Boeing empfiehlt weltweites Startverbot für 737 Max | Aktuell Welt | DW | 13.03.2019
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US-Luftfahrtkonzern unter Druck

Boeing empfiehlt weltweites Startverbot für 737 Max

Nach neuen Hinweisen zum Absturz in Äthiopien haben nun auch die USA ein Startverbot für die Boeing-Maschinen 737 Max verhängt. Kurz darauf reagierte auch der US-Flugzeugbauer auf die neuen Erkenntnisse.

Boeing teilte mit, man empfehle ein vorübergehendes Startverbot für alle Flugzeuge der 737-Max-Reihe weltweit. Eine entsprechende Mitteilung sei an die US-Luftfahrtbehörde FAA gegangen. Betroffen sei "die gesamte weltweite Flotte von 371 737-Max-Flugzeugen". Es handele sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme. "Boeing hat weiterhin volles Vertrauen in die Sicherheit der 737 Max."

US-Luftfahrtbehörde: "Neue Beweise"

Kurz zuvor hatte die FAA bereits ein Startverbot für alle Boeing 737 Max angeordnet, die in den USA fliegen oder von US-Fluglinien betrieben werden. Die US-Behörde folgte damit dem Beispiel europäischer und vieler asiatischer Staaten. Zuletzt hatte auch das Nachbarland Kanada ein Startverbot für die Boeing 737 Max erlassen.

Äthiopien Flugzeugabsturz Ethiopian Airlines Flight ET 302 (Getty Images/AFP/M. Tewelde)

Trümerteile der am Sonntag abgestürzten Boeing 737 Max 8 der Ethiopian Airlines

Die FAA teilte mit, Ermittler hätten "neue Beweise" an der Unfallstelle in Äthiopien gesammelt und analysiert. Diese Beweise sowie neue Satellitendaten hätten zu der Entscheidung geführt. Das Startverbot bleibe in Kraft, solange weitere Untersuchungen wie etwa die Auswertung der Flugdaten der abgestürzten Maschine liefen. Auch Kanadas Transportminister Marc Garneau begründete das Flugverbot in seinem Land mit "neuen Daten".

Trump: "Sehr schwierige Entscheidung"

US-Präsident Donald Trump hatte das Startverbot für die Flugzeuge der 737-Max-Reihe kurz vor der FAA-Mitteilung angekündigt. Sicherheit sei das wichtigste Anliegen, sagte Trump im Weißen Haus. Maschinen, die in den USA noch in der Luft seien, müssten nach der Landung bis auf weiteres an dem jeweiligen Flughafen verbleiben. Der US-Präsident Trump sprach von einer "sehr schwierigen Entscheidung". Er hoffe, Boeing werde eine Antwort auf die Frage nach der Unfallursache finden.

Der US-Luftfahrtkonzern sicherte zu, man unternehme alles, um der Ursache für den Absturz in Äthiopien und für den einer baugleichen Maschine in Indonesien im Oktober auf den Grund zu gehen. Bei dem Unglück in der Nähe von Addis Abeba waren am Sonntag 157 Menschen ums Leben gekommen. 
Der Crash einer 737 Max der indonesischen Fluggesellschaft Lion Air mit 189 Toten soll ähnlich verlaufen sein. Die Black Box mit Stimmenrekorder und Flugdaten der Unglücksmaschine soll nun in Frankreich untersucht werden.  Die Black Box der in Äthiopien abgestürzten Boeing 737 Max ist zur Ermittlung der Unglücksursache nach Paris gebracht worden. Das teilte die französische Flugsicherheitsbehörde mit. Deutschland hatte eine Untersuchung zuvor abgelehnt. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung hatte erklärt, sie verfüge nicht über die entsprechende Software.

Umstrittene Steuerungssoftware unter Verdacht

Im Fokus der Untersuchung dürfte die umstrittene Steuerungssoftware MCAS stehen, die bereits beim Lion-Air-Unglück in Verdacht geraten war. Damals wurde vermutet, falsche Sensordaten hätten den Absturz verursacht, weil der Pilot nicht mehr eingreifen konnte. Nach einem Bericht der US-Zeitung "Dallas Morning News" hätten sich in den Wochen vor der Katastrophe von Äthiopien mehrere US-Piloten über die Steuerungssoftware MCAS beschwert und ernsthafte Bedenken über die Sicherheit der 737 Max 8 im "Aviation Safety Reporting System" hinterlegt.

Boeing 737 MAX 8 (Getty Images/J. Raedle)

Beide verunglückten Max-737-Maschinen stürzten kurz nach dem Start in der Steigphase ab

In dieser staatlichen US-Datenbank können Piloten, Flugbegleiter und Co. anonym von Flug-Zwischenfällen berichten. Alle diese Beschwerden beziehen sich auf Autopilot-Flüge mit der Boeing-Maschine. Demnach passierten die Zwischenfälle allesamt, als die Maschinen versuchten, nach dem Start an Höhe zu gewinnen. In den Notizen des Flugpersonals (drei Piloten, zwei Co-Piloten) heißt es, das Flugzeug habe seine Nase im Steigflug plötzlich nach unten gesenkt. Ein Co-Pilot schreibt, das System habe erst wieder funktioniert, nachdem der Autopilot-Modus ausgeschaltet worden sei. 

Erste Fluggesellschaft will Schadenersatz

Ein Kapitän erläuterte in seiner Beschwerde Einzelheiten des noch recht neuen, äußerst komplizierten MCAS-System, das erst mit der 737-Max-Reihe auf den Markt kam. Er schreibt, es sei "unvernünftig", dass es Piloten erlaubt sei, die Boeing 737 Max 8 ohne spezielles Training und ohne weitere Informationen über Unterschiede zu älteren 737-Modellen fliegen zu lassen. Das Handbuch der Boeing 737 Max 8 nennt er "mangelhaft und fast kriminell unzureichend". Die Maschine ist erst seit Mai 2017 in Betrieb. Weltweit fliegen rund 370 Maschinen des Typs. Wegen des geringen Spritverbrauchs war das Flugzeug bislang sehr begehrt. Rund 100 Airlines haben bereits mehr als 5000 Maschinen bestellt.

Video ansehen 01:39

Weltweite Flugverbote für Boeing 737 Max 8

Für Boeing könnten der Absturz und die nun laufenden Ermittlungen zum finanziellen Desaster werden. Als erste Airline kündigte der Billigflieger Norwegian Entschädigungsforderungen an. Die Fluggesellschaft besitzt 18 Maschinen des Typs 737 MAX 8. Ein Unternehmenssprecher sagte, Norwegian werde Boeing "die Rechnung schicken". Die Airline dürfe nicht finanziell leiden, weil ein komplett neues Flugzeug nicht fliegen könne. Nach Berechnungen des Analysehauses Bernstein verliert Norwegian jeden Tag mehr als 750.000 Euro, wenn die Max-Flugzeuge am Boden bleiben.

Der Tui-Konzern wollte sich zur Frage möglicher Kompensationszahlungen für den Ausfall seiner 15 Maschinen vom Typ 737 Max 8 nicht äußern. Nach eigenen Angaben kostet Tui der Flugstopp rund drei Millionen Euro pro Woche. Den Ausfall will der Reiseanbieter mit Charter-Flugzeugen ausgleichen.

Boeing an der Börse im Sinkflug

An der New Yorker Börse fielen die Boeing-Aktien, nachdem das US-Flugverbot verkündet wurde, und zogen den Dow Jones mit nach unten. Zwar erholte sich der Kurs im Laufe des Tages wieder ein wenig, im Vergleich zum Zeitpunkt vor dem Absturz hat die Aktie nun aber mehr als zwölf Prozent an Wert verloren.

ww/ml (dpa, afp, rtr)

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