Bolschoi-Tänzer wegen Säureanschlag verurteilt | Aktuell Europa | DW | 03.12.2013
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Aktuell Europa

Bolschoi-Tänzer wegen Säureanschlag verurteilt

Fast elf Monate nach dem Säureanschlag auf Sergej Filin, den Chef des Balletts des russischen Bolschoi Theaters, hat das Meschanskij-Amtsgericht in Moskau das Urteil gesprochen.

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Säureanschlag - Bolschoi-Tänzer verurteilt

Es gibt drei Angeklagte: Den 29-jährigen Solotänzer des Theaters, Pawel Dmitritschenko (Artikelbild), sowie zwei arbeitslose Männer, Jurij Zarutsky (35) und Andrej Lipatov (32). Sie alle sind schuldig gesprochen wegen "vorsätzlicher schwerer Körperverletzung".

Das Gericht hielt es für erwiesen, dass Dmitritschenko, der "Regisseur des Verbrechens", die beiden Männer beauftragt hatte, Sergej Filin Säure ins Gesicht zu schütten. Zarutsky soll den Anschlag vorbereitet und ausgeführt haben, Lipatov hat ihn zum Tatort gefahren und "logistisch unterstützt". Dimitritschenko wurde dafür zu sechs Jahren Straflager verurteilt, Zarutsky muss für zehn Jahre ins Gefängnis und Lipatow erhielt eine Haftstrafe von vier Jahren.

Ein erschütterndes Verbrechen

Es war am Abend des 17. Januar 2013, als ein Unbekannter in Moskau an Sergej Filin im Hof seines Wohnhauses herantrat und ihm die Säure ins Gesicht schüttete. Der Ballettmeister und Choreograf erlitt schwere Verletzungen im Gesicht und an den Augen und wurde nach einer Notbehandlung nach Deutschland geflogen, wo er in einer Aachener Klink 23 Mal an den Augen operiert wurde. Sein Sehvermögen bleibt dennoch wesentlich beeinträchtigt.

Die Tat hat international Entsetzen und Empörung ausgelöst und für große Verunsicherung in der russischen Theaterwelt gesorgt. Das Motiv der Tat soll eine, wie es in der Anklageschrift heißt, "persönliche Feindseligkeit" Dmitritschenkos gegen Filin gewesen sein "aufgrund seiner professionellen Tätigkeit". Der Ballettchef, der einzig und allein über die Vergabe der begehrten Solo-Rollen entscheidet, soll der Lebensgefährtin von Dmitritschenko eine Rolle verwehrt haben. Auch für seine Karriere sah Dmitritschenko trotz einigen Solo-Partien größere Hindernisse.

"Kein Rauch ohne Feuer"

Die schreckliche Tat hat jedoch der Öffentlichkeit einen Einblick ins Innenleben des Bolschoi Theater ermöglicht. Zutage kamen zahlreiche höchst unangenehme Einzelheiten: so soll es Usus gewesen sein, Solorollen nach "subjektiven Kriterien" oder gar gegen Zahlungen zu verteilen.

Joy Womack, eine 19-jährige amerikanische Tänzerin, verließ Bolschoi Anfang November und erzählte einer russischen Zeitung, die Theaterführung wollte von ihr 10.000 Dollar für einen prestigeträchtigen Solo-Auftritt haben. Michael Fichtengolz, der vor kurzem suspendierte Leiter der Abteilung für strategische Repertoire-Planung des Theaters, schrieb in seinem Blog, solche Forderungen wären im Theater "üblich und jedermann bekannt". Nikolaj Ziskaridse, einer der berühmtesten Balletttänzer Russlands, hat im Säureanschlag-Prozess als Zeuge ausgesagt. Er sprach von "Unprofessionalität und Korruptheit" der Ballettführung und forderte Konsequenzen.

Kaderumstellungen von oben dirigiert

Jüngste Personalveränderungen in der Führungsetage des "Nationaltheaters Nummer 1", als welches Bolschoi in Russland gilt, legen einen offensichtlich krampfhaften Charakter zutage: Anfang Juli wurde Theaterdirektor Anatolij Iksanov durch Wladimir Urin ersetzt, der vielen als "Apparatschik" gilt. Kurz darauf mussten zahlreiche führende Mitarbeiter das Theater verlassen, die von einer "Säuberungsaktion im Auftrag des Kreml" sprachen. Und am Montag hat Urin nun auch seinen Chefdirigenten Vailij Sinajskij gefeuert.

Künstlerisch steckt das Theater in einer tiefen Krise. Das Repertoire wird nicht erneuert, zahlreiche Künstler haben das Theater verlassen. Das Gebäude des Bolschoi Theater wurde im Oktober 2011 nach der Grundsanierung, die über 10 Jahre dauerte und nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro kostete, feierlich wiedereröffnet. Zu den Skandalen, die seitdem das Haus überschatten, zählen auch Ermittlungen wegen Betruges und Veruntreuung staatlicher Subventionen. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen noch nicht abgeschlossen.

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