Chamenei gegen Impfstoffe aus dem Westen | Asien | DW | 13.01.2021
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Iran

Chamenei gegen Impfstoffe aus dem Westen

Der Iran soll keine Vakzine aus Deutschland, USA oder Großbritannien importieren, entschied Ayatollah Chamenei. Sie hätten massive Nebenwirkungen.

Seit vergangenem Samstag berichtet Irans staatliches Fernsehen über die angeblich schweren Folgen von Impfungen im Ausland mit den Mitteln von BioNTech/Pfizer und AstraZeneca/Universität Oxford. Die Rede ist von "Dauerlähmungen" und "schweren Hirnschäden". Damit soll für die Bevölkerung das Importverbot begründet werden, das religiöse Führer Ali Chamenei kurz zuvor erlassen hatte.

"Amerikanische und englische Impfstoffe dürfen für den Iran weder gekauft noch hier verwendet werden", sagte Chamenei am vergangenen Freitag. "Wenn die USA zuverlässige Impfstoffe haben, warum sterben dann so viele Menschen in dem Land?", fragte der Kleriker, der seit Februar 2020 unter strengsten Hygienemaßnahmen lebt.

Bereits im 2020 März hatte der 80-jährige Ayatollah das Corona-Virus als biologische Waffe der USA bezeichnet, das für den Einsatz im Iran genetisch verändert worden sei. Schuld an der raschen Verbreitung des neuen Virus im Iran seien auch die USA und ihre Sanktionen gegen den Iran. Corona-Impfstoffe aus "sicheren Herkunftsländern" wie China, Russland oder Indien dürften hingegen importiert werden, erklärte der religiöse und Führer jetzt, der in allen politischen Fragen von nationaler Bedeutung das letzte Wort hat.

Der Wissenschaftsjournalist Homayoun Kheyri, der für britische Medien arbeitet, sieht weniger ideologische als handfeste finanzielle Überlegungen hinter der Intervention Chameneis. "Das Land kann nicht jedes Jahr gigantische Summen für den Import von westlichen Impfdosen bezahlen", sagte er gegenüber der DW. Unter den Bedingungen der Sanktionen sei der Iran gezwungen, einen eigenen Impfstoff zu entwickeln. Daran arbeiteten iranische Forscher seit Beginn der Pandemie.

Kritik vom Volk, Lob von Politikern

Chamenei geht mit keiner Silbe darauf ein, dass der Impfstoff von BioNTech/Pfizer eine deutsche Entwicklung ist. Zudem ist der deutsch-türkische Mediziner Ugur Shahin, Mitgründer des Unternehmens BioNTech und maßgeblich an der Entwicklung des Impfstoffes beteiligt, im Iran seit langem bekannt. Im November 2018 wurde Shahin im Iran der Mustafa-Preis verliehen.

Dieser Wissenschafts- und Technologiepreis wird alle zwei Jahre an Spitzenforscher und -Wissenschaftler der Mitgliedsstaaten der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) verliehen wird. Der mit 500.000 US-Dollar dotierte Preis soll als Gegenstück der islamischen Welt zum Nobelpreis gelten.

"Der Ayatollah ist blind vor Hass auf die USA", kritisieren viele iranische User in sozialen Netzwerken dessen Impfpolitik. Kein Politiker wagt allerdings, Chamenei zu widersprechen oder Kritik zu üben, im Gegenteil. Der für seine Schmeicheleien bekannte Gesundheitsminister Saeed Namaki bezeichnete Ayatollah Chamenei als "weisen Vater der Nation", dessen Ratschlägen Folge geleitet werden müsse.

Der Abgeordnete Hussein Kanani lobt den religiösen Führer und behauptet, im Impfstoff der Engländer und Amerikaner wären GPS-Tracker eingebaut. Damit sollten die Iranerinnen und Iraner kontrolliert werden)  "Unsere Bürger sind keine Versuchskaninchen der Engländer und Amerikaner", ließ der vom religiösen Führer ausgewählte Justizchef Ibrahim Raisi am Montag verlauten.

Kein Politiker wagt Chamenei zu widersprechen oder Kritik zu üben

Kein Politiker wagt Chamenei zu widersprechen oder Kritik zu üben

Gleichzeitig wird bekannt, dass der Iran und Kuba ein Impfstoff-Abkommen unterzeichnet haben. Das Abkommen erlaubt Kuba, die klinische Prüfung seines Impfstoffs im Iran durchzuführen, also die Tests an Menschen. "Ach so, wir sind Versuchskaninchen der Kubaner", spotteten prompt die Iraner in sozialen Netzwerken.

Verunsicherung der Bevölkerung wird verstärkt

"Das allgemeine Vertrauen der Bevölkerung in die Behörden war von Anfange an nicht besonders hoch. Nun wird es noch schwieriger für uns", sagt der iranische Arzt Hadi Yazdani im Gespräch mit der Deutschen Welle. Der Allgemeinmediziner ist seit Anfang der Corona-Pandemie im Iran im Dauereinsatz und nun frustriert. "Meine Patienten wollen sich nicht impfen lassen. Sie glauben den Behörden nicht. Wir stecken in einer Sackgasse und viele Kollegen sind verzweifelt".  Laut offiziellen Zahlen sind über 200 Ärzte im Iran an den Folgen einer COVID-19-Erkrankung gestorben.

Video ansehen 03:33

Alles fast wie immer in Teheran trotz steigender Infektionszahlen

Nach Angaben der iranischen Ärztekammer haben seit Beginn der Pandemie mehr als 3000 Ärzte das Land verlassen. Ein herber Rückschlag für das Land, das wegen des Missmanagements der Regierung besonders stark von der Corona-Pandemie betroffen ist.

Die Behörden haben fast alles, was sie falsch machen konnten, falsch gemacht: Am Anfang wurde verschwiegen und geleugnet, dann ließ man es an Aufklärung und hygienischen Maßnahmen fehlen, Verschwörungstheorien wurden verbreitet und absurde Scheinlösungen vorgestellt. Dazu gehört der"Corona-Detektor" der Revolutionsgarden . Der war angeblich in der Lage, in Sekundenschnelle das Corona-Virus zu lokalisieren und zu vernichten.

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