Europa in Sichtweite | Europa | DW | 22.08.2018
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Migration

Europa in Sichtweite

In den Bergen von Marokko warten Tausende Flüchtlinge auf ihre Chance, den Grenzzaun der Enklave Ceuta zu stürmen. Spanien ist zum Hauptziel afrikanischer Migranten geworden. Oliver Sallet berichtet aus der Grenzregion.

In kleinen Schritten läuft Moussa zurück in sein Versteck, den Kopf hält er geduckt, damit er nicht aus dem Gebüsch ragt. Er will nicht von der marokkanischen Polizei gesehen werden, die gnadenlos Jagd macht - auf ihn und seine Freunde. Dank seiner Armeejacke im Camouflage-Muster ist er im Busch der marokkanischen Berge kaum zu erkennen. Dennoch finden sie sein Versteck immer wieder, egal wie gut es getarnt ist.

Auch an diesem Morgen ist die Polizei wieder in das Hochtal gekommen, in dem Moussa und seine Freunde schon seit einem halben Jahr leben. Wieder einmal haben die Beamten alles zerstört, was sie finden konnten: Die Pappkartons, auf denen die jungen Männer schlafen, liegen in Stücke gerissen über den Boden verteilt. Darauf die wenigen Lebensmittel, die sie auf der nahen Müllkippe gefunden haben. Zerrissene Nudelpackungen, ein paar schimmlige Kartoffeln. "Seht her", ruft Moussa und zeigt auf die Überreste eines mit Stroh gefüllten Stoffsacks, der mal seine Matraze gewesen ist. Aufgeschnitten und ausgeleert liegt er jetzt im dem Gebüsch, das sie zu ihrem Lager gemacht hatten.

Aufgeben? Niemals!

Das Leben hier sei die Hölle, sagen sie. Aber jetzt aufgeben käme nicht in Frage. Entweder sie schafften es über den Zaun von Ceuta, erklärt Moussa oder sie blieben hier - inschallah, so wahr ihnen Gott helfe. Sie alle haben Schreckliches erlebt auf dem Weg durch die Sahara. Niemals würden sie wegen der verhassten sechs Meter Stacheldraht jetzt aufgeben - egal was ihnen die marokkanische Polizei auch antue, egal wie tief die Schnitte seien, die sie bei ihren Versuchen den Zaun zu stürmen holten. Wie oft Moussa es bereits versucht hat, lässt sich auf seinen Unterschenkeln sehen: Jeder Versuch hinterlässt seine Narben. Moussas Beine sind voll davon.

Der Zaun von Ceuta ist acht Kilometer lang und sechs Meter hoch. Im messerscharfen Natodraht hängen Kleiderfetzen der letzten Sturmversuche wie eine Warnung für jeden, der es noch versuchen möchte. Doch die Verlockung ist groß, das Versprechen Europa in Blickweite. Zusammen mit der zweiten spanischen Enklave Melilla ist der Zaun von Ceuta die einzige EU-Grenze auf afrikanischem Boden. Nirgendwo sonst kommen afrikanische Flüchtlinge näher an EU-Gebiet heran, ohne ihr Leben auf dem Mittelmeer riskieren zu müssen. 

Spanien Massenansturm auf spanische Exklave Ceuta (picture-alliance/dpa/AP/J. Moron)

Traum Europa: Sturm auf den Zaun im Februar 2017

Auf der spanischen Seite des Zauns sollen Alfonso Cruzado und seine 600 Kollegen von der Guardia Civil diese Grenze sichern - doch das gelingt in letzter Zeit nicht immer. Spätestens seit die neue Regierung in Italien ihre Grenzen und Häfen dicht gemacht hat, ist die so genannte westmediterrane Route zum wichtigsten Weg nach Europa geworden. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind bis Mitte Juli 18.000 Menschen über Spanien nach Europa gekommen. Weitere 3000 hätten versucht, über die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla in die EU zu gelangen. Die Zahl der Flüchtlinge auf der westmediterranen Route habe sich seit 2017 verdreifacht, stellt die IOM fest.

Grenzüberwindung mit allen Mitteln

Das bekommen jetzt auch die spanischen Grenzbeamten zu spüren. Ende Juli gelang es mehr als 600 Migranten den Zaun zu überwinden. Das gab es bereits zuvor, aber dieses Mal seien die Migranten "so brutal wie nie zuvor" gewesen, sagt Cruzado. Nachdem sie den Zaun mit Enterhaken erklommen hatten, bewarfen sie die Beamten mit Ätzkalk, Säure und selbst gebauten Flammenwerfern. Die Polizei musste auf Abstand bleiben, und den Flüchtlingen gelang der größte Sturm auf Ceuta seit anderthalb Jahren.

Spanien Hunderte Flüchtlinge stürmen in spanische Nordafrika-Enklave (imago/Agencia EFE/Reduan)

Sieg über den Zaun: Ende Juli schafften es mehr als 600 Flüchtlinge nach Ceuta

"Bossa, Bossa" riefen sie damals, als sie in das Auffanglager CETI gebracht werden. "Sieg" über den Zaun. Die Bilder von den Hunderten frenetisch feiernden Flüchtlingen aus Subsahara-Afrika gehen um die Welt. Für die meist unter 20 Jahre alten Männer endet ein mehrjähriges Märtyrium: Viele von ihnen sind auf dem Weg durch die Sahara nur knapp der Versklavung entgangen. Nach Jahren der Flucht glauben sie jetzt ihr Ziel erreicht zu haben. Doch wie es weiter geht, ist völlig ungewiss. Das Auffanglager platzt aus allen Nähten. Ein Jahr müssen sie hier bleiben, dann dürfen sie weiter aufs spanische Festland. Einen Antrag auf Asyl stellen hier nur die wenigsten - kaum jemand von ihnen kann mit einem positiven Bescheid rechnen.

Das falsche Signal

Für die 80.000 Einwohner-Stadt Ceuta ist der Druck unterdessen kaum noch tragbar. Im Rathaus von Ceuta beklagt Stadträtin Mabel Deu, dass Ceuta zwar die Außengrenzen der EU in Afrika sichere, mit den Problemen jedoch weitgehend im Stich gelassen werde. Dass jetzt auch noch der neue sozialistische Außenminister Fernando Grande-Marlaska den Nato-Draht vom Zaun holen möchte, treibt vielen im konservativ geführten Rathaus von Ceuta den Angstschweiß auf die Stirn. Es sei das falsche Signal an die vielen Tausend Migranten in den Bergen von Marokko: Sie hätten gar nicht die Kapazitäten, um jeden hier aufzunehmen, sagt die Stadträtin. Die Migranten müssten die Grenzen doch respektieren. Der Zaun sei dafür unverzichtbar.

Marokko - Die Reise sub-Saharischer Afrkanischer Immigranten nach Marokko (DW/I. Talbi)

Die spanische Enklave Ceuta leidet unter dem Druck der Migration

Der Zaun könne ihm die Beine zerschneiden, ihn aber nicht aufhalten, so sieht es Moussa. All seine Freunde hätten es bis nach Ceuta geschafft. "Was soll ich denn jetzt hier machen? Ich bleibe so lange hier, bis ich auch reinkomme", sagt Moussa und ihm ist klar, dass er das Bollwerk nur gemeinsam mit Hunderten anderer Flüchtlinge bezwingen kann.

Doch die meisten seiner Freunde sind jetzt weg, haben es beim letzten großen Sturm im Juli auf die andere Seite geschafft. Es kann lange dauern, bis sich eine neue Gruppe findet, die einen neuen Sturm vorbereitet. Logistik und Geld braucht es, dazu Werkzeuge und die selbst gebauten Waffen. Niemand könne den Druck verstehen, der auf ihm lastet, sagt Moussa: Seit dem Tod seines Vaters ist die Mutter mittellos, nicht mal Geld zum Essen habe sie. "Ich bin der älteste Sohn und ich bin losgefahren, um meine Familie zu unterstützen", erklärt er. Schon seit zwei Jahren warten sie zuhause in Guinea auf finanzielle Unterstützung von Moussa und er will sie nicht enttäuschen.