ägypten fördert Menschenhandel

Unter Ägyptens Chaos leiden nicht nur die Einheimischen. Hunderte afrikanische Flüchtlinge werden auf ihrem Weg nach Israel von Menschenhändlern abgefangen, verschleppt und gefoltert.

Kahassay Woldesselasie wollte einfach nur weg aus Eritrea. Ein neues Leben aufbauen in einem Land, in dem die Bürger nicht so brutal unterdrückt werden wie in seinem ostafrikanischen Heimatland. Eritrea gilt als eines der repressivsten Regime weltweit. Woldesselasie floh zunächst ins Nachbarland Sudan. Dort hörte er von guten Jobs in Israel. Eine Bande bot an, ihn dorthin zu bringen. Woldesselasie willigte ein - und tappte in eine Falle. Menschenhändler verschleppten ihn als Geisel auf die Sinai-Halbinsel in Ägypten. Auf der Reise verbanden sie ihm die Augen, es gab kaum Essen und Wasser. Die Gangster drohten, ihn umzubringen, wenn er kein Lösegeld zahlen würde. "Du hast also keine andere Wahl, als deine Verwandten anzurufen", berichtet er gegenüber der DW. "Wenn sie abnehmen und zahlen, hast du Glück. Wenn nicht, bist du tot."

Ein Grenzübergang an der israelisch-ägyptischen Grenze auf dem Sinai (Foto: Reuters)

Gut gesichert: die Grenze zwischen Israel und Ägypten

Woldesselasie hatte Glück, Familienangehörige aus dem Ausland zahlten. Er konnte gehen und gelangte schließlich über die Grenze nach Israel. Andere hätten dieses Glück nicht, berichtet Hamdy al-Azazy. Der ägyptische Menschenrechtsaktivist lebt in al-Arisch, der Hauptstadt der Region Nordsinai. Er hat eritreische Flüchtlinge getroffen, die wochenlang in Foltercamps gefangen gehalten worden waren. Während ihre Familien am Telefon zuhörten, wurden den Geiseln die Gliedmaßen gebrochen oder angezündet - bis die Familien, die Ärmsten der Armen, versprachen, Geld zu schicken. Wessen Angehörige das nicht können, der landet in der Wüste. Al-Azazy hat in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben mehr als 500 Afrikaner bestattet, deren Überreste in der Wüste gefunden wurden. Seine Religion, sagt der Muslim, fordere das von ihm.

Die Situation ist "dramatisch eskaliert"

Die Sinai-Halbinsel ist schon lange ein Pulverfass. Die einheimische Bevölkerung des Sinai besteht aus arabischen Beduinenstämmen, die dort seit mehreren hundert Jahren siedeln. Heute stellen sie nur noch etwa die Hälfte der rund 500.000 Einwohner. Israel zog sich 1982 aus dem Gebiet zurück und überließ es dem ägyptischen Staat. Dieser habe den Beduinen das beste Land genommen und so bei Vielen Hass auf die zugewanderten Ägypter geschürt, erklärt Günter Meyer. "Das geht zurück auf eine lange Phase der Diskriminierung der beduinischen Bevölkerung", so der Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz. "Für die Ägypter waren die Beduinen gerade im Nordsinai Kollaborateure mit Israel, Drogenschmuggler und völlig ungebildet."

Afrikanische Flüchtlinge sitzen auf dem Boden in einem illegalen Flüchtlingslager auf der Sinai-Halbinsel (Foto: Ahmad Abu Dirah)

Flüchtlinge, die ihren Peinigern entkommen konnten

Meyer betont jedoch, dass es sich bei den Menschenhändlern um kriminelle Banden handle, an denen nur eine Minderheit der Beduinen beteiligt sei. Durch den Arabischen Frühling wurden die Sicherheitskräfte auf der Sinaihalbinsel geschwächt, was den Menschenhändlern mehr Spielraum ließ. Die Situation sei bis heute weiter "dramatisch eskaliert", sagt Meyer. Wie viele Flüchtlinge in Folterlagern im Sinai festgehalten wurden und werden, wie viele gestorben sind - dazu gibt es keine Zahlen. 2012 kamen nach Angaben der israelischen Regierung mehr als 10.000 Menschen illegal über die Sinai-Grenze nach Israel, die meisten aus Eritrea und dem Sudan. Doch in Israel - einst selbst von Einwanderern gegründet - sind die Flüchtlinge auch nicht willkommen. Sie haben kaum Chancen, politisches Asyl zu erhalten. Die israelische Regierung hat mittlerweile einen mehr als 200 Kilometer langen Schutzzaun auf dem Sinai fertiggestellt. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres kamen nur noch 33 Flüchtlinge über die Grenze. Ob sich seit dem Zaunbau auch weniger Menschen in Afrika auf den gefährlichen Weg gemacht haben, ist allerdings unklar. Auch, wie sich die neue Grenzsicherung auf den grausamen Menschenhandel in der Sinai-Halbinsel ausgewirkt hat.

Kaum internationale Unterstützung

Internationale Unterstützung bekommen die Flüchtlinge laut Menschenrechtler Hamdy al-Azazy kaum, nicht einmal vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. "Die schreiben ihre Berichte aus ihren klimatisierten Büros in Kairo", klagt er. "Keiner ist vor Ort und kann die Lage beurteilen. Ich bin der Einzige hier mittendrin und allein der ganzen Gefahr ausgesetzt." Es gab mehrere Anschläge auf ihn, sagt er. Sein Büro wurde verwüstet, seine Kinder wurden angegriffen.

Ein afrikanischer Flüchtling sitzt auf einer Mauer in Tel Avivs Levinsky Park (Foto: Ashley Gallagher)

Gestrandet: Im Levinsky-Park in Tel Aviv leben viele afrikanische Flüchtlinge unter freiem Himmel

Al-Azazy erhebt außerdem schwere Vorwürfe gegen die ägyptischen Sicherheitskräfte. Opfer, die aus den Händen der Menschenhändler entkommen konnten, würden wie Kriminelle behandelt und eingesperrt, weil sie illegal im Land seien. Die Drahtzieher des Menschenhandels lebten hingegen unbehelligt in großen Villen. "Diese Mafia wird von der Armee und der Polizeiführung unterstützt. Die Menschenhändler zahlen eine Menge Schmiergeld, damit sie die Flüchtlinge ungehindert auf den Sinai bringen können", sagt al-Azazy.

Der Eritreer Kahassay Woldesselasie würde sich auf keinen Fall noch einmal auf diese Reise begeben. Er fühlt sich auch in seiner neuen Heimat Israel nicht wohl. Woldesselasie hofft, dass eines Tages Frieden in Eritrea herrschen wird und er zurückkehren kann.

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