Boomendes Schönheitsgeschäft | Asien | DW | 23.09.2015
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Asien

Boomendes Schönheitsgeschäft

Die Schönheitschirurgie ist in Asien nach wie vor eine Wachstumsbranche - in Südkorea werden weltweit die meisten Schönheitsoperationen durchgeführt. Die Eingriffe sind allerdings nicht ohne Risiken.

Boomendes Schönheitsgeschäft in Südkorea. (Foto: DW)

Boomendes Schönheitsgeschäft in Südkorea

In Südkorea boomt die Schönheits-Industrie wie nie zuvor: Das Land ist weltweit führend bei der Zahl der Schönheitsoperationen pro Einwohner. Laut der internationalen Gesellschaft für plastische Chirurgie ist in Südkorea jede fünfte Frau operiert, oft noch vor dem 18. Geburtstag.

Schönheits-OP als Abiturgeschenk

Eine vietnamesisch-amerikanische Patientin nach einer Basics-Operation in Seoul. (Foto: AFP)

Eine vietnamesisch-amerikanische Patientin nach einer "Basics"-Operation in Seoul

Die "Basics" habe sie sich mit 15 Jahren machen lassen, erzählt Lee Min-Seo. "Als Erste in der Klasse", sagt die heute 26-jährige PR-Fachfrau mit einem gewissen Stolz. Ihre Kameradinnen mussten bis zum Schulabschluss warten, dann gab es die "Basics" von den Müttern als Abiturgeschenk. "Basics" bezeichnet im südkoreanischen Beauty-Jargon eine Operation, bei der eine Falte in die Augenlider geschnitten wird, um die Augen größer erscheinen zu lassen.

In den vielen Schönheitskliniken Seouls gibt es einen "Mutter-Tochter-Rabatt": Lässt sich die Tochter beispielsweise Augen operieren und Brüste vergrößern, dann gibt es für die Mutter kostenlose Botox-Spritzen inklusive - zur Glättung von Falten. Auch Lee Min-Seos Mutter nahm die Gelegenheit wahr und gönnte sich eine komplette Verjüngungskur.

Im Nobelviertel Gangnam der Hauptstadt befindet sich der sogenannte "Beauty-Belt", ein Cluster von Schönheitskliniken. Hunderte von ihnen reihen sich hier aneinander, mit allem, was das gefallsüchtige Herz begehrt: von Augenvergrößerung zur Kieferverengung bis hin zur komplizierten und extrem riskanten Beinverlängerung. Hier kennt der Schönheitswahn keine Grenzen.

Eine der Schönheitskliniken im Gangnam-Viertel. (Foto: DW)

Eine der Schönheitskliniken im Gangnam-Viertel

"Außer dir haben es alle getan"

In Gangnam und anderen Bezirken Seouls laufen viele auffällige Menschen auf der Straße, meist sind es junge Mädchen, Frauen, aber auch Männer. Sie tragen dunkle Sonnenbrillen und Bandagen, um die frischen Spuren ihrer Operationen zu verbergen.

In den U-Bahn-Stationen der Hauptstadt gibt es auf den Damentoiletten fast überall Schminktische, die Wände sind mit überdimensionalen Reklameplakaten für Schönheitskliniken tapeziert. Die allgegenwärtigen Werbungen zeigen meist Vorher-Nachher-Fotos, auf denen sich trübe und fahle Gesichter in puppenähnliche Kreaturen mit Schmollmund, Stupsnase und Manga-Augen verwandeln. "Außer dir haben es alle getan", steht auf einem der Plakate für die Schönheitskliniken.

Im letzten Jahr prangerte eine Bürgerinitiative die Inflation der Schönheitsreklame in öffentlichen Plätzen an. Die Stadtverwaltung Seouls verkündete daraufhin, die Werbung solle eingeschränkt werden. Bisher ist davon allerdings nicht viel zu spüren.

Lee Min-Seo kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Mittlerweile hat sie die achte Schönheitsoperation hinter sich und ist überzeugt, dass ihr die Eingriffe persönlich und privat geholfen haben. "Die Operationen sind eine Investition in die Zukunft, insbesondere in die Heirats- und Berufschancen", bekräftigt sie.

Große Plakate werben mit Vorher-Nacher-Fotos. (Foto: DW)

Große Plakate werben mit "Vorher-Nacher-Fotos"

Steuervergünstigung für Touristen

Auch viele Touristen pilgern nach Südkorea, um günstig unter das Messer zu kommen - mehr als zwei Drittel davon aus China. Allein im letzten Jahr seien laut dem koreanischen Tourismusministerium mehr als 250.000 Besucher für eine Schönheits-OP nach Südkorea gereist. Die Zahl habe sich gegenüber dem Jahr 2010 verdreifacht. Das All-inclusive-Paket für die Schönheitspatienten umfasst meist den Flughafentransfer und das Hotel mit Vollpension. Chirurgen schätzen, dass das florierende Geschäft mit der Schönheit in Südkorea jährlich mehr als sechs Milliarden US-Dollar umsetzt.

Das Geschäft mit der Schönheit setzt schätzungsweise mehr als sechs Milliarden US-Dollar im Jahr um. (Foto: AFP)

Das Geschäft mit der Schönheit setzt schätzungsweise mehr als sechs Milliarden US-Dollar im Jahr um

Allerdings hat die hoch ansteckende MERS-Epidemie, die im Mai und Juni 2015 zu mindestens 36 Toten in Südkorea geführt hatte, auch den Medizintourismus beeinträchtigt. Um mehr als 40 Prozent seien die Besucherzahlen allein im Juni zurückgegangen, berichtet die zuständige Behörde für Fremdenverkehr. Um den Tourismus wieder anzukurbeln, setzt die Regierung Südkoreas nun auf Steuervergünstigungen für ausländische Besucher, die einen ästhetischen Eingriff machen lassen.

Nicht ohne Risiken

Dabei sind die OPs nicht ohne Risiken. Insbesondere die weitverbreitete Knochenchirurgie birgt große Gefahren. Medizinische Behandlungsfehler mit verheerenden Langzeitfolgen wie partielle Lähmung, Taubheit und Fehlstellungen sorgten in jüngster Zeit immer wieder für Schlagzeilen. Eine Studentin in Seoul verübte nach dem ästhetischen Eingriff an ihrem Kiefer Selbstmord. Zu unerträglich waren für sie die Schmerzen nach der Operation. Dieser Fall löst in Südkorea eine große Debatte über die Schönheitsindustrie aus.

Sprechstunde beim Plastikchirurg. (Foto: AFP/Getty Images)

Sprechstunde beim Plastikchirurg

Unter dem jetzigen Gesetz in Südkorea dürfen auch nicht-spezialisierte Ärzte alle Arten von Operationen durchführen, so Dr. Cho Soo-Young, Sprecher des südkoreanischen Chirurgenverbands: "Derzeit gibt es rund 10.000 nicht-spezialisierte Ärzte in Korea, die Schönheits-OPs anbieten. Nur 2.000 Fachärzte sind offiziell zertifiziert."

Lee Min-Seo gibt zu, dass ihr jede größere Operation Angst bereitet. Ihr Fazit bleibt jedoch nüchtern: "Um der Schönheit willen sind manche Eingriffe unumgänglich." Ein hoher Preis für ein zweifelhaftes Schönheitsideal.

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