Brücker: Jeder Dritte in Deutschland wird Migrationshintergrund haben | Europa | DW | 07.11.2019
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Die Zukunft der Zuwanderung

Brücker: Jeder Dritte in Deutschland wird Migrationshintergrund haben

Deutschland braucht Migranten für seine Sozialsysteme, sagt der Ökonom Herbert Brücker. 2060 könne die Quote in Ballungsräumen 70 Prozent betragen. Warum das Migrationsprobleme lösen könnte, erklärt er im DW-Interview.

Ukraine Cyber-Angriff auf die Infrastruktur Flughafen in Kiew (Reuters/V. Ogirenko)

Der Flughafen in Kiew: Viele Ukrainer würden nach Deutschland kommen, wären die Hürden niedriger, sagt Brücker

DW: Herr Brücker, nach Ihrer Einschätzung braucht Deutschland jedes Jahr bis zu 400.000 Einwanderer, damit die Wirtschaft wettbewerbsfähig bleibt. Wie ist es dazu gekommen?

Herbert Brücker: In Deutschland haben wir seit den 1970er-Jahren einen sehr starken Rückgang der Geburtenraten. Zugleich steigt die Lebenserwartung. Ohne Zuwanderung würde das Erwerbspersonenpotenzial bis zum Jahr 2060 um 40 Prozent zurückgehen. Bei einer Nettozuwanderung von etwa 400.000 pro Jahr können wir es knapp konstant halten. Aber auch dann werden immer noch mehr Menschen im Rentenalter sein als gegenwärtig. Sie müssten aber von der gleichen Zahl Erwerbstätiger finanziert werden.

Sie sagen, dass in 20 Jahren jeder Dritte in Deutschland einen Migrationshintergrund haben wird. Worauf basiert ihre Prognose?

Gegenwärtig sind 25 Prozent der Bevölkerung in Deutschland entweder selbst Einwanderer oder Nachkommen der ersten oder zweiten Generation von Einwanderern. Wenn wir eine Nettozuwanderung zwischen 200.000 und 400.000 Personen pro Jahr haben, und damit ist zu rechnen, dürfte dieser Anteil bis zum Jahr 2030 auf 30 bis 40 Prozent steigen.

Die größten Gruppen, vermuten Sie, werde aus der Ukraine und dem Westbalkan kommen. Warum?

In den Ländern der ersten EU-Osterweiterung ist das Migrationspotenzial weitgehend erschöpft. In Bulgarien, Rumänien und Kroatien bestehen noch erhebliche Potenziale, aber sie gehen schrittweise zurück, weil sich die Pro-Kopf-Einkommen angleichen und die jungen, migrationsbereiten Bevölkerungsgruppen schon zu erheblichen Teilen ausgewandert sind. Als Nächstes kommen eben die Länder an den Außengrenzen der EU ins Spiel: die Ukraine und die Länder auf dem Westbalkan. Dort ist die Bereitschaft zur Migration weiterhin relativ hoch und der Abstand in den Pro-Kopf-Einkommen ziemlich groß. Nur sind die Möglichkeiten zur Migration nach Europa bisher relativ ungünstig.

Was würde eine massenhafte Auswanderung beispielsweise für die Ukraine bedeuten?

Herbert Brücker VWL Professor und Arbeistmarktforscher (S. Brending)

Der Migrationsökonom Herbert Brücker

Würde eine Freizügigkeit kommen, dann würden nicht nur die Hochqualifizierten auswandern, sondern auch Mittelqualifizierte und möglicherweise auch Geringqualifizierte. Durch die Möglichkeit der Migration sind aber auch die Investitionen in Humankapital gestiegen: Mehr Menschen machen eine Ausbildung oder studieren, weil die Erträge von einem Studium oder einer Ausbildung in den Zielländern größer sind als in den Herkunftsländern. Wir beobachten zum Beispiel in allen Ländern seit Beginn der Transformationsprozesse, dass der Anteil der Studierenden oder Auszubildenden enorm gestiegen ist. In den Ländern der ersten Runde der Osterweiterung hat er sich verdoppelt. Nicht alle diese Länder sind gleichermaßen von einem Brain-Drain betroffen. Ein Teil der Menschen kehrt zurück. Es sind eher Ausnahmebereiche wie der Medizinsektor, in denen weit überdurchschnittlich viele in Hocheinkommensländer gehen und dann in ihrem Heimatland fehlen.

Wie beeinflusst die Migration die Stimmung in Deutschland?

Alle entwickelten Länder werden vielfältiger werden. Die Migrationsbevölkerung wird nicht mehr von nur wenigen Herkunftsgruppen wie Türken, früheren Jugoslawen oder Italienern dominiert. Aktuell bilden die Chinesen die stärkste Gruppe unter den ausländischen Studenten in Deutschland. Es werden immer größere Distanzen überbrückt, weil die Kommunikations- und Transportkosten sinken.

Es wird also keine Gruppe geben, die per se das Land dominiert, sondern es werden Gruppen sein, die aus verschiedenen kulturellen Kontexten kommen und miteinander klarkommen. In der Regel kann man sagen, funktioniert das eigentlich sehr gut. Wir wissen aus unserer Forschung, dass die soziale Integration zwischen deutscher und ausländischer Bevölkerung erstaunlich gut funktioniert. Wir müssen uns nur von der Vorstellung verabschieden, dass wir in den Großstädten noch eine ethnisch homogene Bevölkerung haben. Das Bild wird vielfältiger, und möglicherweise nehmen die Migrationsprobleme damit sogar ab.

Infografik ausländische Studenten in Deutschland DE

Im Gegensatz zu diesem offenen Modell sehen wir den Brexit, der unter anderem auf eine Diskussion um Migration zurückgeht. Großbritannien will nur noch hochqualifizierte Migranten aufnehmen.

Wir beobachten in Großbritannien, dass die Migranten aus der EU deutlich besser in den Arbeitsmarkt integriert sind als die Briten selber. Sie zahlen mehr Steuern und Sozialabgaben und sie sind besser ausgebildet als die britische Arbeitnehmerschaft. Sie haben ganz erheblich zum Sozialprodukt und zu den sozialen Sicherungssystemen beigetragen. Was in Großbritannien nicht funktioniert, ist die Zuwanderung aus Drittstaaten, die überwiegend aus dem früheren Commonwealth kommt. Diese Menschen sind im Durchschnitt deutlich schlechter integriert als die Europäer. Wir sehen schon heute in den Daten, dass Großbritannien der Verlierer des Brexit sein wird, gerade auch, weil sie qualifizierte Arbeitskräfte aus den neuen Mitgliedstaaten der EU verlieren werden.

Herbert Brücker ist seit 2005 Leiter des Forschungsbereichs "Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung" am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und seit 2008 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bamberg. Zudem leitet er seit 2017 die Abteilung für Ökonomische Migrations- und Integrationsforschung am Institut für Empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Universität zu Berlin.

Das Gespräch führte Dmytro Kaniewski

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