Deutsche Cannabis-Bauern müssen weiter warten | Wirtschaft | DW | 20.11.2018
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Medizinalhanf

Deutsche Cannabis-Bauern müssen weiter warten

Cannabis-Anbau im Auftrag des Staates - etliche Unternehmen haben sich auf eine Produktionslizenz beworben. Doch nachdem ein Vergabeverfahren bereits platzte, könnte es nun zu weiteren Verzögerungen kommen.

Mindestens drei Firmen sollen in Deutschland Medizinal-Gras für den deutschen Staat anbauen. Schon seit Frühjahr 2017 sucht das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nach geeigneten Cannabisproduzenten. Sie sollen unter staatlicher Kontrolle Gras für medizinische Zwecke in Deutschland anbauen. 

Nach bereits mehreren Rückschlägen könnte sich die Vergabe der Anbau-Aufträge weiter verzögern. So hat das BfArM eine Angebots-Frist nochmals verlängert. Diese sollte am heutigen Dienstag (20.11.) enden - nun sollen potenzielle Cannabis-Anbauer drei Wochen mehr Zeit bekommen, um ihre Pläne einzureichen. "Es gab weitere Nachjustierungen im laufenden Ausschreibungsverfahren", berichtet Hendrik Knopp, Chef der deutschen Niederlassung des kanadischen Grasproduzenten Aphria. Man wolle wohl nun sichergehen, dass auch alle potenziellen Anbauer die gleichen Chancen haben. Auf DW-Nachfrage heißt es beim BfArM, dass man aus vergaberechtlichen Gründen keine weiteren Angaben machen könne.

Die erste Ausschreibung scheiterte

Abweichungen vom Zeitplan beobachtet Knopp ganz genau. Schon einmal hatte er sich auf eine Anbaulizenz beworben, viel Geld und Energie in den Antrag gesteckt. Im Frühjahr des vergangenen Jahres stoppte ein Gericht die erste Ausschreibung wegen eines Formfehlers. Damals hatten sich mehr als 100 Unternehmen beworben. Nun sollen es mehrere Hundert sein, so Knopp im DW-Interview.

 Hendrik Knopp - Deutschland-Chef von Nuuvera (DW/N. Martin)

Hendrik Knopp im März 2018 kurz vor der Gerichtsverhandlung, bei der das erste Auschreibungsverfahren gekippt wurde.

Ursprünglich sollte schon im Jahr 2019 das erste Mal im Auftrag des Deutschen Staates Medizinalhanf geerntet werden. Doch nach dem Scheitern der ersten Ausschreibung heißt der neue Richtwert für die erste deutsche Grasernte 2020. Um dieses Ziel zu erreichen, will das BfArM in der ersten Jahreshälfte des kommenden Jahres den Zuschlag erteilen. Hendrik Knopp hält es aber nicht für ausgeschlossen, "dass auch diesmal wieder eine lange rechtliche Auseinandersetzung bevorsteht." Eine Klage gegen das Vergabeverfahren sei bereits wieder anhängig.

Schon im Frühjahr dieses Jahres kritisierten mit dem Thema befasste Personen, die Verzögerung beim Anbau von Medizinalhanf. Dadurch würde sich das Angebot in Deutschland weiter verknappen, warnte der Deutsche Hanfverband. Patienten und Apotheken berichteten von Engpässen.

Wer füllt die Lücke?

Bevor Cannabis als Medizin im Jahr 2016 anerkannt wurde, hatten nur rund 1000 Kranke eine Ausnahmegenehmigung. Die Bundesregierung war bei der Neuerung von 700 zusätzlichen Patienten jährlich ausgegangen. Doch seitdem Ärzte Cannabis bei Vorliegen einer genauen Begründung frei verschreiben dürfen, sind die Zahlen deutlich schneller gestiegen. Branchenexperten sprechen von 15.000 bis 30.000 Cannabis-Patienten, genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Cannabis wird als Spray, Tropfen und in Blütenform verschrieben. Die Wirkstoffe können Übelkeit nach Chemotherapien, Schmerzen bei Krebserkrankungen oder Spastiken bei Multipler Sklerose lindern. Da wissenschaftliche Studien fehlen, ist die Wirkung von Cannabis-Präparaten nach wie vor umstritten.

Die bisherige Versorgung mit Blüten wird vor allem durch Importe geregelt. Die kamen früher vor allem aus den Niederlanden und nun zunehmend auch aus Kanada. Dort ist seit 2001 der medizinische Nutzen legal. Rund um Cannabis hat sich eine Industrie formiert. Große Getränkehersteller beteiligen sich an Cannabisfirmen, und Unternehmen wie Aurora, Canopy Growth oder Tilray werden an der Börse hoch gehandelt.Die Konzerne aus Kanada kaufen Anbauflächen, Forschungseinrichtungen und Start-ups rund um den Globus auf. Auch in den USA erwarten Cannabis-Unternehmen satte Gewinne, doch anders als die kanadischen Unternehmen dürfen sie nicht exportieren, da Cannabis nicht bundesweit freigegeben ist. Für die Kanadier ist Deutschland ein weiteres Puzzleteil im globalen Cannabismarkt geworden.

Andere europäische Länder ziehen nach

Seit Mitte Oktober hat Kanada als erstes G7-Land den Freizeitkonsum freigegeben. Davon profitiert auch Aphria, der Mutterkonzern von Hendrik Knopps Deutschland-Niederlassung. Das Unternehmen gilt als drittgrößter kanadischer Produzent von Cannabis-Pflanzen. Seit der Legalisierung arbeite man unter Hochdruck, um die Nachfrage zu bedienen, berichtet Knopp. "Das erhöht auch den Druck auf Deutschland, das wegen der Anbau-Verzögerung auf Importe angewiesen ist". Nach Knopps Argumentation könnte es deshalb wieder verstärkt zu Engpässen in Deutschland kommen. "Die ersten kanadischen Unternehmen konnten bereits nicht fristgerecht nach Deutschland liefern."

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Berauschendes Geschäft

Die zweite Ausschreibung des BfArM hat bereits auf die steigenden Patientenzahlen reagiert und die Produktionsmenge erhöht auf nun über zehn Tonnen in vier Jahren. Doch Experten gehen davon aus, dass auch diese Zahlen mit der Nachfrage nicht mithalten werden.

Während Deutschland mit juristischen Feinheiten beim Cannabis-Anbau kämpft, preschen andere europäische Länder weiter vor. Neben Großbritannien und den Niederlanden vergibt nun auch Dänemark Anbaulizenzen für medizinische Zwecke. Polen und Frankreich planen die Freigabe von medizinischem Cannabis im nächsten Jahr. Der Unternehmer Hendrik Knopp sieht Deutschland beim Anbau deshalb zunehmend auf verlorenen Posten im internationalen Vergleich. "Wir waren die Ersten in Europa, nun sieht es so aus, dass wir die Letzten sein könnten."

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