Camp Moria: Kinder denken an Selbstmord | Flucht nach Europa | DW | 20.09.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Minderjährige Flüchtlinge

Camp Moria: Kinder denken an Selbstmord

Das Flüchtlingscamp auf Lesbos ist berüchtigt. Statt wie geplant 3000 leben dort fast 9000 Menschen. Selbst Kinder im Lager sind suizidgefährdet, warnt Florian Westphal von "Ärzte ohne Grenzen".

Deutsche Welle: Sie warnen davor, dass ein Viertel der Kinder, die sie in Moria therapieren, über Selbstmord nachdenkt. Was macht den Kindern am meisten zu schaffen?

Florian Westphal: Das sind verschiedene Dinge. Die meisten dieser Kinder sind ja aus Kriegsgebieten geflohen - aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, der Republik Kongo. Dann haben sie verschiedentlich schlimme Dinge auf der Flucht erlebt. Und letztendlich sind es diese katastrophalen Lebensbedingungen in Moria selbst. Das Camp ist völlig überfüllt.

Man muss sich das so vorstellen, dass dort manchmal eine Mutter mit zwei, drei Kindern monatelang in einem ganz kleinen Zelt haust. Dass die Menschen völlig unzureichend medizinisch versorgt sind. Ganz schlimm gerade für die Kinder ist auch, dass sie oftmals gar nicht geschützt werden. Nachts ist das Camp mehr oder weniger eine rechtsfreie Zone. Es kommt immer wieder zu gewalttätigen Angriffen, zu Vergewaltigung, sexueller Misshandlung auch von Kindern.

Deutschland Florian Westphal Ärzte ohne Grenzen (Ärzte ohne Grenzen/Barbara Sigge)

Florian Westphal, Geschäftsführer der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen"

DW: Wie alt sind die Kinder, von denen wir sprechen?

Florian Westphal: In unseren Gruppentherapien sind Kinder vor allem von sechs bis 18 Jahren, Mädchen und Jungen gemischt. Ganz viele dieser Kinder haben entweder Selbstmord schon versucht oder denken darüber nach oder haben sich selbst verletzt. Ich habe gesehen, dass sie sich mit Rasierklingen die Arme aufschlitzen und Ähnliches. Es sind vor allem Teenager, die es betrifft. Die Kollegen vor Ort berichten, dass allein letzte Woche vier Teenager gekommen seien, die versucht hatten, sich umzubringen oder zumindest ernsthaft daran gedacht haben, oder die sich verletzt haben.

Letzte Woche kam auch eine irakische Frau. Sie berichtete von ihrer Tochter, die so viel Angst hat, dass sie im Camp nur noch mit einem Messer bewaffnet herumläuft, und mit dem Messer unter dem Kissen schläft. Sie wird gegenüber ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester zunehmend aggressiv, weint aber auch die ganze Zeit zwischendurch nur. Das Mädchen ist praktisch kaum noch ansprechbar.

DW: Weshalb sind keine Sicherheitsdienste in den Lagern? EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos erklärte ja vor einiger Zeit: Geld sei kein Problem. Griechenland habe ausreichend finanzielle Unterstützung erhalten.

Florian Westphal: Das ist eine gute Frage. Es ist völlig unerklärlich, dass es möglich sein kann, die Menschen zum Leben in diesem Lager zu zwingen, dann aber nicht für ausreichende Sicherheit zu sorgen. Für einige Frauen und Kinder gibt es einen geschützten Bereich. Allerdings ist das Vertrauen in den privaten Sicherheitsdienst nicht groß und es gibt dort nicht genügend Platz für alle. Ganz viele Frauen und Kinder berichten, sie würden sich nachts einfach nicht trauen, auf die Toilette zu gehen. Eine Toilette wird übrigens von 60 bis 70 Personen benutzt.

Griechenland: Flüchtlingscamp auf Lesbos (picture-alliance/AP Photo/P. Taskmakis)

Katastrophale Zustände im Lager Moria auf Lesbos

DW: Wie werden die Kinder und Jugendlichen therapiert?

Florian Westphal: Was wir unter diesen Umständen in unserer Klinik vor den Toren Morias anbieten können, ist ein erstes Gesprächsangebot, eine Gruppentherapie. Dort geben wir den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, sich auszudrücken, indem sie Bilder malen und indem sie nicht nur ihr eigenes Schicksal beschreiben. Man gibt ihnen die Möglichkeit, das Erlebte auf eine fiktive Persönlichkeit zu projizieren, weil das leichter ist, dann darüber zu sprechen.

Aber das ist natürlich keine "ausgebildete" medizinische Behandlung von Menschen, die wirklich erkrankt sind. Das können wir dort nicht leisten. Wir haben ganz deutlich appelliert, dass die Kinder und besonders vulnerable Personen, insbesondere auch Folteropfer, so schnell wie möglich aus Moria weggebracht werden müssen. Der Schutz und die medizinische Versorgung dieser Menschen muss im Vordergrund stehen.

Florian Westphal ist Geschäftsführer der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen". Die Nichtregierungsorganisation betreibt beim Flüchtlingslager Moria auf Lesbos eine Kinderklinik.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema