″Borga″: deutsch-ghanaisches Filmdrama | Filme | DW | 05.02.2021
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Politischer Film

"Borga": deutsch-ghanaisches Filmdrama

Der Film "Borga" erzählt von einem Ghanaer, der es in Europa zu Reichtum bringen möchte. Doch die harte Realität stellt sich anders heraus, als erwartet.

Dreharbeiten vom Film Borga: inmitten einer heruntergekommenen Hütte steht der kleine Kojo vor seinem Vater. Dahinter Regisseur York-Fabian Raabe.

Von klein an möchte Kojo seinem Vater beweisen, dass er kein Verlierer ist

Zwei Jungen bahnen sich auf einer riesigen Müllhalde voller Elektroschrott ihren Weg. Sie suchen nach Material, das eingeschmolzen werden kann. Damit verdienen sie Geld. Die Umgebung ist mit chemischen Giftstoffen verpestet, die Lebensbedingungen schlecht. Wir befinden uns in Agbogbloshie, einem Stadtteil der Millionenstadt Accra an der ghanaischen Küste. In diesem Teil der Stadt, der gleichzeitig Hoffnungsort als auch ökologische und humanitäre Katastrophe ist, wächst Kojo in ärmlichen Verhältnissen auf. Später, als junger Mann, geht er nach Deutschland, um dort ein besseres Leben zu finden - und "Borga" zu werden.

"Borga": So nennen die Ghanaer diejenigen unter ihnen, die es im Ausland zu Wohlstand bringen. Und so hat Regisseur York-Fabian Raabe sein Filmdrama getauft, das vor Kurzem auf dem 42. Filmfestival Max Ophüls Preis mehrfach ausgezeichnet wurde, darunter als "Bester Spielfilm" und als "Gesellschaftlich Relevanter Film", wobei die besondere Leistung des Hauptdarstellers Eugene Boateng herausgehoben wurde. Eugene Boateng spielt die Rolle des Kojo äußert überzeugend: Geprägt vom Konflikt mit seinem Bruder und seinem Wunsch nach Anerkennung, geht Kojo nach Mannheim, um es allen zu beweisen. Doch die Realität stellt sich anders heraus, als er gedacht hatte und nur mithilfe illegaler Geschäfte verdient er genug Geld, um zurück in Ghana die Erwartungen zu erfüllen, die man an einen "Borga" stellt.

Eugene Boateng und Christiane Paul während der Dreharbeiten. Sie sitzen vor einem edel gedeckten Tisch im Restaurant. Hinter ihnen Regisseur York-Fabian Raabe und eine weiteres Teammitglied.

Für "Borga" bekam York-Fabian Raabe prominente Unterstützung: Schauspielerin Christiane Paul spielt "Lina"

Kein "Mitleidsfilm"

Der fast zweistündige Film mutet zeitweilig nahezu dokumentarisch an. Das mag daran liegen, dass sich der Film um die großen Thematiken des 21. Jahrhundert dreht: Globalisierung, Migration, soziale Ungleichheiten. Bewegt und teilweise erschüttert schauen wir dabei zu, wie Kojo gegen die Widrigkeiten, in die er hineingeboren wurde, ankämpft.

Regisseur York-Fabian Raabe bei den Dreharbeiten.

"Borga" ist der erste fiktionale Spielfilm des Regisseurs York-Fabian Raabe

Regisseur York-Fabian Raabe sagt gegenüber der DW, dass der Kern des Films wirklich der kleine Kojo sei, der die Anerkennung von seiner Familie möchte. Seinen Film verstehe er als "Empowerment" und nicht etwa als "Opferfilm" oder "Mitleidsfilm".

"Film ist auch ganz klar für Ghana gemacht"

An dem Drehbuch schrieb Raabe fünf Jahre, "Borga" ist sein erster fiktionaler Spielfilm. Für sein Drama arbeitete er mit einem deutsch-ghanaischen Team zusammen. Die Schauspieler sprechen in "Borga" in ihrer Muttersprache, hauptsächlich in der Sprache Twi. Deutsch wird nur manchmal gesprochen, aber der Film ist deutsch untertitelt. Warum? "Zum einen ist der Film nicht nur für die westliche Welt gemacht, er ist auch ganz, ganz klar für Ghana gemacht", begründet Raabe seine Entscheidung. Außerdem komme das Gesagte viel stärker zum Ausdruck, wenn die Schauspieler es in ihrer Muttersprache sagten: "Das Besondere daran, wenn ein Schauspieler in seine eigene Sprache rutscht, ist, dass er nochmal eine andere Bindung zu dem bekommt, was er spielt und was er tut. Die Sprache selbst ist der Schlüssel zu mehr Nähe". 

Straße in Ghana. Eugene Boating vorne in der Rolle des Kojo auf einem Motorrad, drum herum viele Schauspieler und Mitarbeiter

Die Dreharbeiten in Ghana hatten auch ihre Schwierigkeiten: Der enorme Lärmpegel machte der Produktion zu schaffen

Die Zusammenarbeit mit ghanaischen Schauspielgrößen wie Adjetey Anang, der Kojos Vater spielt, hat Hauptdarsteller Eugene Boateng als etwas ganz Besonderes erlebt: "Für die Ghanaer war es so ein besonderes und emotionales Projekt. Sie waren alle so sehr damit verbunden und hatten das Gefühl, es sei auch ihre Geschichte.“

Eugene Boateng in der Rolle des Kojo: Er trägt einen grauen Anzug und ein weißes Hemd und blickt selbstischer in die Ferne

Eugene Boateng spielt die Rolle des Kojo

Das liege auch an der Perspektive des Film, sagt Eugene Boateng, denn die Geschichte werde aus der Perspektive des schwarzen Protagonisten erzählt: "Es ist nicht so, dass der Weiße herüberkommt und sie [die Ghanaer] zur Schau stellt, sondern wir erzählen eine Geschichte von dort."

Borgas: Mehr Schein als Sein

Der in Deutschland geborene Schauspieler ghanaischer Eltern kennt die Erwartungen an die "Borgas" gut, um die es im Film geht. Wenn er in Ghana ankommt, wird ihm auf der Straße das Wort, das sich aus der deutschen Stadt Hamburg ableitet, hinterhergerufen. "Alle Menschen, alle Ghanaer, die ich kenne, meine Familienangehörige, haben, sobald sie in Ghana sind, diesen Druck, 'Borga' zu spielen." Es handelt sich um eine vorgefestigte Rolle, man tut, als ob. "Wenn du nach Ghana kommst, gibst du viel Geld aus und zeigst, dass es dir gut geht in Deutschland oder in der westlichen Welt. Den meisten geht es aber nicht so gut, die haben hier nicht die Jobs, die sie eigentlich machen wollen. Sie sparen mehrere Jahre und wenn sie dann in Ghana sind, geben sie das ganze Geld in ein paar Wochen aus." 

Film Borga l Dreharbeiten l von Regisseur York-Fabian Raabe

Teure Uhren, Anzüge, Luxustaschen - nach außen hin wirkt es, als ob Kojo es geschafft hätte. Aber zu welchem Preis?

Doppelleben zwischen Ghana und Deutschland

Im Film wird dieses Doppelleben besonders in einer Szene deutlich: In Mannheim angekommen, macht sich Kojo auf die Suche nach dem Onkel seines Kumpels Nabil, der angeblich selbst ein "Borga" ist. Kojo hat nur ein Foto von ihm, auf dem der Onkel vor einem protzigen Auto und einer Villa posiert, mit dickem Schmuck behängt. Als Kojo ihn in Mannheim ausfindig macht, lüftet der Onkel sein Geheimnis: für 50€ fertige sein Kumpel Fotos von einem an, vor Autos, Villen, Yachten, sogar Helikoptern posierend. Und so verbreiten sich die falschen Erwartungen immer weiter, auch Kojo muss dies später erleben.

Das Filmdrama von York-Fabian Raabe könnte nun einen Teil dazu beitragen, über diese Thematik aufzuklären. In Deutschland wurde der Film von Kritikern gelobt, in Ghana soll der Film bald gezeigt werden. Aufgrund der Corona-Pandemie sei es leider gerade noch nicht möglich, einfach hinzufahren, so Raabe. Aber im ersten oder spätestens im zweiten Quartal dieses Jahres wolle man nach Ghana fliegen und den Film zeigen, denn er werde schon mit großer Vorfreude erwartet. 

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