Brexit, die Märkte und die Chaostheorie | Wirtschaft | DW | 16.01.2019
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Brexit

Brexit, die Märkte und die Chaostheorie

Nur das britische Pfund zuckte ein wenig. Börsen in London und auf dem Kontinent reagieren gelassen, die in Asien gar nicht, die Wall Street legt zu. Das Brexit-Votum in Westminster hat wahrlich kein Beben ausgelöst.

"Eingepreist" - das Wort halten Börsenprofis für den Umstand bereit, dass Katastrophen oder andere Kalamitäten absehbar sind und die Finanzmärkte Zeit haben, sich darauf einzustellen. Das ist beim Brexit-Votum der Fall. Gelassenheit allenthalben, aber weiterhin Sorgen über die möglichen nächsten Schritte im britischen Austrittsdrama. "Helfen kann im britischen Durcheinander ohnehin nur die Chaosforschung", kommentiert das deutsche "Handelsblatt": Denn die gehe davon aus, dass kleine Veränderungen große Effekte haben können, "und sich auch im Chaos mit der Zeit Muster ergeben".

Wie aber die künftigen Muster aussehen, darüber herrscht weiterhin Rätselraten, als hätte es die Londoner Abstimmung über den Austrittsvertrag mit der EU gar nicht gegeben. Größere Schwankungen gab es vor und nach der Abstimmung lediglich beim britischen Pfund. Mittlerweile hat sich die Lage aber auch hier beruhigt. Die britische Währung notiert mittwochfrüh zum US-Dollar in etwa wieder auf dem Stand von vor dem Brexit-Votum.  

"Gut vorbereitet"

Die Börse in London stand am frühen Mittwoch ebenso leicht im Plus wie der Dax in Frankfurt zum Handelsbeginn.  "Die Märkte bleiben ruhig. Es hat den Anschein, als seien Händler und Investoren gut vorbereitet gewesen", sagte Chefstratege Michael McCarthy vom Broker CMC Markets.

Die Märkte mögen - zunächst noch - ruhig bleiben. Die Besorgnis bei den professionellen Beobachtern aber wächst und schwankt zwischen Alarmismus und Resignation. Die erste Reaktion der Märkte nach Abstimmung vom Dienstag zeige "wie unsicher der Austrittsprozess bleibt und wie wenig mit der gestrigen Entscheidung erreicht worden ist", sagte Analyst Craig Erlam vom Broker Oanda.

Es gibt wenige wie den Chef der Deutschen Bank Christian Sewing, die damit rechnen, dass "man den Ausstieg um mindestens drei Monate verschieben wird". So äußerte sich Sewing gleich am Dienstagabend. "Denn auch die übrige EU würde bei einem harten Brexit einen halben Prozentpunkt ihrer Wirtschaftsleistung verlieren - zu groß wären die Verwerfungen für den Handel, die Finanzierungsbedingungen und das Vertrauen der Investoren."

Großbritannien anti-Brexit Demonstranten vor dem Parlament in London (Getty Images/AFP/O. Scarff)

Anti-Brexit-Demonstrantin am Dienstag in London

"Ein chaotischer Brexit rückt näher"

Das Gespenst im Raum ist und bleibt für Händler und Volkswirte der ungeordnete, der harte Brexit: Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU ohne den Vertrag, der am Dienstag von den Abgeordneten in London verworfen wurde - und ohne irgendeinen Vertrag. "Ein chaotischer Brexit rückt in gefährliche Nähe", sagte etwa Joachim Lang, der Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der deutschen Industrie. Es drohe eine Rezession in der britischen Wirtschaft, die auch an Deutschland nicht unbemerkt vorüberziehen würde.

Der Präsident des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut Clemens Fuest forderte Großbritannien und die EU auf, die Verhandlungen zu einem Brexit-Abkommen wieder aufzunehmen. "Ein harter Brexit mit seinen riesigen Kosten muss vermieden werden", sagte Fuest. Beide Seiten sollten nun an den Verhandlungstisch zurückkehren und das Abkommen so anpassen, dass es für beide Seiten akzeptabel ist. "Alles andere wäre ein nicht akzeptables Politikversagen."

"Status einer Handelskolonie"

Etwas anders sieht das allerdings sein Kollege beim Ifo, Gabriel Feldmeyer. Der Der Ifo-Forscher zeigte Verständnis für die Ablehnung des Brexit-Deals durch das Unterhaus. "Das Nein der britischen Abgeordneten zum Trennungsabkommen ist absolut nachvollziehbar", so Feldmayer, "weil es das Vereinigte Königreich auf den Status einer Handelskolonie herabstufen würde".

UK London | Skyline des Londoner Finanzzentrums The City (picture alliance/dpa/D. Kalker)

Handelskolonie? Das Londoner Finanzzentrum "The City"

Mögliche Wege aus dem Dilemma? "Ich erwarte, dass ein wirtschaftliches Chaos verhindert wird, zum Beispiel durch Einzelabkommen für eine Übergangsphase", hofft der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW, Marcel Fratzscher. Ein zweites Referendum, und somit ein Verbleib in der EU, sei nun sogar ein Stück wahrscheinlicher geworden. Und wenn nicht und es käme zu einem harten Brexit, sei das für die deutsche Wirtschaft auch nicht gar so schlimm. Fratzscher: "Deutsche Unternehmen haben immer wieder gezeigt, dass sie flexibel und schnell auf Schocks reagieren können."

Vorher aber erwartet so mancher doch etwas mehr Klarheit: Die britische Seite müsste jetzt endlich klären, was sie in Sachen Brexit eigentlich will, sagte der deutsche Wirtschaftsminister Altmaier in Berlin. Wichtig sei es jedenfalls, einen ungeregelten Brexit zu vermeiden. "Niemand möchte Chaos und ungeregelte Zustände."

ar/dk (dpa, rtr, afp)

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