Bundespräsident Steinmeier beklagt ″Verlust an Vernunft″ | Aktuell Deutschland | DW | 05.03.2019
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Demokratie

Bundespräsident Steinmeier beklagt "Verlust an Vernunft"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnt in einer Rede in der American Academy in Berlin vor einer "Zersetzung der Demokratie". Die Medien hätten eine große Verantwortung, mahnte er.

Frank-Walter Steinmeier bei der Verleihung des Henry-Kissinger-Preis 2015 (Foto: picture-alliance)

Frank-Walter Steinmeier in der American Academy im Jahr 2015

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat einen "grassierenden Verlust an Vernunft" in der heutigen Zeit beklagt, der zur Gefahr für die Demokratie werde. "Die Zersetzung der Vernunft ist der Anfang der Zersetzung der Demokratie", sagte er nach einem vorab verbreiteten Redemanuskript in der American Academy in Berlin. Dort würdigte Steinmeier den amerikanischen Historiker Fritz Stern. Der 2016 verstorbene deutsch-amerikanische Historiker und Publizist emigrierte 1938 wegen seiner jüdischen Abstammung von Deutschland in die USA.

Steinmeier wies darauf hin, dass Stern Angst vor der "Verachtung der Vernunft" gehabt habe, "die wir heute in vielen Teilen der Welt und auch bei uns zuhause beobachten". Dies sei ein Warnsignal.

Fritz Stern (Imago/Hoffmann)

Wurde vom Bundespräsidenten gewürdigt: Fritz Stern

Eine große Herausforderung sieht Steinmeier in der rasanten Veränderung der Kommunikation und des Informationsverhaltens. Er warnte, Häme, Hass und Härte vieler Online-Kommentare gingen an der Gesellschaft nicht spurlos vorüber. "Sie tragen zu einer Radikalisierung in unserem demokratischen System bei." Hinzu komme das Phänomen einer durch technische Hilfsmittel oder auch von außen manipulierten Debatte. "Die bloße Abbildung und Verstärkung von Stimmungen - ob aus individueller Neigung oder aus manipulativen politischen Interessen - ist eine wirkliche Gefahr unseres digitalen Zeitalters."

Journalismus stärke den Weitblick

"Der geschärfte Verstand ist die beste Versicherung gegen Manipulation und Manipulierbarkeit", betonte Steinmeier, der in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Medien hervorhob. Ein unabhängiger professioneller Journalismus habe eine große Verantwortung für die Kraft der Vernunft in der Gesellschaft. "Damit meine ich nicht jene Medien, die Nachrichten selbst fabrizieren und inszenieren, sondern einen Journalismus, der die politische Urteilskraft unserer Gesellschaften durch Objektivität, Kontextualisierung und Weitblick stärkt."

Steinmeier mahnte Geduld mit der Demokratie an, auch wenn diese manchen Zeitgenossen zu schwerfällig erscheine. "Sie ist eine langsame, bedächtige, aber eben auch eine nachhaltige Staatsform, vielleicht die einzige, die Freiheit ermöglicht und Freiheit schützt." Allerdings müsse auch die Demokratie Bereitschaft zur Veränderung zeigen. "Hüten wir uns davor, unsere Regierungsform allzu statisch zu sehen. Es reicht nicht, nur defensiv den Status quo zu verteidigen. Alles um uns herum verändert sich. Auch politische Systeme. Wenn wir sie erhalten wollen, müssen wir die Demokratie auch im Futur denken."

jmw/jj (dpa, kna)

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