Champions-League-Finale: Jürgen Klopp und der ganz große Coup | Sport | DW | 24.05.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Champions League

Champions-League-Finale: Jürgen Klopp und der ganz große Coup

Das Lachen. Die Brille. Der Bart. Jürgen Klopp ist längst eine eigene Marke und ein Trainer von Weltruhm. Dabei hat er einmal ganz klein angefangen. Gelingt ihm im Champions-League-Finale von Kiew das Meisterstück?

 UEFA Champions League Halbfinale | AS Rom - FC Liverpool - Jürgen Klopp (Getty Images/J. Finney)

Publikumsliebling: Klopp arbeitete sich in Liverpool schnell in die Fanherzen

Neulich an der Anfield Road: Jürgen Klopp sitzt in seinem schicken, in warmen Rot- und Beige-Tönen gehaltenen Manager-Büro, zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass er mit seinem FC Liverpool im Finale gegen Real Madrid (Anstoß am Samstag, 20.45 Uhr MESZ, ab 20.30 Uhr im DW-Liveticker) nach dem Sieg in der UEFA Champions League greifen wird. Jürgen Klopp wird interviewt, in diesem Fall von "Sky"-Moderator Jörg Wontorra. In diesem Raum haben schon einige TV-Teams ihre Kameras und Lampen aufgebaut, der britische Star Gary Lineker war zum Beispiel als "Presenter" auch schon hier und ließ sich von Klopp die England-Karte an der Wand erklären. Damit er als Deutscher immer wisse, wo er zu den Spielen hin solle, witzelte der Hausherr. Und Lineker fragte prüfend, wo denn auf der Karte Tottenham Hotspur sei. Mittelgroßer Klopp-Lacher. Tottenham ist ein Stadtteil von London.

Also, da saß nun Jürgen Klopp, diesmal vor der anderen Wand mit den historischen Aufnahmen und wurde auf einen Mann angesprochen, den die Fans in Liverpool verehren wie sonst niemanden. Der Mann hieß Bill Shankly. Und Klopp wurde gefragt, ob er für die jüngeren Leute mal erklären könne, wer dieser Shankly eigentlich war. Da verweigert sich der Trainer: "Also, ich hoffe nicht, dass man vielen erklären muss, wer Bill Shankly war. Der soll mal googeln."

"Stolz, ein 'Scouser' genannt zu werden"

Großbritannien FC Liverpool Bild Trainer Jürgen Klopp & Statue von Bill Shankly (Imago/Sportimage)

Die Statue von Bill Shankly an der Anflied Road. Den Klopp gibt es bislang auf Video, aber noch nicht aus Bronze

Für die, die nicht googeln wollen: William 'Bill' Shankly war ein schottischer Fußballspieler und hat später als Trainer den FC Liverpool groß gemacht. Er war hier Club-Manager von 1959 bis 1974 und führte die "Reds" aus den Tiefen der Zweitklassigkeit an die Spitze auf europäischer Ebene. 1973 brachte er dem Klub den ersten internationalen Titel: im UEFA-Cup-Finale gegen Borussia Mönchengladbach. Shankly war Liverpool, dabei startete er als Schotte hier eigentlich als Fremdling - wie Klopp. "Obwohl ich ein Schotte bin, wäre ich doch stolz, ein 'Scouser' genannt zu werden", sagte Shankly, der 1981 in Liverpool starb und dem sie dort ein Bronzedenkmal gebaut haben. "Scouse", das ist dieser harte, selbst für viele Engländer schwer verständliche Dialekt, den die Menschen hier in Merseyside sprechen.

Und ähnlich wie Klopp war Shankly für seine Sprüche bekannt: "Um für Liverpool gut genug zu sein, dann sollte ein Spieler bereit sein, durch eine Wand für mich zu laufen, um dann auf der anderen Seite weiterzukämpfen", so eine der Shankly-Empfehlungen. Oder: "Es gibt Leute, die denken, Fußball sei eine Sache auf Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist." Man könnte die Philosophie dahinter als frühe Version des "Heavy-Metal-Fußballs" bezeichnen, der dem Deutschen nachgesagt wird.

Heiß auf das nächste Spiel

Klopp selbst hat seine Auffassung von gutem Fußball im Gespräch mit Lineker anders beschrieben. Die Zuschauer heiß auf das nächste Spiel zu machen, das ist es, was Klopp will. Noch wenn die Fans aus dem Stadion strömen, sollen sie sich auf den nächsten Besuch freuen, es nicht abwarten können. Fußball als Suchtmittel in positivem Sinne, dafür will Klopp stehen. Echte Liebe, nicht nur im Ruhrgebiet.

Die Liebe zu diesem Spiel um den Ball hat Klopp mitgebracht. Er hat sie irgendwo auf den Amateurfußballplätzen Deutschlands eingeatmet und sich zu eigen gemacht. Jürgen Klopp war einmal selbst Fußballer, lange mit mäßigem Erfolg und nicht besonders viel Talent. Gegen Ende seiner Karriere schaffte er es immerhin in die zweite Bundesliga. Auch als Trainer begann er ganz klein, als 21-Jähriger war er Übungsleiter der D-Jugend von Eintracht Frankfurt. Beim FSV Mainz 05 begann dann sein steiler Aufstieg als Coach, der bei Borussia Dortmund mit Meistertiteln (2011, 2012), einem Pokalsieg (2012) sowie dem Erreichen des Champions-League-Finals (2013) seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Das alles will Klopp nun in Liverpool toppen. Der Champions-League-Titel wäre die Krönung einer Karriere, die wohl nur sehr wenige so erwartet haben. 

"In Klopp we trust"

Bildkombination. Sport, Fußball: Trainer Klopp und Shankly (picture-alliance/dpa/S.Paston Imago/Colorsport)

Zwei Trainer, eine Geste: Jürgen Klopp und sein legendärer Trainer-Vorgänger beim FC Liverpool, Bill Shankly

Und mit seiner offenen, meist gut gelaunten Art begeistert er die Menschen dort. Viele englischen Fans schätzen ihn und seine geradlinige Art. "In Klopp we trust", steht auf manchen Spruchbändern - höher geht es kaum. Aber tiefer schon, das weiß niemand besser als Klopp selbst. "Ein Fakt ist, wenn du hier nach Liverpool kommst: Alle sehnen sich hier nach Titeln", sagt er und weiß: Wenn er nichts gewinnt, dann hilft das ganze Lächeln nichts.

Aber nun hat er eine Chance, anders als in der zurückliegenden Saison in der Premier League. Zusammen mit diesem Ensemble, deren Frontleute Mohammed Salah, Roberto Firmino und Sadio Mané es in dieser Champions-League-Saison auf 29 Tore gebracht haben. Insbesondere der Erfolg Salahs wird auch Jürgen Klopp zugeschrieben. Der AS Rom würde sich den Stürmer in dieser Form zurückwünschen.

Eine moderne Version

Als Jürgen Klopp im Oktober 2015 in Liverpool antrat, machte er auf Understatement. "Ich bin ein ganz normaler Typ. Ich komme aus dem Schwarzwald", erzählte er - in Abgrenzung zum eher Trainer-Kollegen José Mourinho, genannt "the special one", positionierte sich Klopp lächelnd als "the normal one." Eigentlich ist dieser Satz das beste Beispiel dafür, dass manche Klopp-Sprüche gut, aber nicht immer vollständig wahr sind. Spätestens, wenn er die "Königlichen" von Real in der Champions League in den Schatten stellt, wird der 50-Jährige als Trainer endgültig "very special" sein. Eine moderne Version des legendären Bill Shankly, wie es jetzt der frühere Liverpool-Spieler Mark Lawrenson sagte. Ein Triumph in Kiew würde aber auch eine für Liverpooler Fans potentiell schmerzhafte Frage aufwerfen: Bleibt Klopp angesichts des nicht mehr zu steigernden Erfolgs oder nimmt er seinen Hut? Denn eins ist klar: Die Liste der Vereine, die Klopp sofort mit Kusshand nehmen würden, ist lang. Sehr lang. 

Die Redaktion empfiehlt