Boxen im KZ | Filme | DW | 08.08.2018
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Filmgeschichte

Boxen im KZ

Sport als Überlebensdrama unter den Nazis: "Der Boxer und der Tod" mit Manfred Krug gilt als einer der überzeugendsten Filme über die nationalsozialistische Schreckensherrschaft. Jetzt kann man ihn wiederentdecken.

Spielfilme, die deutsche Konzentrationslager als Schauplatz nutzen, sind umstritten. Kann man das Grauen auf der Leinwand abbilden? Darf man den Holocaust überhaupt für fiktive Kino-Geschichten "missbrauchen"? Die Antworten auf diese Fragen fallen bis heute unterschiedlich aus. Noch vor drei Jahren sorgte der ungarische KZ-Film "Son of Saul" beim Festival in Cannes für heftige Diskussionen, weil er Authentizität und Realismus vorgaukelte, obwohl auch er nur mit den Mitteln des Spielfilms arbeitete.

Auf DVD und Blu-Ray: Peter Solans "Der Boxer und der Tod"

Auch vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, dass in Deutschland jetzt ein lang vergessener Film wiederzuentdecken ist, den selbst viele Cineasten nicht mehr kennen dürften: "Der Boxer und der Tod". Das Werk des slowakischen Regisseurs Peter Solan, der damit ebenfalls wieder dem Vergessen entrissen wird, liegt jetzt erstmals in ungeschnittener Fassung auf DVD und Blu-Ray vor.

Filmstill des Films Der Boxer und der Tod (Slovak Film Institute)

Ungleiche Gegner im Ring: Komínek (Štefan Kvietik) und Kraft (Manfred Krug)

Solan drehte "Der Boxer und der Tod" in den Jahren 1962/63 zunächst gegen die Widerstände der sozialistischen Behörden in der Tschechoslowakei. "Der Boxer und der Tod" wurde zum erfolgreichsten Film des Jahres in seiner Heimat und wurde sogar im "westlichen Ausland" gezeigt. Beim Internationalen Filmfestival in San Francisco gewann der Film zwei Preise.

Die Slowakei stand im Schatten der Produktionen aus Prag

Trotzdem verschwand "Der Boxer und der Tod" danach aus dem allgemeinen Kino-Bewusstsein, obwohl der Aufbruch des tschechoslowakischen Films in den 1960er Jahren bis heute zu den wichtigsten Neuerungsbewegungen im europäischen Nachkriegsfilm gezählt wird - inklusive Oscargewinne für tschechoslowakische Filme in den Jahren 1966 und 1968. Dass der 1929 im slowakischen Banská Bystrica geborene Peter Solan diesen filmischen Aufbruch mit einläutete, ist dagegen heute weitgehend vergessen.

Filmstill des Films Der Boxer und der Tod (Slovak Film Institute)

NS-Propaganda auch im Konzentrationslager

"Der Boxer und der Tod" spielt in einem Konzentrationslager im Osten Europas. Nach einem gescheiterten Ausbruchsversuch mehrerer Häftlinge sollen die sechs überlebenden slowakischen Inhaftierten hingerichtet werden. Der Lagerkommandant Kraft (Manfred Krug in der Frühphase seiner Karriere), vor dem Krieg Boxer, entdeckt, dass der Häftling Komínek (Štefan Kvietik) offenbar früher auch Boxer war. Er begnadigt ihn. Um sich selbst fit zu halten und den SS-Schergen im KZ ein Spektakel zu bieten, weist Kraft seine Offiziere an, Komínek mit Essens-Extrarationen aufzupäppeln. Der slowakische Gefangene soll ihm als Sparringspartner für Schaukämpfe im KZ dienen.

Holocaust-Drama ohne Kitsch

Regisseur Peter Solan inszeniert in der Folge ein unspektakuläres wie eindringliches Drama um das Überleben eines einzelnen geschundenen Menschen inmitten einer unmenschlichen Umgebung. Die Handlung, die sich an der Biografie des polnischen Boxers Tadeusz "Teddy" Pietrzykowski orientiert, der in den Konzentrationslagern Auschwitz und Neuengamme rund 50 Kämpfe bestritt, verzichtet auf Effekthascherei und dramaturgische Zuspitzung, die man aus anderen KZ-Filmen kennt. "Der Boxer und der Tod" ist nüchtern, realistisch, wahrhaftig - und wohl gerade deshalb einer der besten Filme zum Thema.

Filmstill des Films Der Boxer und der Tod (Slovak Film Institute)

Regisseur Peter Solan spart nicht mit den Bildern des KZ-Schreckens

Solan zeigt auf, zu welchen Verwerfungen der Zweikampf zwischen Kraft und Komínek führt - auch auf Seiten der anderen KZ-Häftlinge sowie des deutschen KZ-Personals. Im Mittelpunkt steht dabei immer der Konflikt, in den Komínek durch das ungewöhnliche Angebot Krafts gerät: Boxt er zu stark und düpiert dadurch den Kommandanten, droht ihm der Tod, nimmt er die Sache nicht ernst genug, dürfte sein Schicksal ähnlich sein.

Solan erzählt von einem persönlichen Zweikampf, zeigt aber auch das Grauen

Der an Originalschauplätzen auf dem Gelände eines jüdischen Arbeitslagers nahe der Stadt Nováky gedrehte Film verzichtet trotz der Verdichtung der Handlung auf die zwei Hauptcharaktere nicht auf eindeutige Bilder - im Hintergrund sieht man stets den Rauch der Schornsteine des Konzentrationslagers in den Himmel steigen.

Filmstill des Films Der Boxer und der Tod (Slovak Film Institute)

Am Ende erweist sich Komínek (Štefan Kvietik) als der Stärkere - mit fatalen Folgen

Auch hat Solan erstaunlicherweise schon zu Beginn der 1960er Jahre darauf verzichtet, die Deutschen lediglich als mordende Monster zu zeichnen - damals sehr ungewöhnlich und mit ein Grund dafür, dass der Regisseur bei der Produktion des Films in seiner Heimat zunächst auf Widerstände stieß. "Der Boxer und der Tod" entsprach nicht den Richtlinien sozialistischer Filmpropaganda mit Schwarz-Weiß-Charakteren und eindeutigem Gut-Böse-Schema.

Ein Film über das "Versagen der Kommunikation zwischen den Nationen"

"'Der Boxer und der Tod' bleibt unter Garantie im Gedächtnis" urteilt ein Kritiker des DVD-Portals "Actionfreunde": "Als einer der wenigen Filme über den Nationalsozialismus, die auch der deutschen Seite etwas Menschliches zugestehen, gelingt es ihm, unterdrückte Ängste in einen spielerischen Kontext zu transformieren und dort aufzulösen, ohne dem Kitsch oder der Polarität gewöhnlicher Sportlerfilme anheim zu fallen." Der Regisseur habe das Verhältnis zwischen dem SS-Mann und einem KZ-Insassen genau nachgezeichnet, sodass "das Versagen der Kommunikation zwischen den Nationen am Kriegshorizont scharfsinnig" gezeigt wird: "Am Ende braucht es dazu nicht viel mehr als einen Ring, vier Fäuste und ungleiche Bedingungen."

Peter Solan: "Der Boxer und der Tod", Tschechoslowakei 1962/63, 110 Minuten, zwei DVD bzw. Blu-Ray mit umfangreichem Extra-Material, Gespräche mit Filmexperten, Kurzfilme von Peter Solan, Doku über den Regisseur, ein Text über Boxer in Konzentrationslagern u.v.m., erschienen bei dem Anbieter "Bildstörung".

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