Buchtipp: 5 literarische Klassiker | Bücher | DW | 19.12.2017
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Bücher

Buchtipp: 5 literarische Klassiker

Der Klassikerboom auf dem deutschen Buchmarkt hält an. Berühmte Romane werden neu übersetzt, vergessene Werke bekannter Autoren gar erstmals veröffentlicht. Jochen Kürten stellt seine fünf Favoriten vor.

Henry James: Lady Barbarina

In Zeiten kriselnder Beziehungen zwischen Europa und den USA lohnt die Lektüre von Henry James wieder ganz besonders. Geboren in New York, gestorben in London, gilt James wie kein zweiter Autor von Weltrang als Spezialist für das Verhältnis zwischen "altem" und "neuem" Kontinent. Der 1843 in einer reichen Familie geborene Henry James war Amerikaner, fühlte sich aber von der Kultur und Lebensweise des "alten Europa" eher angezogen als von heimatlichem Wirtschafts- und Profitdenken. Das schlug sich in seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen nieder.

Der schmale Roman "Lady Barbarina" liegt nun erstmals in Deutsch vor, allein das ist eine kleine literarische Sensation. Die Geschichte, die James erzählt, ist nicht sonderlich spektakulär, es geht, wie in so vielen Romanen jener Zeit, um die Mühen einer Eheanbahnung. Hier ist es der amerikanische Arzt Jackson Lemon, der sich in London in eine britische Aristokratin verliebt und sie nach einigen Wirren und Mühen vor den Altar führt. Die beiden ziehen in Jacksons Heimat, wo Lady Barbarina mit ihrem neuen Umfeld sichtlich fremdelt. Für heutige, aufgeklärte, westeuropäische Leser mag das Thema Ehefindung befremdlich erscheinen. Doch wenn ein Roman gut geschrieben ist, dann kann auch ein solches literarisches Sujet noch hundert Jahre später faszinieren. Und James ist ein glänzender Stilist. Allein das zentrale Eheanbahnungsgespräch, das Jackson mit seinem künftigen Schwiegervater führt, ist literarische Feinkost: Die Dialoge sind grandios, Scherz, Satire und Ironie halten sich die Waage - das pure Lesevergnügen.

Henry James: Lady Barbarina, Deutsch von Karen Lauer, 224 Seiten, Dörlemann Verlag, ISBN 978-3-03820-045-8

 

Jerome K. Jerome: Drei Mann in einem Boot - Ganz zu schweigen vom Hund!

Lesevergnügen im besten Sinne des Wortes bietet auch der Roman "Drei Mann in einem Boot - ganz zu Schweigen vom Hund!" des englischen Autors Jerome K. Jerome. In einer Neuübersetzung von Gisbert Haefs liegt das Buch nun in der Klassiker-Reihe des Manesse-Verlags vor. Nach vielen Jahrzehnten hat diese bekannteste deutsche Klassiker-Edition der Weltliteratur in diesem Herbst ein neues Kleid verpasst bekommen. Die Bücher sind immer noch handlich klein und fein ausgestattet, vom gewohnten Einband mit Gemälde und Farbband hat sich der Verlag aber zugunsten einer modernen grafischen Optik verabschiedet. Hauptsache der Inhalt bleibt!

Mit "Drei Mann in einem Boot" liegt nun ein Roman-Klassiker des britischen Humors wieder vor. Drei Freunde (mitsamt Hund Montgomery) bereisen per Boot die Themse. Was sie dabei erleben, erzählt Jerome in unnachahmlich heiterer Manier. Harald G. Martenstein vergleicht den Humor des Briten in seinem Nachwort mit Loriot. Das trifft es ganz gut. Der Witz ist trocken, absurd und nie platt. Die Reise der drei Herren ist durchzogen von Missgeschicken, Unfällen und unvorhergesehenen Momenten. Man muss nur die Passage lesen, in denen die drei Freunde versuchen, eine Büchse ohne entsprechendes Werkzeug zu öffnen - grandios!

Jerome K. Jerome: Drei Mann in einem Boot - Ganz zu schweigen vom Hund!, Deutsch von Gisbert Haefs, 384 Seiten, Manesse-Verlag, ISBN 978-3-7175-2440-3

 

Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz

Eine der schönsten literarischen Entdeckungen des Jahres 2017 ist sicherlich der Memoirenband "Monsieur Nicolas oder Das Enthüllte Menschenherz" des französischen Autors Rétif de la Bretonne. Im Original hat das Werk rund 5000 Seiten, der deutsche Übersetzer Reinhard Kaiser und sein Verlag haben sich auf 600 konzentriert, immer noch reichlich Lesestoff. Doch die Lektüre lohnt unbedingt.

Was kann uns ein Autor, dessen Leben das 18. Jahrhundert umspannte (von 1734 bis 1806), der in der französischen Provinz geboren wurde und sich viele Jahre dort aufhielt, um höchstens einmal nach Paris zu reisen, heute sagen? Sehr viel, denn Bretonne, der seine Lebenserinnerungen erst in hohem Alter zu Papier brachte, ist ein glänzender Chronist der eigenen Vita. Und die war prall, bunt, voller Anekdoten - und so liest sich dieses Buch dann auch.

Wahrlich alles zu notieren, was passiert, dieses literarische Credo steht für moderne (Kult-)Autoren wie den Norweger Karl Ove Knausgård. Mit ihm wird de la Bretonne inzwischen häufig verglichen: ein Knausgård des 18. Jahrhunderts freilich. Der Franzose, der auch als "Casanova vom Lande" bekannt wurde, erzählt uns von seinen zahllosen Eroberungen innerhalb der Damenwelt. Doch prahlt er damit nicht - Liebesleid gehört unbedingt und oft dazu. Die "Bekenntnisse" des Jean-Jacques Rousseau waren das Vorbild des Burgunders und mit ihnen kann de la Bretonne sich durchaus messen. Goethe, Schiller und Humboldt haben den Franzosen, der über 200 Bücher veröffentlichte, geschätzt. Will man etwas über das normale Leben im Europa des 18. Jahrhunderts wissen, dann greife man zu diesem Band. Das ist mindestens ebenso fruchtbar wie die Lektüre dicker historischer Wälzer über die Zeit.

Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz, Deutsch von Rainhard Kaiser, 720 Seiten, Galiani Verlag, 978-3-86971-161-4

 

Walt Whitman: Jack Engles Leben und Abenteuer

Als "eine Autobiografie, in der der Leser einige ihm wohlvertraute Figuren wiederfinden wird", erschien 1852 der Fortsetzungsroman "Jack Engles Leben und Abenteuer" in einer New Yorker Zeitung. Der Verfasser blieb anonym. Erst vor kurzem fand ein fleißiger Literaturdoktorand heraus, dass es sich bei dem Text um ein frühes Werk des amerikanischen Schriftstellers Walt Whitman handelt. Das Buch erschien über 160 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung auf Zeitungspapier erstmals in den USA in Buchform.

Whitman, berühmt und vielgerühmt für sein lyrisches Hauptwerk "Grashalme", ist 2017 in Deutschland gleich in zwei Verlagen herausgekommen, ein dritter Verlag hat den Roman für 2018 angekündigt. Drei Übersetzungen lassen sich so vergleichen, ein seltenes literarisches Ereignis. "Jack Engles Leben und Abenteuer" ist eine an Charles Dickens angelehnte Aufsteigergeschichte eines jungen Mannes im New York des 19. Jahrhunderts, ein wenig rührselig, aber auch ironisch und verspielt heiter. Ein Buch für Fans von Whitman, vor allem aber ein Beweis für den ungebrochenen Trend zum literarischen Klassiker - der auch Nebenwerke von großen Schriftstellern auf die Büchertische zaubert.

Walt Whitman: Das abenteuerliche Leben des Jack Engles, Deutsch von Stefan Schöberlein, 192 Seiten, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, ISBN 978-3-946990-06-2; ders.: Jack Engles Leben und Abenteuer, Deutsch von Renate Orth-Guttmann und Irma Wehrli, 186 Seiten, Manesse Verlag, ISBN 978-3-7175-2450-2; 2018 erscheint der Roman außerdem bei dtv, übersetzt von Jürgen Brôcan.

 

Iwan Bunin: Ein Herr aus San Francisco

Begonnen haben wir mit Henry James, der von amerikanisch-europäischen Begegnungen erzählt, enden wollen wir mit Iwan Bunin und seinem Buch "Ein Herr aus San Francisco". Auch dabei handelt es sich um eine Erzählung (innerhalb eines Bandes mit kürzeren Geschichten), die beide Welten literarisch miteinander verbindet. In der Titelgeschichte des vorliegenden Buches stellt Bunin den Lesern einen Amerikaner vor, der mit Frau und Tochter auf die italienische Trauminsel Capri reist - und dort von dannen geht. Ein Jahrzehnt nach Thomas Manns "Tod in Venedig" eine Art "Tod auf Capri".

Doch Bunin, 1933 erster Literaturnobelpreisträger seines Landes, geht es nicht um ein elegisch-melancholisches Abschiednehmen. Die Kleinfamilie reist "um der Zerstreuung Willen" nach Capri und die lebt der Amerikaner auf seiner Reise nach Italien auch erst einmal aus. Melancholisch wird nur die Tochter kurz nach Erreichen des Eilands: "Schwermut presste ihr plötzlich das Herz zusammen, ein so heftiges Gefühl von Einsamkeit auf dieser fremden, dunklen Insel, dass sie beinahe weinen musste." Den Vater ereilt der Tod ausgerechnet im Leseraum des Hotels.

Die hier vorliegenden Erzählungen im achten Band der vorzüglichen Bunin-Werkausgabe des Verlags sind neu ins Deutsche übertragen worden. Dass auch von den großen Autoren des vergangenen Jahrhunderts immer wieder solche literarischen Schätze ausgegraben und den Lesern präsentiert werden, ist ein großes Glück für jeden Freund der Literaturgeschichte - nicht nur zur Weihnachtszeit.

Iwan Bunin: Ein Herr aus San Francisco, Deutsch von Dorothea Trottenberg, 240 Seiten, Dörlemann Verlag, ISBN 978-3-03820-047-5

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