Cees Nooteboom - Meister der Erinnerung | Bücher | DW | 31.07.2018
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Literatur

Cees Nooteboom - Meister der Erinnerung

Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki nannte ihn einen "großen europäischen Schriftsteller" und seine Romane und Gedichte eine Reise durch Raum und Zeit. Der in Deutschland hochangesehene niederländische Autor wird 85.

 Cees Nooteboom | Schrifsteller (picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst)

Cees Nooteboom 2016 auf der Frankfurter Buchmesse

"Es ist eine Eigenart der Zeit, dass sie später so kompakt erscheint, als ein unteilbarer, massiver Gegenstand, als eine Speise mit nur einem Geruch und nur einem Geschmack." Cees Nooteboom, der am 31. Juli 85 wird, hat in seinem Leben alles getan, um diese Beobachtung aus seinem Roman "Rituale" Lügen zu strafen. Jedenfalls kann man vermuten, dass seine eigene Lebenszeit auch in der Erinnerung nach vielem schmeckt: Nach Krieg, nach Abenteuer, nach Erfolg. Der historischen Schwere Berlins, der frischen Amsterdamer Luft und der südlichen Wärme Menorcas. Dass sie die Duftmarken aller Kontinente in sich trägt.

Der niederländische Schriftsteller wurde 1933 in Den Haag geboren und bekam eine ordentliche Namenslast in die Wiege gelegt: Cornelis Johannes Jacobus Maria Nooteboom. Cees (gesprochen "Kees") ist eine Kurzform von Cornelius, auf den Rest der Vornamen verzichtete er später gern. Er war Klosterschüler, verließ die Schule ohne Abschluss, trampte 1953 durch Europa und ließ sich vier Jahre später als Leichtmatrose nach Surinam einschiffen.

Journalist, Lyriker und Erzähler

1955 erschien sein Debütroman "Philip und die anderen", 1956 der erste Gedichtband, "Die Toten suchen ein Haus". "Philip und die anderen" erhielt den Anne-Frank-Preis und gehört in den Niederlanden mittlerweile sogar zur Schullektüre. Einen Namen machte sich Nooteboom aber zunächst vor allem als Reiseschriftsteller, mit Reportagen über den Ungarnaufstand 1956 oder, im letzten Jahr als Redakteur bei der Zeitung "De Volkskrant", die Pariser Studentenunruhen 1968.

Den internationalen Durchbruch als Erzähler schafft er erst 1980 mit seinem dritten Roman "Rituale", der 1985 auf Deutsch erschien. In der Hauptfigur des dreiteiligen Romans, Inni Wintrop, lassen sich autobiografische Einfärbungen des Autors erkennen: Die katholische Erziehung, die ihn prägte, die Schule, die Inni als Zwangsanstalt durchleidet und die er ohne Abschluss verlässt, der Verlust des Glaubens. Hier zeigt sich ein Grundthema von Nootebooms Romanen: Die Versuche der Hauptfiguren, dem scheinbar sinnlosen, kompliziert strukturierten Leben eine rettende Form zu verleihen.

Berlin in der Hauptrolle

Zu Berlin hat Cees Nooteboom eine tiefe Beziehung. Schon 1963 war er einmal in das damals streng geteilte Berlin gereist und mit einem Gefühl der Angst durch Deutschland gefahren. Von Anfang 1989 bis Juni 1990 hielt er sich auf Einladung des Künstlerprogramms des DAAD über ein Jahr in der Stadt auf. Als im November 1989 die Mauer fiel, stand der Schriftsteller am Checkpoint Charlie und beobachtete die historischen Ereignisse: "Langsam strömen die Trabis durch die Grenze... Die Menschen weinen oder gucken ganz verblüfft, als sei es nicht wahr."

Die Maueröffnung beschreibt er im sechsten Kapitel seiner "Berliner Notizen", die vor ihrer Veröffentlichung in Buchform 1990 schon in niederländischen und deutschen Zeitungen erschienen waren. Nooteboom reiste durch Ost- und Westdeutschland, besuchte Städte, geschichtsträchtige Plätze, Gebäude und Denkmäler, die ihm helfen sollten, Deutschland zu verstehen. Dabei faszinierte ihn die Dynamik der sich scheinbar unkontrolliert entfaltenden Ereignisse: "Das Volk singt schneller als seine Denker... und ist auf den Geschmack seines eigenen Liedes gekommen."

Das geteilte Berlin spielte auch die Hauptrolle in seinem Roman "Allerseelen", den er 1998 vorlegte. Die spätere Hauptstadt ist darin Projektionsfläche für Nootebooms philosophische Geschichtsbetrachtung der gleichzeitigen An- und Abwesenheit der Vergangenheit. Das Werk, das schon ein Jahr später auf Deutsch erschien, wurde von deutschen Kritikern als "großer europäischer Roman" gefeiert. In den Niederlanden wurde es weniger freundlich aufgenommen, es sei passagenweise monologisierend, uferlos und klischeehaft.

Kosmopolit und Globetrotter

Cees Nooteboom sitzend vor einem Bücherregal. (Getty Images)

Cees Nooteboom 2006 in Spanien

Grenzgänge zwischen Leben und Tod unternahm er 2009 in seinem Erzählungsband "Nachts kommen die Füchse". "Der Umweg nach Santiago" (1992) mit den Fotos seiner zweiten Frau Simone Sassen verrät schon im Titel, dass es dem Verfasser stets mehr um den Weg als um das Ziel ging. Für Nooteboom erschließt das Werk das spirituelle Erbe der iberischen Halbinsel - inklusive seiner christlichen Tradition. In den "Briefen an Poseidon" (2012) setzt er 23 Mal an, um die Welt in einer blühenden Agave oder dem Klappern von Eselshufen auf Menorca erlebbar zu machen.

Der Dichter ist immer ein Reisender geblieben, bis heute. Seine Reisen über alle Kontinente dokumentierte er in Essays. Nooteboom pendelt zwischen Amsterdam und seinem Haus auf der Baleareninsel und ist auch sonst noch viel unterwegs, wie sein Lektor Raimund Fellinger berichtet: "Im nächsten Jahr wird ein neues Buch über Venedig vorliegen."

Lyrischer Grenzverkehr mit den Toten

Nootebooms Anerkennung ist in Deutschland weit größer als in seiner Heimat, wo er trotz seines Frühwerks ein Außenseiter geblieben ist. Seine Bücher verkaufen sich hier besser. Im Frühjahr erschien bei Suhrkamp ein zweisprachiger Gedichtband, "Mönchsauge". Es geht darin um den Umgang mit Toten - ein dichterischer Grenzverkehr, in dem der Dichter die Verbindung zum Diesseits beschwört: "Stille, Rauchen, Schreiben, Stille, das Licht über der Düne / doch der Turm jetzt menschenleer".

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