Bundeswehr: Von Rechts verdrängt | Deutschland | DW | 03.07.2020
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Rechtsextremismus

Bundeswehr: Von Rechts verdrängt

Die Bundeswehr hat massiv mit rechtsextremen Umtrieben zu kämpfen. Die DW hat mit einem jungem Mann gesprochen, der sie aus genau diesem Grund verlassen hat.

Bei einem langen Spaziergang im Berliner Tiergarten berichtet der ehemalige Bundeswehrsoldat von seiner Dienstzeit. Mit gemischten Gefühlen, wie er sagt. Er spricht langsam, wählt seine Worte vorsichtig, macht lange Pausen. Jung sei er beim Eintritt gewesen, gerade 18, gerade fertig mit der Schule. Zwei Jahre blieb er dabei, dann ist er ausgestiegen. Zu viel habe ihn gestört, belastet, abgestoßen.

Es habe mit einem antisemitischen Witz begonnen, beim Bier nach dem Dienst. "Es ging dann um die lange Nase bei Juden und sonstige Sachen. Und dann hat ein anderer gesagt: 'Was? Es gibt noch Juden? Ich dachte, wir hätten die alle ausgerottet. Da müssen wir uns nochmal drum kümmern.'"

Unser Gesprächspartner erzählt, er sei damals geschockt und unsicher gewesen, wie er reagieren soll. Keiner der anderen Kameraden habe widersprochen. Also schwieg auch er. Vielleicht ein Einzelfall, habe er gedacht.

Einzelfälle, die zum Muster werden

Doch die Vorfälle häufen sich. Es ist 2015, inmitten der Flüchtlingskrise, Angela Merkels "Wir schaffen das" ist noch keine paar Wochen alt. Da habe ein Kamerad voller Stolz erzählt, wie er mit seinem Bruder einige Geflüchtete aus dem nahe gelegenen See vertrieben habe.

Rechtsextremismus in der Bundewehr (DW/A. Höhn)

Im Berliner Tiergarten spricht der ehemalige Soldat über seine Erfahrungen bei der Bundeswehr

Das erste Mal mischt sich der ehemalige Soldat ein, fragt, ob der andere das ernst meine. "Ich kam gerade ganz frisch in die Einheit. Ich war jung. Der andere hat gemerkt, ich will was bewegen - und er will es unterdrücken. Da habe ich tatsächlich das erste Mal Angst verspürt. Als Soldat sollte man aber nie Angst vor seinen eigenen Kameraden haben."

Kameradschaft sei etwas sehr Enges, gehe über Freundschaft hinaus. Man verlasse sich aufeinander, im Gefecht und auch sonst. "Wenn man da aber dann ein Verräter ist, ein 'Kameradenschwein', dann erlebt man die persönliche Hölle auf Erden", stellt er nüchtern fest. Der soziale Druck untereinander sei enorm, man wolle nicht auffallen, denn wer auffalle, werde aussortiert.

Politik zu zaghaft?

Diese Beschreibungen klingen für Florian Pfaff nur allzu vertraut. Der Major außer Dienst ist Sprecher des Bundeswehr-kritischen Verbandes "Darmstädter Signal", ein Zusammenschluss ehemaliger Soldaten.

Video ansehen 04:13

Kritik unerwünscht? - Rechtsextremismus in der Bundeswehr

"Wenn Sie es selbst erlebt haben, dass die Vorgesetzten von ihnen verlangen, das Recht zu brechen, dass sie aufgefordert werden, Straftaten zu decken, wenn Sie zu solchen Dingen gezwungen werden," erklärt er im Skype-Interview, "dann sagen Sie natürlich, das sind ja nicht Einzelfälle, die ausreißen, sondern es sind sehr viele Vorgesetzte auf sehr hohen Ebenen und bis in den Bereich der Politik hinein."

Diese sei beim Anpacken von strukturellen Problemen in der Truppe bestenfalls zaghaft, meint Pfaff. Und das, obwohl in den vergangenen Jahren immer wieder rechtsextreme Umtriebe in den Reihen der deutschen Armee bekannt wurden.

Unerwünschte Meldungen

Dass hinter dem Verschweigen System steckt, habe er schnell gemerkt, meint der ehemalige Soldat. Dennoch entscheidet er sich dazu eine Meldung abzusetzen, als es ihm zu weit geht: Ein Rekrut beschimpft den schwarzen Bürgermeister der Nachbarstadt mit dem N-Wort.

Er sei zu seinem Zugführer gegangen und habe eine Anzeige getätigt. Eine Eingabe, wie es im Bundeswehrjargon heißt. Sein Kompaniechef fragt ihn daraufhin, ob er denn nicht wisse, dass besagter Kamerad sich freiwillig für die Flüchtlingshilfe gemeldet habe, als Not am Mann war. "Ich habe gesagt, dass mir das natürlich nicht bewusst war, aber man kann auch A sagen und B machen."

Kurze Zeit später wird er krank. Während der Zeit seiner Krankschreibung kommen per Post die Entlassungspapiere. Treibende Kraft dahinter: sein Kompaniechef. "In mir drin wusste ich, mein Kompaniechef, der will noch etwas werden. Das war ein Karriere-Mensch. Und wahrscheinlich war meine Aussage der Punkt in seinem Lebenslauf, der ihm diese Karriere vielleicht hätte verlangsamen können", sagt er.

Neue Hoffnung für Kritiker?

Konfrontiert mit den Erfahrungen des ehemaligen Soldaten erklärte das deutsche Verteidigungsministerium, dass es "antisemitisches, fremdenfeindliches und extremistisches Verhalten jeglicher Art von Angehörigen der Division der Bundeswehr verurteilt".

Von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer heißt es: "Jeder, der schweigt, ist Teil des Problems und macht sich mitschuldig." Das Ministerium sagt, es werde nun Schritte unternehmen, um das Problem anzugehen.  

Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer (Reuters/F. Bensch)

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, hier mit Generalinspekteur Eberhard Zorn, will durchgreifen

Tatsächlich könnte es Grund zur Hoffnung auf Reformen geben. Ein Brandbrief von einem Soldaten aus der Elitetruppe der Bundeswehr, dem Kommando Spezialkräfte, setzte Einiges in Gang. Kramp-Karrenbauer stellte der Einheit ein Ultimatum: Nach den rechtsextremistischen Vorfällen hat sie nun vier Monate Zeit, sich neu aufzustellen.

Für den ehemaligen Soldaten kommt dieses neue Problembewusstsein für strukturellen Rechtsextremismus zu spät. Er kämpfte nicht gegen seine Entlassung und kehrte der Bundeswehr 2017 schließlich den Rücken. Jetzt hofft er, dass sich die Dinge endlich ändern werden. Denn trotz der schlechten Erfahrungen hat er eine klare Vision für die Bundeswehr: 

"Eine offene, eine ehrlichere Bundeswehr und auch eine Bundeswehr, die sich um Soldaten kümmert, die den Mund aufmachen und sagen, da stimmt was nicht. Und nicht die Soldaten entlässt, weil sie unbequem werden." Sollte das passieren, würde er vielleicht sogar wieder in die Bundeswehr zurückkehren.

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