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Politik

Handelskriege in Zeiten des Brexit

Barbara Wesel
5. März 2018

Über den Schatten von Donald Trump und Handelskriege, Theresa Mays Brexit-Wunschkonzert, die auffällige Abwesenheit von Boris Johnson, eine Reise zum Fisch und einen schweren Anfall von Nostalgie.

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Donald Trump
Bild: picture alliance/AP Photo/Luca Bruno

Groß und bedrohlich lag der Schatten von Donald Trump über der jüngsten Brexit-Rede von Theresa May. Denn sie war für den letzten Freitag angesetzt, als der Präsident gerade locker einen globalen Handelskrieg losgetreten hatte. Inzwischen sind wir ein paar Schritte weiter und die Sache wird schlimmer statt besser. Trump erklärte, Handelskriege seien ganz leicht zu gewinnen und er wolle auch deutsche Autos mit Strafzöllen belegen. Viele davon werden zwar in den USA produziert, aber er hat sich nie für Einzelheiten interessiert. Und Theresa May fand sich in der scheußlichen Lage, den US-Präsidenten um Vernunft bitten zu müssen. Was bekanntermaßen nichts nützt.  

Es ist ein Elend, schließlich war der Reiz des freien Welthandels eines der Hauptargumente für den Brexit. Man erinnert sich an die Erklärung von dessen Unterstützern, Großbritannien müsse sich nur von den Fesseln der EU befreien, um großartige Handelsabkommen mit der ganzen Welt abzuschließen, ganz besonders mit den USA. Nach einem Geheimpapier der Regierung in London hätte mindestens die Hälfte dieses Brexit-Bonus aus einer Freihandels-Vereinbarung mit Washington entstehen sollen. Damit kann man den Briten nur noch viel Glück wünschen. 

Theresa May und der Brexit als Wunschkonzert

Schon vor Mays Rede waren genug Einzelheiten nach außen gedrungen, um die Erwartungen zu dämpfen. Aber vielleicht würde sie wenigstens ein kleines Kaninchen aus dem Hut zaubern? Die Optimisten wurden allerdings enttäuscht. Was sie stattdessen bot, war die komplette Hit-Liste ihrer beliebtesten Brexit-Slogans: Großbritannien möchte "eine tiefe und besondere Beziehung", "die Kontrolle zurückholen", "reibungslosen Handel" und so weiter. Dann zählte die Premierministerin noch einmal auf, was sie alles nicht will: keine Zollunion, keinen Binnenmarkt und keine harte Grenze in Nordirland.

Und sie erklärte, wie sie sich die Welt nach dem Brexit vorstellt. May möchte ein ganz "spezielles Abkommen" mit der EU, wonach Großbritannien manche EU-Regeln etwa für Autos oder Medikamente weiter einhalten und sich damit den Zugang zum Binnenmarkt sichern würde. Andere Vorschriften, etwa in der Landwirtschaft, möchte London aber nach Belieben ändern und die Waren an den Rest der Welt verkaufen. Das ist die Methode Wunschkonzert.

Alan Gilbert
Theresa May möchte sich die Musik und das Orchester zum Brexit gerne selbst aussuchen Bild: Getty Images/AFP/A. Weiss

Sie möchte auch eine ganz besondere "Zollvereinbarung", die den Briten einerseits die Vorteile der Zollunion mit der EU bewahrt, ihnen aber gleichzeitig erlaubt, Handelsabkommen mit Drittländern abzuschließen. Und sie würde gern Mitglied in einigen ausgesuchten EU-Agenturen bleiben. Das ist der zweite Teil des Wunschkonzerts.

Gleichzeitig aber betonte die Premierministerin, müsse eine harte Grenze in Nordirland dringend vermieden werden. Man bräuchte einfach smarte Technologie, die den Inhalt aller Laster und die Köpfe aller Grenzgänger schon vorab scannen könnte, und fertig wäre die total unsichtbare Grenze. Abgesehen davon, dass es so eine Technik nicht gibt und die EU sich nicht darauf einlassen kann, ihre Außengrenze sperrangelweit offen zu lassen - prima Idee.

Mays gesammelte Wünsche waren dennoch gewürzt mit einem kleinen Schuss Realität: "Ein paar harte Entscheidungen müssen getroffen werden." Und es gibt einen tollen neuen Slogan: Das Brexit-Abkommen soll "mutig und ehrgeizig" sein. Sie versteht das als Aufforderung an die EU. 

UK Außenminister Boris Johnson
Boris Johnson denkt über die Grenze in Irland nach, während er durch London renntBild: Getty Images/L. Neal

Wo war Boris?

Boris Johnson glänzte durch Abwesenheit, während Theresa May ihre bahnbrechende Rede hielt. Er hatte vorher allerdings noch schnell eine kleine Handgranate geworfen und in einem Brief Zweifel geweckt am guten Willen der Regierung in Sachen nordirische Grenze. Was spricht eigentlich gegen eine Grenze, es könnte ja eine weichere Grenze sein, irgendwie nur so ähnlich wie eine Grenze? Das Karfreitags-Abkommen würde doch wohl ein paar Schilder, Zöllner und Schlagbäume aushalten.

Um sein Argument weiter zu untermauern, gab er noch ein Radio-Interview. Und da hatte er dann die Eingebung, die künftige Grenze in Nordirland mit der zwischen den Londoner Bezirken Islington und Camden zu vergleichen. Die sei ja auch unsichtbar, oder? Trotzdem würde durch Nummernschild-Erkennung Geld von allen Autofahrern für die City-Maut abgebucht. Es ist alles ganz einfach! 

Ob Boris diesen Geniestreich bei seinem Lauf durchs verschneite London ausgebrütet hat? Danach verschwand er jedenfalls zu einem wichtigen Treffen nach Ungarn. Im Außenministerium heißt es, seine Mitarbeiter würden Boris ständig auf Reisen schicken, damit er weniger Unheil anrichten kann. Aber er schafft das auch in den kurzen Zwischenräumen zu Hause. 

Dänemark Brexit-Chefunterhändler der EU Michel Barnier auf Fischkutter
Michel Barnier verspricht den Fischern Arbeit auch nach dem Brexit Bild: Getty Images/AFP/H. Bagger

Reden wir über Fisch 

Michel Barnier ist Brexit-Chef-Unterhändler für die EU und der Inbegriff eines Diplomaten: Immer sehr höflich, sehr gut angezogen und betont geduldig, zeigt er nur selten seinen Unmut über die wolkigen Ideen der Briten. Er scheint perfekt in der Rolle des Mannes, der seine Tage in den Konferenzräumen von Brüssel verbringt.

Am Wochenende aber wollte er wohl Luftveränderung und unternahm eine kleine Fahrt auf einem dänischen Fischkutter. Für ihn war das eine ungewöhnliche Reise in die Realität, denn die dänischen Fischer machen sich Sorgen, ob es für sie nach dem Brexit noch Fisch zu fischen geben wird. Michel Barnier beruhigte sie, obwohl man über Quoten und Fanggründe noch lange nicht verhandeln wird. Der Fisch kommt in Brüssel erst auf den Tisch, wenn der finale Kuhhandel über Waren, Marktzugang und Ähnliches im Gange ist. Das einzige Versprechen, das man also derzeit machen kann, ist: Auch nach dem Brexit wird es Fisch geben, irgendwie. 

100 Jahre Haus Windsor | Churchill u. Königliche Familie Mai 1945
Winston Churchill bei der Siegesfeier 1945 - die Rolle des Champagners dabei ist unklar Bild: picture-alliance/akg-images

Prost für ein Pint Champagner

Winston Churchill soll sie geliebt haben: Champagnerfläschchen in der Größe eines britischen Pint. Und ihre mögliche Rückkehr wurde letzte Woche als tolle Errungenschaft gefeiert: "Prost auf den Brexit", titelte die stets enthusiastische Zeitung "The Telegraph". Die Rückkehr von Champagner in der Pint-Flasche wird die britischen Massen garantiert auf den Brexit einschwören. Wenn man sich nämlich keine ganze 0,7 Flasche leisten kann, reicht das Geld ja vielleicht für 0,56 Liter, ein ordentliches Bierglas voller Schampus? 

Von Churchill jedenfalls wird berichtet, er habe sich als Premierminister bei seinem Kampf gegen Hitler zwischen Frühstück und Mittag gern mit ein paar Gläschen Champagner gestärkt. Und er bevorzugte die Pint-Flaschen, so geht die Anekdote, weil seine Frau Clementine unglücklich gewesen wäre, hätte er täglich eine große Flasche getrunken. Ihn selbst aber hätte es unglücklich gemacht, nur ein kleines halbes Fläschchen zu haben. Und so hat er dann am Ende den Krieg gewonnen.  

Die kleine Geschichte macht einmal mehr klar, wie viel der Brexit mit Nostalgie zu tun hat. Es geht um die guten alten Zeiten, als britische Pässe noch blau waren und Champagner aus Pint-Flaschen floss. Leider können die Cheerleader für das ewig Gestrige nicht die Uhr zurückdrehen. Das britische Weltreich ist untergegangen und Winston Churchill ruht weiter in seinem Grabe. 

Kartoffelchips
Was nach dem Brexit übrig bleibtBild: Bilderbox

Nur eine Tüte Chips bleibt übrig

Und noch eine Anmerkung aus dem Reich des Kulinarischen: Ein früherer hoher Beamter der Regierung verglich im Interview die Folgen des Brexit mit dem Tausch eines Drei-Gänge-Menüs gegen eine Tüte Kartoffelchips. Martin Donelly war Mitarbeiter im DExEU, dem Brexit-Ministerium. Was er dort erlebte, muss ihn so wenig überzeugt haben, dass er glaubt, den Briten werde am Ende nicht mehr bleiben als eine jämmerliche Tüte Chips. Die Briten sagen übrigens "Crisps" zu dem gesundheitsschädlichen Knabberzeug, und zumindest das kann ihnen keiner nehmen.